Leadership & Karriere So wird aus deiner Idee ein Jungunternehmen und kein Startup

So wird aus deiner Idee ein Jungunternehmen und kein Startup

Ein Gastbeitrag von Annemarie Heyl, Gründerin von Kale & Me

Beim Thema Gründen als nächsten großen Karriereschritt denken viele automatisch an Startups. Kein Wunder, schließlich sind es vor allem sie, über die wir lesen: 20 Millionen hier, neue Investor:innen da. Aber eben auch: Layoffs, wenn sie sich verkalkuliert haben oder wenn Finanzierungsrunden scheitern. 

So etwas kann Gründungswillige ordentlich abschrecken, vor allem wenn die eigene Business-Idee weder digital, noch im großen Stil skalierbar ist oder auch die eigene Risikobereitschaft nicht in dem Maße vorhanden ist. Es gibt diverse (gute) Gründe, warum man sich mit dem Modell „Startup“ nicht anfreunden kann. Doch das Gute ist ja: Man kann auch ganz „klassisch“ gründen.

Ich selbst habe das ganze mit meinem eigenen Unternehmen durchlebt und möchte Mut machen, selbst zu gründen und sich bloß nicht abschrecken zu lassen.

Jungunternehmen vs. Startup

Ein Jungunternehmen, wie ich es führe, wird in Investor:innen-Kreisen gerne als „Lifestyle Case“ bezeichnet – das bedeutet: Hierbei handelt es sich um Gründer:innen, die es mit dem Unternehmertum wirklich ernst meinen, das Business nachhaltig und langfristig aufbauen wollen, lange im Unternehmen bleiben und tendenziell gerne viele Anteile behalten.

Das bedeutet auch eine geringere Risikobereitschaft und langsames Wachstum – für externe Geldgeber:innen meist unlukrativ und wenn doch Geld fließt, dann eher als Herzensprojekt oder in den Glauben an das Team

Was Investor:innen hingegen bei Unternehmen sehen wollen – und hier sprechen wir nun über Startups: ein schnelles Wachstum des Unternehmenswertes. Das ist auch nicht verwunderlich, schließlich muss sich das getätigte Investment lohnen. Und investiert wird in die Unternehmung selbst und nicht unbedingt in das, was das Startup schafft (Produkte oder Dienstleistungen).

Es geht Investor:innen entsprechend nicht um die Maximierung der Produktqualität oder der Qualität der Dienstleistung, sondern um den Wert des Unternehmens.

Aus dem Nähkästchen geplaudert – der Start meiner Gründung

Ich habe mich bei der Gründung vor acht Jahren für den Weg als Jungunternehmerin und damit für einen Weg mit wenigen Investor:innen und dem Großteil der Anteile in eigener Hand entschieden. Warum? Weil ich das so von Zuhause kannte.

Unternehmertum hieß im damaligen Familienunternehmen meines Vaters, dass man einen signifikanten Anteil der Unternehmenswerte in der eigenen Hand hält, dadurch auch keine Abhängigkeit von Außenstehenden hat, dass externes Geld höchsten von der Bank kommt und strategische Entscheidungen allein von der Unternehmerfamilie getroffen werden. 

Was uns anfangs für den typischen Startup-Weg geraten wurde, war das Gegenteil von dem, was ich für mich als einzig richtigen Weg definiert hatte: Wir sollten für maximales Wachstum schnell viel Kapital von Investor:innen reinholen, am besten direkt am Startup-Hotspot Berlin gründen, schnell in weitere Länder expandieren, in Nachtschichten durchpowern um noch schneller voranzukommen, auf Praktikant:innen setzten, die viel schaffen, aber die man auch schneller wieder loswerden kann und alles so schlank wie möglich aufstellen – keine Produktion, kein Lager und am besten überhaupt kein haptisches Produkt. 

Mit klarer Vision

Ich bin unglaublich froh, dass werteorientiertes Unternehmertum damals quasi schon in meine DNA eingebacken war und ich eine sehr klare Vision für mein Unternehmen hatte. Es war trotzdem nicht immer möglich, an diesem Kurs festzuhalten, was aber ebenfalls zur Reise dazugehört.

Wir haben beispielsweise Investorengeld rund um unseren DHDL-Auftritt eingesammelt, um das erwartete deutlich höhere Bestellaufkommen und damit einhergehende Wachstum finanzieren zu können – für Banken waren wir damals zu jung. Unsere Investor:innen begleiten uns seither langfristig.

Und wir wissen auch, dass wir auf sie zählen können, wenn wir für den nächsten Schritt beispielsweise mehr Kraft, mehr Geld oder eine gewisse Expertise brauchen sollten. 

Jungunternehmen
Gastautorin und Kale & Me Gründerin Annemarie Heyl

Decisions, decisions, decisions – die richtigen Fragestellungen für die Gründung

  • Was sind meine langfristigen Ziele für das Unternehmen? Welche Vision habe ich und wie passt sie zu den verschiedenen Gründungsoptionen? Soll dein Unternehmen gar zum Familienunternehmen werden? Dann ist ein klassisches Startup-Konstrukt nicht die richtige Wahl. 

  • Wie viel Kontrolle möchte ich über das Unternehmen haben? Ein Unternehmen mit externen Geldgebern bedeutet, dass man einige Kontrollrechte abgeben muss, was nicht immer mit den Zielen übereinstimmt. Oder würde ich lieber alle Entscheidungen alleine treffen und die volle Kontrolle haben?

  • Wie schnell möchte ich wachsen? Ein Startup mit externen Investor:innen kann schnelles Wachstum ermöglichen – damit zusammenhängende Wachstumsziele können aber auch einen enormen Druck auf das Unternehmen ausüben.

  • Wie wichtig ist mir die Nachhaltigkeit? Wenn es wie bei einem Startup vor allem um Profit und Wachstum geht, muss ich womöglich Entscheidungen treffen, die ökologisch oder sozial nicht in der Tiefe nachhaltig sind und vielleicht nur der oberflächlichen Kommunikation dienen. Wirkliche Nachhaltigkeit ist oft zu kompliziert und zu teuer. 

  • Wie riskant ist mein Geschäftsmodell? Wenn es sich um ein riskantes Geschäftsmodell – beispielsweise in stark regulierten Branchen wie dem Gesundheitswesen oder rund um Finanzdienstleistungen – handelt, können Investor:innen hilfreich sein, um dieses Risiko zu teilen.

  • Habe ich die finanziellen Ressourcen, um allein zu gründen, oder benötige ich finanzielle Unterstützung von Investor:innen? Oder reichen mir für den Anfang Erspartes oder private Darlehen von Freund:innen und Familie?

  • Wie sieht die Wettbewerbslandschaft aus? Kann ich mir Zeit nehmen, um organisch zu wachsen, oder brauche ich schnell Marktanteile, um erfolgreich zu sein?

  • Wie wichtig ist mir die Unternehmenskultur? Bin ich in der Lage, eine Kultur zu schaffen und aufrechtzuerhalten, die meinen Vorstellungen entspricht, oder bin ich bereit, Kompromisse für schnelles Wachstum einzugehen?

Fest steht: Gründen und Unternehmertum ist eine Reise voller Herausforderungen und Chancen, bestenfalls stets geleitet von einer starken Vision und Werten. Jede Entscheidung, die man trifft, jede Hürde, die man überwindet, führt einen als Gründer:in näher zu dem Unternehmen, das man sich erträumt.

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