Life & Style Star-Tätowierer Mark Mahoney: „Ich liebe das Gefühl, etwas Gefährliches und Illegales zu tun“

Star-Tätowierer Mark Mahoney: „Ich liebe das Gefühl, etwas Gefährliches und Illegales zu tun“

Es ist nicht gerade einfach, auf der Tattoo-Convention „Gods of Ink“ in Frankfurt aus der Menge herauszustechen. Aber einem Mann in lavendelfarbenem Anzug, lila-pinken Schuhen aus Krokodilleder und Goldringen gelingt es: Mark Mahoney. Die grauen Haare hat er zu einer Tolle gestylt. Seine Stimme ist tief, seine Art zu sprechen ruhig. Alle wollen Fotos mit ihm, zeigen ihm ihre Tattoos, nennen ihn ehrfürchtig „Legende“. Mahoney nimmt sich Zeit, schaut sich alle Arbeiten an. Er gilt als Urvater der Schwarz-Grau-Motive, gestochen mit nur einer Nadel.

Herr Mahoney, als Sie als Tätowierer anfingen, war das in Ihrer Heimat Massachusetts noch illegal. Was hat Sie angetrieben? Die Lust am Verbotenen?

Mit 15 war ich in einem Tattoo-Shop namens Buddy Mods. In der Sekunde, in der ich das Studio betrat, wusste ich: Das will ich machen. Einer hatte gerade einen Hells Angel tätowiert. Als Kind habe ich viele Motorräder gezeichnet. Dieser Lebensstil hat mich schon immer angezogen. Ich liebe das Gefühl, etwas Gefährliches und Illegales zu tun. Ich habe auch immer gewusst, dass ich etwas mit Kunst machen will, sah mich aber nie als großen Galeristen.

Wer hat Ihnen das Tätowieren beigebracht?

Mark Herlihy. Er ist mein Held. Er hatte einen eigenen Laden in New Hampshire. Seit 1977 hatte er nie eine Schablone benutzt. Er malte alle Motive mit einem Stift direkt auf die Haut. Und das 45 Jahre. Ziemlich cool. Er war der Anführer unserer Gang. Wir gehörten zu den Greasers. Wir zogen uns in den 70er-Jahren an wie in den Fünfzigern. Das Tätowieren hatte er in der Navy gelernt. Danach brachte er es mir bei, und ich tätowierte ihm direkt einen großer Tiger auf den Rücken. 

Wie sind Sie das Tätowierverbot umgangen?

Mit 19 arbeitete ich in den Clubhäusern von Biker-Gangs. Die Jungs waren richtig gut zu mir. Sie hatten Vertrauen in mich, ließen mich an ihnen üben. Ich ersparte ihnen dafür Ausflüge nach Rhode Island, wenn sie ein Tattoo wollten. Ich war bereit, alles auszuprobieren. Ein für beide Seiten vorteilhafter Deal.

Wurden Sie jemals von der Polizei erwischt?

Ich nicht, aber Mark Herlihy wurde in Massachusetts wegen Tätowierens verhaftet. Die Polizei nahm ihm seine Ausrüstung weg, und er bekam eine Geldstrafe. Auch die Mafia drohte ihm. Sein Geschäft lag in ihrem Gebiet, dafür musste er ihnen Geld zahlen. Ich hatte das Glück, dass mir so etwas noch nie passiert ist.

Ist Ihnen aber mal etwas anderes Gefährliches passiert?

Als ich nach Kalifornien kam, war eines der ersten Dinge, die mir auffielen, dass alle Tätowierer Waffen hatten. Mein Mentor, Rick Walters, tätowierte einmal einem Möchtegern-Biker ein Harley-Design. Es war zu 95 Prozent fertig. Nur noch eine orangefarbene Schattierung fehlte. Der Typ klagte, ihm sei schlecht, und er müsse raus. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass irgendwas nicht stimmte.

Und dann? 

