Agentic Business Engineering: Der nächste Schritt von OpenAI
OpenAI will nicht nur dein KI-Tool sein, sondern dein Arbeitsplatz. Business-Punk-Autor Carsten Puschmann spricht mit KI-Experte Stefan Erschwendner über autonome Agenten und den nächsten KI-Supercycle.
„Jedes Unternehmen muss ein KI-Unternehmen sein“, hat Carsten Maschmeyer vor einigen Monaten gesagt. Ich würde noch weitergehen. Die Frage ist längst nicht mehr, ob Unternehmen KI einsetzen. Entscheidend ist, wie tief KI in ihre Abläufe eingreift und was passiert, wenn aus Assistenten Agenten werden, die selbstständig Aufgaben übernehmen.
Die OpenAI Developer Conference am 29. September 2026 zeigte, wie schnell sich das Feld weiterentwickelt. Ich habe darüber mit Stefan Erschwendner gesprochen. Der 43 Jahre alte Unternehmensberater beschäftigt sich seit Jahren praktisch mit KI. Sein jüngstes Experiment: Gemeinsam mit seinem Vater entwickelte er mithilfe eines KI-Agenten das „Lobster Lager“. Der Case schaffte es bis in die GTC-Keynote von Nvidia-Chef Jensen Huang. Stefans These zur DevDay: OpenAI will nicht dein Tool sein. OpenAI will dein Arbeitsplatz sein.
Carsten Puschmann: Stefan, OpenAI präsentierte auf dem DevDay zahlreiche neue Werkzeuge für Entwickler. Du sagst trotzdem: OpenAI will nicht länger nur ein Tool sein, sondern dein Arbeitsplatz. Woran machst du diese These fest?
Stefan Erschwendner: Auf den ersten Blick war die DevDay eine klassische Produktschau: neue Agenten, bessere Werkzeuge für Entwickler, Zusammenarbeit in ChatGPT und ein eigener Marktplatz. Doch diese Interpretation greift zu kurz. OpenAI verbindet gerade alle Bausteine, die digitale Arbeit braucht: Agenten bauen, in der Cloud betreiben, automatisch starten, kontrollieren, gemeinsam nutzen und über einen Marktplatz verkaufen. OpenAI muss nicht jede Unternehmenssoftware selbst entwickeln. OpenAI will die Plattform besitzen, auf der andere sie bauen, betreiben und verkaufen.
Carsten Puschmann: Was bedeutet das für die Unternehmenssoftware, mit der wir heute arbeiten?
Stefan Erschwendner: Bisher bestand digitale Arbeit aus einzelnen Programmen. In Zukunft könnte ein großer Teil dieser Arbeit in einer zentralen Arbeitsoberfläche für Menschen und Agenten stattfinden. Das CRM, das Ticketsystem oder die Buchhaltungssoftware laufen weiter. Ihre Benutzeroberflächen treten aber in den Hintergrund. Die Software bleibt. Aber ihre Oberfläche wird unsichtbar. Entscheidend werden Daten, Geschäftslogik, Zugriffsrechte, zuverlässige Prozesse und messbare Ergebnisse.
Carsten Puschmann: Was bedeutet diese Entwicklung für das Geschäftsmodell von OpenAI?
Stefan Erschwendner: Menschen und Unternehmen bezahlen für den Zugang zur Plattform. Agenten sorgen anschließend für den laufenden Verbrauch. Damit entsteht eine neue wirtschaftliche Einheit: die Agentenstunde. Eine Agentenstunde ist keine menschliche Arbeitsstunde. Menschen müssen Ziele setzen, Ergebnisse prüfen und Verantwortung übernehmen. Trotzdem können Unternehmen damit zusätzliche Arbeitskapazität wie eine Cloudleistung einkaufen, parallel einsetzen und über Nacht laufen lassen.
Das verändert die Budgetlogik. KI wird nicht mehr nur mit anderen Softwarekosten verglichen. Sie konkurriert zunehmend mit internen Teams, Dienstleistern und Outsourcing.
Carsten Puschmann: Dann geht es nicht mehr nur um neue Software. Arbeit selbst verändert sich.
Stefan Erschwendner: Ja, die erste Generation von KI-Werkzeugen war für einzelne Nutzer:innen gedacht. Ein Mensch arbeitete mit einem Assistenten. Die nächste Generation wird zum Multiplayer-System: Mehrere Menschen und mehrere Agenten arbeiten gleichzeitig an einem gemeinsamen Ergebnis. Agenten recherchieren, programmieren oder analysieren. Menschen setzen Ziele, prüfen Entscheidungen, lösen Konflikte und übernehmen Verantwortung.
Genau hier beginnt Agentic Business Engineering. Es geht nicht darum, jedem Mitarbeiter ein weiteres KI-Werkzeug zu geben. Unternehmen müssen Arbeit zwischen Rollen, Teams und Agenten neu organisieren. Der größte Engpass ist deshalb nicht die Technik. Es ist die Organisation.
Carsten Puschmann: Für mich zeigt sich daran die Dimension dieser Entwicklung. Wenn KI nicht mehr nur ein Tool ist, sondern immer tiefer in Arbeit und Unternehmen eingreift, reden wir über sehr viel mehr als den nächsten Softwarezyklus. Das ist der Supercycle, von dem ich spreche.
Stefan Erschwendner: Die erste Welle wurde von den großen Modellen geprägt. Wir haben aus diesem Grund in OpenAI investiert. Jetzt schauen wir auf die Unternehmen, die auf dieser Grundlage die nächsten Kategorien besetzen. Darum geht es bei unserem nächsten Vehicle: Infrastruktur, autonome Mobilität, Defense, Voice AI und neue Mensch-Maschine-Schnittstellen – mit Unternehmen wie Crusoe, Waymo, Saronic, ElevenLabs und Neuralink. Für mich ist das die spannende Frage der nächsten Jahre: Was entsteht auf der Grundlage dieser Modelle, das vorher nicht möglich war?