Neura Robotics: Eigene deutsche Roboter-KI will Google das Fühlen lehren
Neura Robotics aus Metzingen stellt mit Neuron AI ein eigenes KI-Modell vor, das Robotern Tastsinn, Gehör und Gedächtnis gibt und tritt damit gegen Googles Gemini 4 Argon an.
David Reger, Gründer und Chef von Neura Robotics, bringt mit Neuron AI ein KI-Modell auf den Markt, das Robotern mehr als Augen geben soll. Das in Metzingen entwickelte und trainierte Modell verarbeitet neben 3D-Bildern auch Tast- und Kraftdaten, Geräusche und den Eigenzustand der Maschine gleichzeitig, wie berichtet. Neura nennt die Architektur ein Perception-Language-Action-Modell. Die Logik dahinter: Eine Kamera sieht, ob ein Schloss aussieht wie geöffnet, doch erst Klicken und spürbarer Widerstand bestätigen es tatsächlich. Ein Schweißroboter soll künftig hören können, ob die Naht gelingt.
„Ein intelligenter Roboter braucht ein Gehirn, das seine Sinne zusammenführt und sich daran erinnert, was passiert ist“, sagte Reger demnach. Neu ist zudem ein Gedächtnis, das Objekte außerhalb des Sichtfelds über längere Zeit im Blick behält. Ein Modell soll so für alle Neura-Roboter funktionieren, in fünf Bauformen und mit unterschiedlichen Greifern und Händen.
Geld von Tether bis Nvidia
Neura ist kein Garagen-Start-up mehr. In der Series-C-Runde über bis zu 1,2 Mrd. Euro, angeführt vom Stablecoin-Konzern Tether, stiegen auch Nvidia und Amazon ein. Medienberichten zufolge liegt die Bewertung bei rund sechs Milliarden Euro. Mit diesem Kapital im Rücken positioniert sich das Unternehmen als deutsches Gegengewicht zu den US-Techkonzernen, die zunehmend eigene Robotik-Modelle vorstellen.
Wer sein Robotergehirn von einem fremden Anbieter bezieht, gibt Kontrolle über Weiterentwicklung, Preisgestaltung und Daten ab; ein Punkt, den Neura offensiv gegen Wettbewerber wie das Münchner Unternehmen Agile Robots in Stellung bringt, das für seine Industrieroboter auf Google DeepMind setzt. Kommende Woche will Neura auf Nvidias Entwicklerkonferenz GTC in Berlin zeigen, wie der humanoide Roboter 4NE1 elf Minuten lang vollständig autonom Wäsche sortiert, die Waschmaschine befüllt und die Wäsche anschließend in den Trockner umlädt.
Bosch und Schaeffler als Datenquelle
Für die deutsche Industrie ist besonders die Datenfrage heikel. Neura trainiert Neuron AI unter anderem mit den Industriepartnern Schaeffler und Bosch. Kundinnen und Kunden sollen laut Unternehmen ihr Prozesswissen für sich behalten können; teilen sie Fähigkeiten oder Einsatzdaten freiwillig, fließen diese in künftige Modellversionen ein.
Neura argumentiert, dass Deutschlands Industrie mit ihren komplexen Fertigungsprozessen das passende Umfeld für ein solches Modell biete. Über die Plattform Neuraverse können Unternehmen Neuron AI zudem auf eigene Aufgaben trainieren und neue Fähigkeiten an ganze Roboterflotten verteilen; als wichtigste Kennzahl nennt Neura dabei die „Time-to-Skill“, also wie schnell ein Roboter eine neue Aufgabe zuverlässig beherrscht.
Konkurrenz aus Kalifornien und Paris
Der Wettbewerb bleibt groß. Google hat Gemini 4 Argon kürzlich breit verfügbar gemacht und positioniert das Modell ebenfalls für die Robotik-Steuerung. Argon soll Roboter direkt steuern, aus Kameraaufnahmen, Videos von Menschen oder sogar Handskizzen Simulationen bauen und Roboter darin üben lassen. Im ERQA-Benchmark für räumliches Denken erreicht Argon laut Google 87 Prozent und liegt damit vor anderen Spitzenmodellen.
In einem Test lernte ein humanoider Roboter von Apptronik durch Beobachtung menschlicher Bewegungen, sieben Würfe beim Cornhole-Spiel in Folge zu versenken. Auch in Europa wächst die Konkurrenz: Das Pariser Start-up Genesis AI entwickelt Foundation-Modelle für Allzweck-Roboter, Nvidia ist dort ebenfalls eingestiegen. Benchmark-Werte für Neuron AI hat Neura bislang nicht veröffentlicht.
Business Punk Check
Neura hat mit Nvidia, Amazon und Tether finanzstarke Partner gewonnen und zugleich Bosch und Schaeffler als Datenquellen gesichert; ein handfestes Argument für den Industriestandort Deutschland.
Dass das Unternehmen bislang keine Benchmark-Zahlen zu Neuron AI vorlegt, lässt sich jedoch nicht wegreden: Googles Gemini 4 Argon hat mit 87 Prozent im ERQA-Test eine überprüfbare Messlatte gesetzt, Neura nicht. Ob das deutsche Robotergehirn technisch mithalten kann, bleibt deshalb offen. Die Demonstration auf der Nvidia-Konferenz GTC in Berlin wird zeigen, ob Autonomie beim Wäschesortieren auch unter unabhängiger Beobachtung Bestand hat.
Auf einen Blick
- Neura Robotics aus Metzingen hat mit Neuron AI ein eigenes, komplett in Deutschland entwickeltes KI-Modell für Roboter vorgestellt, das Kameras, Tastsinn, Gehör und Gedächtnis kombiniert.
- Das Unternehmen sammelte eine Series-C-Finanzierung von bis zu 1,2 Mrd. Euro ein, angeführt von Tether und mit Beteiligung von Nvidia und Amazon, bei einer Bewertung von rund sechs Milliarden Euro.
- Als Trainingspartner nennt Neura unter anderem Bosch und Schaeffler, womit das Modell direkt an die deutsche Industrie anknüpft.
- Google positioniert mit Gemini 4 Argon ein konkurrierendes Robotik-Modell, das im ERQA-Benchmark 87 Prozent erreicht, während Neura für Neuron AI bislang keine eigenen Benchmark-Werte veröffentlicht hat.
Quellen: Trendingtopics, KI-unterstützt