Aus dem Fenster sah ich, wie der Typ in ein Auto sprang und, ohne zu bezahlen, davonfuhr. Ich schrie: „Rick, der Wichser haut ab!“ Rick rannte mit einer Waffe raus und schoss dem Auto die Windschutzscheibe ein. Der Wagen wendete, wollte Rick umfahren, der wich aus und schoss noch fünfmal ins Auto. Das alles für ein Tattoo, das 37 Dollar kostete. Ich dachte: California is fucking crazy. Danach schenkte mir Rick seine Waffe. 

Und ist die jemals zum Einsatz gekommen? 

Als ich einmal vom Mittagessen zurückkam, hörte ich Schüsse. Mein Boss, Colonel Todd, hockte hinter einem Auto und schoss auf den Anführer des Motorradclubs aus dem Ort. Da dachte ich mir: Na ja, das ist mein Chef. Ich habe eine Waffe, ich schätze, ich sollte bei der Party mitmachen. Alles klar? Also bin ich hinter das Auto gestiegen, habe in die Richtung geschossen und gehofft, niemanden zu treffen. Aber mein Chef sollte einfach wissen, dass ich für ihn da war. 

Sie waren auch in der Punkszene.

Ein Freund von mir managte Rockbands. In meiner ersten Nacht in New York City lernte ich Johnny Thunders kennen. Ich ging jeden Abend in der Woche zu Gigs, danach in den After-Hour-Club. 1978 war es fantastisch in New York. Es war die große Zeit des Punkclubs CBGB’s. Ich habe einen von den Ramones vor dem Laden verprügelt.

Warum wollten Sie unbedingt so einen gefährlichen Job machen? 

Gute Frage. Man wurde damals als Tätowierer weder reich noch berühmt. Ich fand Tattoos einfach cool. Ich wollte ein Teil der Geschichte der Leute sein. Meine Eltern waren beschämt deswegen. Sie wollten, dass ich Priester werde. Und das wollte ich sogar auch, bis ich als Teenager Mädchen und Bier entdeckte. Aber Priester und Tätowierer haben auch etwas gemeinsam. Die Leute reden immer mit mir, als ob ich ihr Priester wäre. Ich nehme ihnen ständig die Beichte ab. 

Sie sind bekannt für Ihren Single-Needle-Style in Schwarz-Grau. Wie haben Sie ihn entwickelt? 

In Kalifornien habe ich das erste Mal Single-Needle-Tattoos gesehen. Sie stammten alle aus dem gleichen Tattoo-Shop namens Good Time Charlie’s. Freddy Negrete, der jetzt bei mir im Shop arbeitet, eröffnete ihn. Der Shop war das Heilige Land der Schwarz-Weiß-Tattoos. Wer das Glück hatte, dort einen Job zu bekommen, war ein Made Man – wie bei der Mafia. Ich hatte das Glück.

2001 haben Sie Ihren eigenen Tattoo-Laden aufgemacht: Shamrock Social Club.

Ich sollte den Mietvertrag am 11. September 2001 unterschreiben. Aber da kam was dazwischen, wie man weiß. Und der Vermieter rief mich an und sagte: „Vielleicht sollten wir das morgen erledigen.“ Ich werde mich also immer daran erinnern, dass ich am 12. September den Mietvertrag unterschrieben habe. Die Welt war im Umbruch. Es war wahrscheinlich eine schwierige Zeit, um ein Unternehmen zu gründen. Aber wir haben es geschafft, mit langen Arbeitszeiten und guten Leuten. Wir waren wie eine Band aus Altrockern. 

Wieso Social Club?

Es ist zum Teil eine Anspielung auf die Mafia. Die Jungs hatten in Little Italy in New York einen sogenannten Social Club, wo sie abhingen, Espresso tranken, Karten spielten und ihre Verbrechen planten. Und es geht auf meine Vorstellung zurück, dass Tätowieren ein sozialer Vorgang ist, bei dem man mit Leuten spricht. Wer in meinen Laden kommt, muss sich aber nicht unbedingt tätowieren lassen. Jeder kann kommen, Billard spielen und einfach mal Scheiße reden, so wie der Rest von uns. 

