Innovation & Future „Im Ballett ist seit Jahrzehnten nichts passiert“: Wie Sophia Lindner das ändern will

„Im Ballett ist seit Jahrzehnten nichts passiert“: Wie Sophia Lindner das ändern will

Schweiß, Muskelkater, Körperbeherrschung: Ballett erfordert hartes Training. Jahrelang. Auch um zu lernen, die enormen Schmerzen auszuhalten. Tänzerinnen müssen ihre Füße in Schichten aus Pappe und Leim stecken, umhüllt von rosa Satinstoff. Außen Eleganz, innen Elend. Nicht selten wird mit gebrochenen und blutenden Zehen auf den Bühnen getanzt.

„In einer Sportart, in der es um Perfektion geht, ist das schon absurd“, sagt Sophia Lindner, Gründerin des Karlsruher Startups Act’ble. „Im Profisport findet so viel Innovation statt, aber beim Ballett ist seit Jahrzehnten nichts passiert.“ Bis jetzt. Denn Lindner hat ein Konzept für Spitzenschuhe entworfen, die dem Mindset „bloody feet mean good work“ ein Ende setzen sollen.

Innovation vs. Rückständigkeit

Erster Innovationsansatz, man glaubt es kaum: Die Schuhe sind für den jeweils linken und rechten Fuß designt. Zweiter: Lindners Modell kommt aus dem 3D-Drucker und ist aus Kunststoff. Die Sohlen haben Einschnitte, damit sie „nach hinten“ Flexibilität und „nach vorne“ Stabilität bieten. An der Sohle sind drei Bänder befestigt, die man um den Fuß schnürt. Sie bilden einen Trichter, der den Fuß auffängt, sodass die Zehen nicht mit voller Kraft auf die Spitze treffen. Das soll die Fußmuskulatur entlasten. Das dritte Element des Schuhs ist eine Außenhülle aus Kompressionsstoff, die den Fuß zusätzlich stützt. „Skin“ nennt Lindner sie.

Der Begriff ist bewusst gewählt. „Tänzerinnen müssen bislang ihre Spitzenschuhe mit ,rechts‘ und ,links‘ beschriften und mit Make-up überschminken, damit sie zu ihrem Hautton passen“, sagt sie. „Das Rosa der üblichen Schuhe symbolisiert nämlich die Haut. So rückständig ist die ganze Branche.“ In dem Konzept von Lindner ist der Spitzenschuh derzeit beige, soll aber in Zukunft an alle Hauttöne individuell anpassbar sein. Skin, Sohle und Bänder sind zudem einzeln austauschbar. Der modulare Ansatz ist das Businessmodell hinter der Idee. Lindners Produkt richtet sich somit an gesamte Opernhäuser, aber auch an Einzeltänzerinnen und Einzeltänzer.

Proof of Concept

Ins Gründertum ist Lindner irgendwie reingeschlittert. Das Konzept ihrer Spitzenschuhe war eigentlich nur für ihre Bachelor-Thesis im Produktdesign an der Hochschule Pforzheim gedacht. Die Idee für ihr Produkt kam Lindner, weil sie selbst viele Jahre Ballett mit Spitzenschuhen getanzt hat und aufgrund von gesundheitlichen Problemen aufhören musste. Noch während der Schreibphase ihrer Bachelorarbeit wurde sie vom Kongress für Tanzmedizin eingeladen, ihre Idee vorzustellen und einem Publikum zu präsentieren.

Lindner nahm die Einladung an und beantragte prompt ein Patent für das Konzept. Das war 2018. Damit war der Schritt zum Gründen besiegelt. Nach dem Kongress wollten Opernhäuser die Schuhe direkt bestellen, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch kein Prototyp existierte. Mit der Bachelorarbeit hatte Lindner also bereits ihren Proof of Concept, mit der Nachfrage den Beweis, dass der Markt bereit ist für etwas Neues.

