Leadership & Karriere Cornelia Lutz: „Handwerksberufe haben eine andere Qualität als ein Bürojob“

Cornelia Lutz: „Handwerksberufe haben eine andere Qualität als ein Bürojob“

Das Problem ist bekannt: Viele junge Menschen entscheiden sich lieber für ein Studium als für eine Ausbildung in einem Handwerksbetriebe. Warum? Unter anderem weil das Wissen fehlt. Auch im Handwerk kann man sich weiterbilden, gut Geld verdienen und unter die Gründer:innen gehen.

Cornelia Lutz, Bereichsleiterin B2C-Messen bei der Gesellschaft für Handwerksmessen (GHM), organisiert deswegen das Karriere-Event „Zukunft Handwerk“. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sich die Handwerksbranche verändert und warum sie auch für Startups so attraktiv ist.

Wie veranstaltet man eine Messe, um das Handwerk zu entstauben?

Mit der Einstellung, Neues zu wagen. An dem Konzept haben wir jetzt vier Jahre gearbeitet und das Ergebnis ist ein dreitägiges Event in München, das aber auch hybrid stattfindet, weil wir der Meinung sind: das Handwerk braucht eine Netzwerkplattform wie viele andere Berufe auch. Das gibt es momentan nämlich noch nicht. Dabei ist das Thema Netzwerk auch für das Handwerk ein wichtiger Faktor. Wir haben ein umfangreiches Konferenzprogramm aufgestellt, mit vielen verschiedenen Speaker:innen. Zusätzlich gibt es einen Expo-Bereich und Abendveranstaltungen, damit es überall Kontaktpunkte gibt. 

Woher kommt deine Begeisterung fürs Handwerk?

Ich bin über das Thema Messen und Events zum Handwerk gekommen. Je mehr ich über Handwerk lernen darf, desto größer ist meine Begeisterung dafür. Ich ärgere mich, dass ich so wenig Berührungspunkte zum Handwerk hatte, als ich mir die Berufsfrage gestellt habe. Ich hätte mir jetzt wirklich gut vorstellen können, Schreinerin geworden zu sein. 

Woran lag das, dass du keine Berührungspunkte hattest? 

Meine Eltern sind klassische Akademiker:innen. Deswegen lag Studieren für mich sehr nahe, auch wenn meine Eltern mich nicht dazu gezwungen haben. Insofern habe ich einen klassischen BWL-Weg eingeschlagen, weil ich dachte, ich bin da gut aufgestellt. 

Eigentlich ironisch, wenn man bedenkt, dass viele Traumberufe als Kinder im Handwerk lagen. 

Genau dieses Thema hat die Handwerkskampagne im letzten Jahr aufgegriffen. Eine Studie hat gezeigt, dass sich der Wunsch im Laufe des Erwachsenwerdens nämlich durch unser Umfeld und durch unsere Bildung verändert. 

Wie verändert sich das Handwerk momentan?

Viele Menschen stellen sich die Sinnfrage im Job und wollen etwas machen, was ihnen wirklich Spaß macht. Da bietet das Handwerk mit 130 Gewerken wahnsinnig viel. Du siehst, du schaffst etwas, das eine Langlebigkeit hat. Das hat eine andere Qualität als ein Bürojob.

Außerdem sind Handwerksbetriebe sehr familiär geprägt. Hier wird man individueller berücksichtigt als in den meisten Bürojobs, weil die Teams aus fünf bis zehn Menschen bestehen. Und vor allem passiert im Handwerk momentan auch viel mit Digitalisierung. Deswegen rücken diese Berufe wieder in den Fokus. 

Welche Rolle spielen Influencer:innen für die aufkommende Attraktivität des Handwerks? 

Dadurch kriegt das Handwerk eine ganz andere Strahlkraft, weil es auf einmal durch junge Menschen transportiert wird, mit denen man sich leicht identifizieren kann. Da ist es auch toll, dass es viele Influencerinnen gibt. Das bricht mit Klischees, dass Handwerksberufe zwingend gerade in technischen Bereichen eher für Männer geeignet sind. 

Was man auch immer mehr sieht: Startups entdecken die Handwerksbranche für sich. Wie ist da deine Einschätzung? 

Das ist auf jeden Fall ein zu beobachtender Trend. Viele Startups stellen im Bereich Digitalisierung Lösungen für das Handwerk bereit. Das war lange Zeit nicht so. Das sind dann Programme fürs Recruiting beispielsweise oder alles, was den Arbeitsalltag erleichtert im Hinblick auf Prozesse oder auch Lagerhaltung. Auf der anderen Seite gründen auch Leute aus dem Handwerk heraus Startups. Es entstehen zum Beispiel spannende Kollaborationen mit unterschiedlichen Gewerken oder auch zusammen mit der Industrie. Das ist neues, modernes Handwerk.

Warum entdecken Startups das Handwerk jetzt für sich?

Weil es durch neue Technologien einen Markt dafür gibt. Kleine Handwerksbetriebe sind zudem sehr aufgeschlossen und entscheidungsfreudig. Größere Unternehmen hinken da hinterher. Handwerksbetriebe sind pragmatischer und lassen sich schnell für Innovationen begeistern. 

Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für Handwerksbetriebe?

Die Digitalisierung betrifft Themen wie Effektivität, Produktivität und Wachstum. Sie hilft aber auch, dem Fachkräftemangel entgegenzusetzen. Kleine Betriebe müssen ihre Kosten senken. Ich hatte zuletzt ein Gespräch mit einem Bäcker, der einen Onlineshop hat, in dem man seine Backwaren bestellen kann. Außerdem produziert er Werbemittel, also bedruckt Kekse für Firmen mit einem entsprechenden 3D-Drucker, und und und. 

Welche Karrierechancen gibt es im Handwerk?

Es gibt momentan Diskussionen, dass der Meisterbrief einem Studium gleichgestellt wird. Das fände ich wichtig, weil es die Attraktivität des Handwerks für viele nochmal steigern würde, auch aus finanzieller Perspektive, denn dann würde für die Meisterschule keine separate Gebühr fallen. Es gibt im Handwerk viele Möglichkeiten gutes Geld zu verdienen, zum Beispiel indem man einen eigenen Betrieb gründet. 

Man kann übrigens auch ins Ausland gehen, um sich dort weiterzubilden und neue Techniken zu lernen. Die Handwerkskammern haben Programme dafür und unterstützen das. Die deutsche Ausbildung im Handwerk hat einen tollen Ruf im Ausland. 

Das klingt ja alles eigentlich ziemlich gut. Wieso gehen so wenige junge Menschen diesen Weg?

Zum Glück entdecken mehr Menschen das Handwerk für sich. Vor zehn Jahren wurde eine große Handwerks-Kampagne in Deutschland gestartet, die zeigt jetzt so langsam Erfolge. Ich sehe allerdings noch Bedarf in unserem Bildungssystem. An Gymnasien wird kaum über Handwerksberufe gesprochen.

Vor welchen Herausforderungen steht das Handwerk aktuell? 

Vor der Herausforderung der positiven Sichtbarkeit. Damit hängt auch die Wertschätzung, die das Handwerk durch aktuelle Schlüsselthemen verdient. Diese Wertschätzung hilft wiederum dabei, künftig die richtigen Menschen fürs Handwerk zu finden. 

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