Wie viel tätowieren Sie noch?

Momentan fünfmal die Woche. So sechs Stunden am Tag. Das Alte-Leute-Programm eben. 35 Jahre lang habe ich jeden Tag mehr als zehn Stunden tätowiert. Drogen haben uns geholfen, uns so lange zu konzentrieren. Früher ist man auch in einen Tattoo-Shop gegangen und hat sich ein Motiv, das an der Wand hing, rausgesucht. Ich will aber, dass Leute mit Ideen zu mir kommen. Ich hasse es, wenn sie sagen, ich solle machen, was ich will. 

Wann lassen sich Menschen von Ihnen tätowieren?

Jahrelang war es bei Seemännern Tradition, mit einer Tätowierung an ein großes Ereignis im Leben zu erinnern. Heutzutage lassen sich Leute zum Spaß tätowieren. Manche kommen zu mir und wollen ein albernes Motiv. Ich mag es aber viel mehr, wenn man Menschen mit guten Tattoos schocken kann. Ich vermisse das heutzutage. 

Was sagt das Ihrer Meinung nach über unsere Gesellschaft?

Es geht um die Unmittelbarkeit des modernen Lebens. Alles passiert so schnell. Die Menschen hängen an ihren Smartphones, ihre Aufmerksamkeitsspanne ist kürzer. Niemand ist sich über die Zukunft sicher. Es ist schwer für junge Menschen, an einen Hauskauf und an all die Dinge, die ihre Eltern tun konnten, zu denken. Alles ist so teuer. Ich glaube, alberne Tattoos sind für die Kids heutzutage ihre Art der Rebellion.

Was war denn Ihr erstes Tattoo?

Eine Kette um meinen Knöchel mit zwei Herzen und dem Namen meiner Highschool-Liebe. Da war ich 16. 

Wo haben Sie es stechen lassen? 

In Rhode Island. Der Laden hieß -Jean’s Clam Bar. Er gehörte einer Frau. Sie verkaufte dort Muscheln und Bier. Man musste für ein Tattoo durch die Bar gehen, in ein winziges Hinterzimmer. Ihr Mann war angeblich ein Seemann, der nie mehr wiedergekehrt ist. Sie blieb mit seiner Ausrüstung und der Bar zurück und brachte sich selbst das Tätowieren bei. 

Auch Stars suchen Sie auf.

Lady Gaga kommt manchmal vorbei. Das letzte Mal, als sie da war, war viel los, und die Leute standen Schlange, um auf die Toilette zu gehen. Dort wartete sie mit zwei mexikanischen Gangstermädchen aus East L.A. Das macht den Laden so besonders. Der Slogan ist: „Wo sich Underground und Elite treffen“. Das Zitat stammt von Charles Burchett. Es stand auf seiner Visitenkarte, weil er nicht nur gewöhnliche Leute tätowierte, sondern auch Aristokraten und Royals. 200 Jahre später machen wir im Shamrock das Gleiche. 

Was denken Sie, wieso kommen sie ausgerechnet zu Ihnen?

Tätowierer waren damals meist immer mürrisch. Als ich meinen eigenen Laden eröffnete, schwor ich mir, nett zu den Leuten zu sein. In den ersten anderthalb Jahren, in denen ich meinen Shop hatte, brachte eine Freundin einen Kumpel aus New York mit. Dieser Freund war Johnny Depp. Früher ging das Fernsehen nur bis Mitternacht. Dann erschien ein Schwarz-Weiß-Bild von einem Indianerkopf im Profil mit einem Kreis drumherum auf dem Bildschirm. Ich hatte keine Ahnung, warum, aber Johnny wollte genau dieses Motiv. Seitdem sind wir befreundet. Neulich erzählte er mir, dass ich ihm damals für das Tattoo ein Sixpack Budweiser berechnet hatte. 

Was war die verrückteste Situation, in der Sie je tätowiert haben?

