Anthropic: KI übernimmt, Junior-Einstellungen brechen um zwei Drittel ein
Bei Anthropic arbeiten KI-Agenten inzwischen sechsmal so viele Stunden wie Menschen. Die Folge: Berufseinsteiger fallen aus dem Raster, das die eigene Technologie zeichnet.
Anthropic stellt kaum noch Berufseinsteiger ein, deren Jobs die eigene Technologie überflüssig macht. Laut einem internen Bericht mit dem Titel „How employment is changing at Anthropic“ fiel der Anteil von Junior-Kräften an neu eingestellten Techniker:innen seit Anfang 2025 von 27 auf 9 Prozent.
Unter allen Beschäftigten in technischen Abteilungen sank der Anteil von 21 auf 14 Prozent, wie t3n berichtet. Im August 2026 leisteten KI-Agenten laut dem Bericht das Sechsfache der Arbeitsstunden ihrer menschlichen Kolleg:innen, erstmals überholten sie die Menschen bereits im März desselben Jahres.
Wenn Agenten Entwickler ersetzen
Der Rückgang betrifft vor allem jene Jobs, in denen Claude komplexe Aufgaben übernimmt, etwa Code schreiben oder Fehler suchen. Laut The Decoder lieferten Ingenieure im Schnitt 5,1-mal so viele Code-Commits wie zuvor, Data Scientists bearbeiteten 3,1-mal so viele Abfragen. Auch Vertrieb, Recht und Buchhaltung meldeten Produktivitätssprünge zwischen 1,4- und 3,1-fach.
Der Anteil der Technik an der Gesamtbelegschaft sank dennoch von 61 auf 56 Prozent, weil Vertrieb, Finanzen und Recruiting schneller wuchsen. Anthropic selbst betont demnach, der Bericht sei lediglich eine Fallstudie über ein einzelnes, besonders KI-intensives Unternehmen und lasse offen, wie repräsentativ die Zahlen für andere Firmen sind.
Forschung zeichnet ein geteiltes Bild
Die wissenschaftliche Lage bleibt uneinheitlich. Ökonomen der Stanford University um Erik Brynjolfsson fanden demnach, dass Firmen in KI-exponierten Berufen wie Softwareentwicklung oder Kundenservice deutlich weniger junge Menschen einstellen. Eine dänische Vergleichsstudie kam dagegen zu keinem Unterschied bei Einstiegsjobs zwischen Firmen mit und ohne KI-Einsatz.
Bharat Chandar vom Stanford Digital Economy Lab schätzte die gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungseffekte deshalb zuletzt als „wahrscheinlich gering“ ein. Der Forscher Nolan Lovett warnt laut The Decoder vor einer „Tragödie der kognitiven Allmende“: Einzelne Unternehmen sparen durch den Wegfall von Einstiegsjobs, während die Kosten erst in Jahrzehnten sichtbar werden, wenn erfahrene Fachkräfte fehlen, die heute keine Praxis mehr sammeln.
Deutschland fehlt noch die Datenbasis
Für den deutschen Arbeitsmarkt liegt bislang keine vergleichbare Studie vor, die US-Befunde eins zu eins übertragbar macht. Die Stepstone-Analyse, auf die t3n verweist, zeigt immerhin eine Parallele: Der Anteil ausgeschriebener Einstiegsjobs lag im ersten Halbjahr 2026 rund 18 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt, trotz eines Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Eine systematische Einordnung durch Institutionen wie das IAB, die den Anthropic-Befund mit deutschen Berufsgruppen abgleicht, steht bislang aus. Ökonom Peter McCrory, Mitautor des Anthropic-Berichts, sieht das Unternehmen demnach rund eineinhalb Jahre vor dem Rest der Wirtschaft bei der KI-Nutzung, was den Fall zum Frühindikator machen könnte, ohne Beleg für Europa zu liefern.
Business Punk Check
Anthropic zeigt an der eigenen Belegschaft, was Kunden gekauft wird: Agenten übernehmen Aufgaben, über die früher Berufseinsteiger ihr Handwerk lernten. Die Zahlen sind hausgemacht, methodisch nicht unabhängig geprüft und laut eigener Einschränkung kaum auf andere Branchen übertragbar.
Trotzdem bleibt die Frage, wie Fachkräfte in zehn Jahren entstehen sollen, wenn die Einstiegsstufe wegfällt, auf der sie bisher ausgebildet wurden. Für den deutschen Arbeitsmarkt fehlt noch die Forschung, die zeigt, ob Lovetts Langfrist-Warnung oder die entwarnende dänische Studie näher an der Realität liegt.
Auf einen Blick
- Der Anteil von Junior-Kräften an neuen technischen Stellen bei Anthropic fiel seit Anfang 2025 von 27 auf 9 Prozent.
- KI-Agenten arbeiteten im August 2026 laut Unternehmensangaben sechsmal so viele Stunden wie menschliche Beschäftigte.
- Stanford-Forschende fanden weniger Einstiegsjobs in KI-exponierten Berufen, eine dänische Studie fand dagegen keinen Unterschied.
- Für den deutschen Arbeitsmarkt liegt bislang keine vergleichbare Studie vor, die diese Befunde direkt überträgt.
Quellen: T3N, The Decoder, Trendingtopics, KI-unterstützt