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Mahj-Mania: Das nächste Social-Business?

Mahj-Mania: Das nächste Social-Business?
Business Punk
Erschienen
Lesezeit4 Min · 850 Wörter

In den USA wird Mahjong gerade vom Gesellschaftsspiel zum Lifestyle-Produkt. Clubs, Designer-Sets und Events machen aus dem traditionellen Spiel ein lukratives Geschäft. Kommt die „Mahj“-Mania jetzt auch nach Deutschland?

Mahjong klingt hierzulande noch nach einem Computerspiel aus den Neunzigerjahren oder nach einem komplizierten Abend mit chinesischen Spielsteinen. In den USA ist das längst vorbei: Dort mutiert das Spiel zum Statussymbol, Community-Treff und erstaunlich lukrativen Geschäftsmodell.

Ein uraltes Spiel dreht plötzlich durch

Mahjong entstand wahrscheinlich im China des 19. Jahrhunderts und wird normalerweise zu viert gespielt. Das Spiel kombiniert Elemente von Rommé, Poker und taktischem Kombinieren – allerdings mit Spielsteinen und je nach Variante sehr unterschiedlichen Regeln. In asiatischen Communities gehört Mahjong seit Generationen zum Alltag. In den USA entwickelte sich daraus unter anderem American Mah Jongg – eine Variante, die sich besonders über jüdische Frauennetzwerke verbreitete. Die 1937 gegründete National Mah Jongg League standardisierte die amerikanische Spielweise. Doch seit der Pandemie erreicht das Spiel plötzlich ein völlig neues Publikum. Nach Angaben von Yelp stiegen die Suchanfragen nach Mahjong-Clubs zwischen September 2024 und August 2025 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um satte 4.467 Prozent. Suchanfragen nach Mahjong-Kursen legten um 819 Prozent zu. Im August 2026 erreichten Suchanfragen nach „mahjong store“ und „mahjong club“ ein Allzeithoch.

Mahjong wird zum Lifestyle-Produkt

Und wo ein Hype entsteht, dauert es in den USA selten lange, bis jemand ein Geschäftsmodell daraus baut. In Charlotte, North Carolina, eröffnete 2026 mit Heron House ein Mahjong-Studio, das eher nach Boutique-Hotel als nach Spieleabend aussieht: Garten, Designertapeten, Tische mit Handtaschenhaken und Halterungen für Weingläser. Die Mitgliedschaft kostet bis zu 179 Dollar im Monat. Sets werden mit bis zu 475 Dollar angegeben. Das Studio zählt nach eigenen Angaben 70 Mitglieder. In Scottsdale versteht sich The Mahj Clubs gleich als eine Art Mini-Country-Club. Na klar.

900 Dollar für ein Spielset

Besonders lukrativ – und wirtschaftlich interessant – wird der Boom beim Zubehör. Das Unternehmen Oh My Mahjong verkauft Spielsteine in knalligen Designs, dazu bedruckte Matten, Acrylhalter, Taschen und Mischmaschinen. Komplettpakete starten bei rund 660 Dollar und können bis zu 925 Dollar kosten. Aus einem traditionellen Gesellschaftsspiel wird damit ein Instagram-taugliches Lifestyle-Produkt. Oh My Mahjong meldete zunächst mehr als 30 Millionen Dollar Jahresumsatz. Später gab das Unternehmen für 2025 rund 40 Millionen Dollar Umsatz an und stellte für 2026 bis zu 100 Millionen Dollar in Aussicht. Die Zahlen sind nicht unabhängig überprüfbar, weil die Finanzberichte des nicht börsennotierten Unternehmens nicht öffentlich zugänglich sind.

Aus Mahjong wird „Mahj“

Selbst der Name wird amerikanisiert. „Mahj“ funktioniert inzwischen als Substantiv, Verb und Lifestyle-Code. Servietten tragen Sprüche wie „Mahjong with Mah-girls“, Taschen fordern zum „Get Your Mahj On“ auf. Auf Marktplätzen wie Etsy und in spezialisierten Online-Shops wird das Spiel zunehmend als Design- und Lifestyle-Produkt vermarktet. Mahjong ist nicht mehr einfach ein Spiel. Es wird zur Marke – und zum Anlass, Freunde einzuladen, Wein aufzumachen und ziemlich viel Geld für einen Abend am Tisch auszugeben.

