2,22 Euro für den Liter Diesel: Die Ölpreis-Ausrede zieht nicht mehr
Das Rhein-Niedrigwasser verschärfte die Lage zusätzlich. Tankschiffe transportierten weniger Kraftstoff, die Transportkosten stiegen, zwischen einzelnen Bundesländern lagen bis zu acht Cent Unterschied pro Liter. Auch die vielbeschworene 12-Uhr-Regel, nach der Tankstellen nur einmal täglich zur Mittagszeit ihre Preise erhöhen dürfen, blieb weitgehend wirkungslos gegen den grundsätzlichen Preistrend. Wer als Autofahrer sparen möchte, kann sich lediglich an Zeitfenstern orientieren, etwa dem späten Vormittag oder dem frühen Abend, an der grundsätzlichen Preisentwicklung ändert das jedoch nichts.
Der Staat kassiert mit, ganz ohne Ölmulti-Logik
Ein Faktor, den Ölkonzerne gern verschweigen: Rund 57 Prozent des Benzinpreises und etwa 47 Prozent des Dieselpreises bestehen aus Steuern und Abgaben, wie ADAC-Berechnungen laut AUTOBILD.DE zeigen. Energiesteuer, CO2-Preis, THG-Quote und Mehrwertsteuer türmen sich übereinander. Die Energiesteuer, früher als Ökosteuer bekannt, war jener fixe Bestandteil, der beim Tankrabatt vorübergehend gesenkt wurde. Die CO2-Steuer wiederum wird regelmäßig angehoben, zuletzt zum Jahresbeginn 2026, um fossile Kraftstoffe gezielt zu verteuern. Hinzu kommt die THG-Quote, ein wenig bekanntes Instrument, über das Autofahrer an der Zapfsäule indirekt die Förderung der Elektromobilität mitfinanzieren. Diesel profitiert dabei von einem Steuervorteil von 18,4 Cent pro Liter gegenüber Benzin, was die aktuelle Preisumkehr noch rätselhafter macht.
Politisch wird das Thema zunehmend zum Streitpunkt. Kritik an den Ölkonzernen mag berechtigt sein, doch auch der Staat selbst hätte Stellschrauben, an denen er drehen könnte. Andere europäische Länder greifen nach wie vor zu Entlastungsmaßnahmen, etwa durch Höchstpreise oder gezielte Nachlässe bei Energie- und Klimasteuern. In Deutschland ist ein neuer Tankrabatt derzeit nicht geplant, wie Tagesschau berichtet, was die Diskussion um staatliche Verantwortung zusätzlich befeuert. Mobilitätspolitisch bedeutet das: Wer auf sinkende Spritpreise als Entlastung wartet, verlässt sich auf einen Mechanismus, der längst nicht mehr nur von Angebot und Nachfrage gesteuert wird. Die Verkehrswende bekommt dadurch ungewollten Rückenwind, denn jeder Rekordpreis macht Elektromobilität und Alternativen zum Verbrenner relativ günstiger, ohne dass Politik oder Hersteller dafür etwas leisten mussten.
Business Punk Check
Der Benzinpreis-Rekord ist bestätigt, die Erklärung dafür ist es nicht. Fakt: 2,22 Euro pro Liter am 2. September, dokumentiert vom ADAC. Fakt auch: Der ADAC selbst zweifelt an der Kalkulationsgrundlage der Konzerne. Was fehlt, ist eine belastbare Aufschlüsselung, wie viel vom Preis tatsächlich auf Raffinerie- und Großhandelsmargen entfällt.
Für Entscheider in der Mobilitätsbranche heißt das: Wer auf sinkende Kraftstoffkosten als Kalkulationsgrundlage setzt, baut auf Sand. Die Entkopplung von Rohölpreis und Zapfsäulenpreis ist real und macht Prognosen unzuverlässiger als je zuvor. Wer jetzt in Elektromobilität oder alternative Antriebe investiert, bekommt indirekt Rückenwind durch die Intransparenz der fossilen Preisbildung, ohne dass das Klimaziel dafür verantwortlich wäre. Das ist kein Verdienst der Verkehrswende-Politik, sondern ein Nebeneffekt eines Marktes, der niemandem mehr erklärt, wie er Preise wirklich bildet.
Auf einen Blick
- Der Benzinpreis erreichte am 2. September mit 2,22 Euro pro Liter einen neuen nominalen Rekordwert, inflationsbereinigt lag der Preis 2012 bereits höher.
- Der ADAC bestätigt, dass die Rohölentwicklung das aktuelle Preisniveau an deutschen Zapfsäulen nur unzureichend erklärt.
- Diesel und Benzin entwickelten sich im August gegenläufig, Diesel verteuerte sich um fast 13 Cent, während Steuern und Abgaben 57 Prozent des Benzinpreises und 47 Prozent des Dieselpreises ausmachen.
- Rhein-Niedrigwasser und die eingeschränkte Straße von Hormus wirken zusätzlich preistreibend, ohne dass ein politisches Instrument wie der Tankrabatt bislang gegensteuert.
Quellen: Tagesschau, Focus, Autobild, KI-Untersützt