Ich erzähle die Geschichte nicht oft. Ich tätowierte einer 65-jährigen Frau hinter geschlossener Tür eine Brustwarze auf ihr Implantat. Sie hatte ihre Brüste durch Krebs verloren. Mein Kumpel Mickey ist mit einem anderen Freund von mir im Studio in einen Streit geraten. Es ging um Betrug und endete damit, dass mein Freund auf Mickey eingestochen hat. Die Frau hatte Angst, fragte, was da vor der Tür los sei. Ich meinte nur, dass die Brüder sich manchmal bekämpfen, ging raus und sah das ganze Blut auf dem Boden. Ein anderer Kunde von mir wartete auf seinen Termin. Ich bat ihn, Mickey zum Art zu fahren. Das war für den Jungen sicherlich ein denkwürdiges Ereignis. 

Wie hat sich das Tattoo-Biz über die Jahre verändert?

Die jungen Tätowierer eröffnen eher private Studios und keine Tattoo-Shops. Sie mieten einen kleinen Büroraum, stellen eine Pflanze in die Ecke und hören über Kopfhörer Musik beim Tätowieren. Die Kunden sitzen nur da und können sich nicht mal umsehen, weil keine Motive an der Wand hängen. Ich verstehe nicht, warum sich Leute in so einer Umgebung tätowieren lassen. Und ich verstehe nicht, warum jemand so arbeiten will. 

Das heißt, Sie bleiben der alten Schule treu?

Ich lerne ständig von jungen Künstlern dazu. Sie kennen neue Techniken. Ich bin bereit, mich ein bisschen zu verändern, aber nicht viel. Seit zehn Jahren gibt es neue Tattoo-Maschinen. Mit ihnen tätowiert es sich leichter. Ich kann damit aber nicht arbeiten. Ich nutze immer noch die, die 1902 entworfen wurden. Sie klingen wenigstens noch wie richtige Tätowiermaschinen. Die haben Bass. Die neuen Maschinen sehen aus wie Vibratoren. 

Was genau stört Sie an diesen Veränderungen?

Ich mag generell keine Veränderungen. Es fällt mir schwer, sie zu akzeptieren. Ich mag es mehr, wenn alles so bleibt, wie es ist. Wechsle ich die Maschine, verändert sich mein Stil. Und der ist mein Baby, weißt du?

Welches Tattoo-Motiv ist wirklich eines für die Ewigkeit?

Das Wesentliche an Tattoos ist ja, dass sie für immer sind. Bei jeder Tätowierung geht es um die Ewigkeit, weil es das Einzige ist, was man mit ins Grab nehmen kann. Wenn ich mich entscheiden muss: Viele Gangstertypen, auch welche, die im Gefängnis saßen, haben sich eine Sanduhr stechen lassen. Ich denke, das ist ein gutes Symbol für die Ewigkeit. 

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 03/23. Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das Thema Danach. Wie geht es nach einem Fuck-Up oder Wendepunkt im Leben weiter? Außerdem haben wir mit Nationaltorhüterin Merle Frohms gesprochen und die Seriengründerin Marina Zubrod erzählt alles über ihre Hassliebe zum Unternehmertum. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

Das könnte dich auch interessieren

Neue Play-hard-Hitliste: Das sind die 101 besten Hotels  Life & Style
Neue Play-hard-Hitliste: Das sind die 101 besten Hotels 
War goes on Life & Style
War goes on
Vom Laptop zum Löffel: 5 Tipps für gesunde Ernährung im Homeoffice Life & Style
Vom Laptop zum Löffel: 5 Tipps für gesunde Ernährung im Homeoffice
Du streitest Dich bis aufs Blut? Hier kommt Friedensengel Tim Life & Style
Du streitest Dich bis aufs Blut? Hier kommt Friedensengel Tim
Auf zu neuen beruflichen Höhen – Neujahrsvorsätze für einen erfolgreichen Start ins Jahr Life & Style
Auf zu neuen beruflichen Höhen – Neujahrsvorsätze für einen erfolgreichen Start ins Jahr