Zwischen Hype und kultureller Identität

Parallel entsteht eine zweite Mahjong-Welle. Junge Asian Americans entdecken das Spiel als Verbindung zu ihrer Familiengeschichte neu. Pop-up-Events inszenieren Mahjong bewusst asiatisch, urban und modern. Die taiwanisch-amerikanische Unternehmerin Angie Lin veranstaltet mit East Never Loses Events und Kooperationen rund um asiatische Kultur. Bei großen Kultur- und Lunar-New-Year-Events, unter anderem mit Partnern wie Hennessy und Gold House, gehört ein eigener Mahjong-Raum inzwischen zum Programm. In Tampa machte Jacob Chang aus einer privaten Gruppe von fünf Freunden innerhalb von zwei Jahren den Red Eye Mahjong Club – und 2026 schließlich seinen Vollzeitjob. Bei den Veranstaltungen treffen sich junge Berufstätige in Bars und anderen Locations zu Mahjong-Abenden und Einsteiger-Events.

Wer verdient am chinesischen Kulturgut?

Genau hier bekommt der Boom allerdings eine schärfere Seite. Je stärker Mahjong zum schicken Lifestyle-Produkt für zahlungskräftige amerikanische Vorstädte wird, desto lauter wird die Debatte um kulturelle Aneignung. Schließlich stammt das Spiel aus China und besitzt für viele asiatische Familien eine kulturelle Bedeutung, die weit über einen hübsch dekorierten Spieleabend hinausgeht. Die Frage lautet deshalb auch: Wer verwandelt dieses Kulturgut in ein Business – und wer verdient daran? Oh My Mahjong betont, das Unternehmen sei den traditionellen chinesischen Gestaltungselementen verpflichtet. Viele Mitglieder des Designteams seien Asian Americans. Das ändert jedoch nichts daran, dass aus einem kulturell geprägten Spiel ein hochpreisiges Konsumprodukt geworden ist.

Und Deutschland? Noch ruhig – aber das könnte sich ändern

Genau deshalb lohnt sich der Blick über den Atlantik. Viele US-Lifestyle-Trends funktionieren nach demselben Muster: Ein eigentlich bekanntes Produkt wird neu verpackt, über Social Media emotionalisiert und mit Community, Design und Events aufgeladen. Mahjong bringt dafür ziemlich viel mit: analog statt digital, sozial statt einsam, generationenübergreifend und gleichzeitig extrem Instagram-tauglich. Auch in Deutschland gibt es bereits Mahjong-Communities und Veranstaltungsformate – ein Hinweis auf Interesse, aber noch kein Beleg für einen vergleichbaren Massenboom. Ob Deutschland tatsächlich die nächste Mahjong-Mania erlebt, ist deshalb noch offen. Aber wenn plötzlich Mahjong-Bars in Berlin, München und Hamburg eröffnen, Designer-Sets für 500 Euro auf Instagram auftauchen und beim Spieleabend Naturwein neben bunten Steinen steht, kann hinterher zumindest niemand behaupten, man hätte es nicht kommen sehen.

Günther Suchy

Günther Suchy ist bei Business Punk Head of Digital Editorial. Daneben ist er Professor für Kommunikation und Journalismus an der Duale Hochschule Baden-Württemberg am Campus Ravensburg – also einer, der die Medienwelt nicht nur lehrt, sondern lebt. Der promovierte Volkswirt kennt den Journalismus und die digitalen Medien jenseits des Elfenbeinturms: Er leitet das Hochschulradio „Das kleine U-Boot“, baut crossmediale Ausbildungs- und Produktionsformate auf und hält dabei immer den Finger am Puls der Branche. Bevor er an die Hochschule nach Ravensburg kam, war Suchy unter anderem in der Unternehmenskommunikation von MAN und in leitenden Funktionen digitaler Medienprojekte tätig – sowie als Online-Redaktionsleiter der Automotive-Formate bei Motorvision (DSF). Seine Lehr- und Forschungsprojekte bringen ihn immer wieder in die Welt hinaus: Nach China, Chile, Marokko oder Bhutan, wo er 2024 und 2025 am Royal Thimpu College lehrte und das Nationale Olympische Komitee zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation im Sport“ beriet. An der Universität Durban in Südafrika gibt er Seminare zum Thema "Green Startups". Zwischen Subkultur, Startup-Mindset und System fühlt er sich zu Hause – und genau aus dieser Perspektive schreibt er für Business Punk.