Gründerin Sophia Lindner. ©Tobias Süsser

Auch zu einem anderen Zeitpunkt der Gründungsphase war das Interesse an Act’ble groß: in der Betaphase der Produktentwicklung. 50 Profitänzerinnen unter anderem aus dem finnischen und Berliner Staatsballett bewarben sich auf Instagram bei Lindner, um die Schuhinnovation testen zu dürfen. Sie waren bereit, für ein unfertiges Produkt Geld zu bezahlen. Anhand des Feedbacks hat Lindner den Schuh wieder und wieder angepasst. Feine Millimeterarbeit. „Tänzerinnen haben so ein gutes Körpergefühl“, sagt die Gründerin. „Wir haben die Sohle Hunderte Male im 3D-Drucker gedruckt und immer wieder Mini-Anpassungen durchgeführt, bis wir absolut zufrieden waren.“ Diese Ausdauer ist ein Skill aus ihrer Ballett-Erfahrung, der Lindner im Startup-Leben hilft, die Prozesse durchzuziehen. Andere sind Perfektion und das Überwinden persönlicher Grenzen.

„Ballett ist ein Markt, in dem das Problem so groß ist, dass die Zielgruppe bereit ist, viel Geld dafür zu zahlen“

SOPHIA LINDNER

All die Nachfragen zeigen: Der Bedarf an Innovation ist groß – nicht nur aus gesundheitlichen Gründen. Gewöhnliche Spitzenschuhe haben aufgrund ihrer Materialien eine kurze Lebensdauer. Lindner nennt das Royal Opera House in London als Beispiel. „Pro Spielzeit geben sie 250 000 Euro allein für Spitzenschuhe aus“, sagt sie. Ein Paar kostet zwischen 60 und 180 Euro. Die Schuhe von Act’ble sind mit 220 Euro teurer, sollen aber deutlich länger halten als die rosa Pappvarianten. „Wenn man die Zahlen auf Deutschland projiziert, dann ist da ein ungefähres Marktvolumen von 113 Mio. Euro pro Jahr“, sagt Lindner. Hinzu kommen noch moderne Tanzsportarten wie Contemporary. Auch eine interessante Zielgruppe: Männer. Die wollen normalerweise nicht in rosa Satin tanzen.

„Ballett ist ein Markt, in dem das Problem so groß ist, dass die Zielgruppe bereit ist, viel Geld dafür zu zahlen“, sagt Lindner. „Auch der Customer-Lifetime- Value ist sehr hoch und damit interessant für Geldgeber.“ Gute Argumente. Die hat Lindner auch auf diversen Startup-Veranstaltungen vorgetragen, wie der Slush’D in Heilbronn im September letzten Jahres.

Mehr Tech als Lifestyle

Dort pitchte die Gründerin gegen Startups mit KI-Fokus. Ihren Prototyp trug sie in der Handtasche bei sich, führte ihn vor, wann immer sie über ihr Startup sprach. Auf solchen Veranstaltungen fühle sie sich wie ein „bunter Vogel“, sagt sie, weil sie kein klassisches Digitalprodukt anbietet. Genau das scheint Jurys zu überzeugen. Auf der Slush’D machte Lindner mit Act’ble den ersten Platz in der Kategorie der Pre-Seed-Startups und bekam 5 000 Euro Prämie.

Ballett klingt zwar nach Lifestyle, Lindner sieht Act’ble aber als Tech-Startup, das seinen Ursprung im Health-Bereich hat. Nicht nur der 3D-Druck macht das Produkt technologisch, auch die Arbeit mit Datenbanken und das Ziel der Automatisierung der Anfertigungen tragen dazu bei. Noch ist jedes Paar eine Maßanfertigung, die für den Druck am Computer erstellt werden muss.

Der Hauptfokus von Act’ble liegt derzeit auf dem Spitzenschuh, weitere Produkte sind aber schon in Arbeit. Zum Beispiel ein gestrickter Body mit Kompressionszonen, den man zum Training und im Alltag tragen kann. „Wir wollen die Brand sein, die sich für ein modernes Mindset im Tanz einsetzt“, sagt Lindner.

Da ist das Ding! Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das Thema Immobilien und den Traum vom Eigenheim. Außerdem haben wir Netflix-Showrunnerin Anna Winger getroffen und die Brüder Ahmed und Mike Chaer, die deutsches Wrestling groß machen wollen. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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