Business & Beyond DIE 80-MILLIONEN-EHRE von TSV 1860 München

DIE 80-MILLIONEN-EHRE von TSV 1860 München

KAPITEL 7 · DIE VERKAUFSVERSUCHE

Es ist ein Muster, das jeden Profifußball-Investor irgendwann einholt: Wenn das Investment nicht funktioniert, sucht man einen Ausweg. Hasan Ismaik suchte ihn — mindestens fünf dokumentierte oder kolportierte Verkaufsversuche in sieben Jahren, zuletzt eine Gruppe um Jens Lehmann (2025) und ein Konsortium um Thomas Hitzlsperger (Mai 2026). Alle scheiterten. Es gibt keine andere Geschichte in der jüngeren deutschen Sportökonomie, die so viele dokumentierte gescheiterte Verkaufsversuche aufweist.

Versuch eins, 2018-2020: Eine „Investorengruppe“, deren genaue Zusammensetzung bis heute nicht öffentlich bekannt ist. Berichten von loewenmagazin.de und sechzger.de zufolge handelte es sich um einen Verbund deutscher Mittelständler aus dem süddeutschen Raum. Die Gespräche scheiterten, weil Ismaik einen Kaufpreis forderte, der kolportiert weit über dem Marktwert lag (verifiziert ist die Summe nie worden) — zu einem Zeitpunkt, an dem die KGaA in der 3. Liga spielte und einen Jahresumsatz von rund zwölf Millionen Euro generierte. Ein Bewertungsmultiplikator, der nach jedem üblichen Sport-M&A-Maßstab grotesk überzogen war.

Versuch zwei, 2022-2024: Ein Konsortium um Thomas Hitzlsperger, den ehemaligen deutschen Nationalspieler und VfB-Stuttgart-Vorstand, zusammen mit Markus Rejek, dem ehemaligen 1860-Geschäftsführer der Jahre 2014 bis 2017. Hitzlsperger und Rejek waren branchenerfahren, gut vernetzt und brachten potenziell einen Investorenkreis aus dem Bereich der deutschen Family Offices mit. Die Gespräche zogen sich über fast zwei Jahre. Sie scheiterten — laut t-online.de — an „Differenzen über die Bewertung und die Bedingungen der Anteilsübertragung“.

Dazwischen tauchten in der Berichterstattung immer wieder Kaufinteressenten auf, deren Profile sich nie öffentlich verifizieren ließen — Namen, die so schnell verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.

Versuch drei, 3. Juli 2025: Der spektakulärste und in seiner Komplexität ein eigenes Kapitel wert. An jenem Donnerstag versammelten sich in einer Frankfurter Notarkanzlei: Robert Reisinger (zu diesem Zeitpunkt noch e.V.-Präsident in den letzten Tagen seines Mandats), Karl-Christian Bay (Schatzmeister, für die e.V.-Seite), Vertreter einer Schweizer Firma namens Helvetic Corporate Finance SA mit Sitz in Genf, und — interessanterweise — keine Vertreter des FC Bayern, der seinerseits in den Gesprächen erwähnt wurde.

Die Helvetic CF SA ist nominell von Megan Susannah Marie Heath, einer Britin, geleitet. Ihre wirtschaftlich Berechtigten sind im jerseyschen MMM Trust hinterlegt, deren Trustee die Longemalle Trustees OU in Estland ist. Die Begünstigten sind laut Notarunterlagen Maximilian und Mason Thoma — die Söhne eines Schweizer Geschäftsmanns. Hinter dem Konstrukt wurde die Emil-Frey-Gruppe vermutet — belegt ist das bis heute nicht. Das Konstrukt war so verschachtelt, dass es selbst die erfahrensten M&A-Anwälte in München erst nach mehreren Tagen halbwegs durchschauen konnten.

Der Kaufpreis: kolportiert zwischen 25 Millionen Euro (sechzger.de) und 50 Millionen Euro (Sport BILD, später dementiert).

Die Bedingung: unverzügliche Kaufpreiszahlung.

Das Ergebnis: am 20. Juli 2025 trat die HAM vom Vertrag zurück. Begründung: die Käuferseite hatte das Geld nicht überwiesen. Was hinter der Briefkasten-Konstruktion stand — Krypto-Investor, Familienholding, Strohmann eines Dritten — ist bis heute nicht öffentlich geklärt. Die Schweizer Behörden eröffneten keine Untersuchung. Der jerseysche Trust löste sich Anfang 2026 still und leise auf.

Was diese Verkaufsversuche zeigen: Hasan Ismaik konnte sich nicht von einem Asset trennen, das er ökonomisch längst nicht mehr halten wollte. Der Markt bot ihm nicht den Preis, den er sich vorstellte. In Interviews 2024 und 2025 sprach er wahlweise von 100 Millionen Euro, 200 Millionen Euro, sogar 300 Millionen Euro — Zahlen, die in keinem üblichen Bewertungsmodell für einen Drittliga-Klub mit elf Millionen Jahresumsatz und 70 Millionen Schulden Realität sein konnten.

Das ist nicht Verhandlungs-Taktik. Das ist die Sunk-Cost-Logik in Reinkultur. Wer glaubt, dass er hundert Millionen Euro in einen Klub gesteckt hat, will hundert Millionen Euro zurück. Auch wenn der Klub diesen Wert nie hatte. Auch wenn die hundert Millionen größtenteils Verluste waren, die nie zurückkommen.

Genau dieser psychologische Mechanismus blockierte einen geordneten Ausstieg. Genau dieser Mechanismus führte zum Notarvertrag mit einer Briefkastenfirma. Genau dieser Mechanismus mündete am 21. Mai 2026 in die Kündigung von zwei Darlehensverträgen — dreizehn Tage vor der DFB-Frist.

Ein Investor, der seinen Verlust nicht akzeptieren kann, riskiert lieber den Totalverlust als die Realität.

KAPITEL 8 · DIE 21-MAI-ENTSCHEIDUNG

Es ist der Mittwoch, der 21. Mai 2026. In der Geschäftsstelle der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA an der Grünwalder Straße läuft das Tagesgeschäft. Die Saison ist sportlich gerettet — Platz acht in der 3. Liga, kein Aufstiegsdruck mehr. Die Geschäftsführung ist mit der Lizenzplanung für die Saison 2026/27 beschäftigt. Die Lizenz-Frist des DFB läuft am 3. Juni um 17 Uhr ab. Bis dahin muss der Verein einen Liquiditätsnachweis von rund 2,7 Millionen Euro vorlegen.

Diese 2,7 Millionen Euro waren längst zugesagt. Im Februar hatte Biel Ballester Relat, der HAM-Vertreter im KGaA-Aufsichtsrat, schriftlich bestätigt, dass die entsprechenden Darlehen rechtzeitig ausgezahlt werden. Die Geschäftsführung hatte ihre gesamte Liquiditätsplanung darauf aufgebaut.

Um 14:30 Uhr am 21. Mai trifft ein Brief der Rechtsabteilung der HAM International Limited in der Münchner Geschäftsstelle ein. Per Kurier, mit Anwaltsdienstsiegel. Inhalt: die fristlose Kündigung von zwei Darlehensverträgen, die zwischen der HAM und der KGaA bestanden. Begründung: die Geschäftsführung der KGaA habe „wesentliche Berichtspflichten verletzt“.

Was hinter dieser Begründung steht, ist bis heute Gegenstand juristischer Auseinandersetzung. Drei unabhängige Anwaltskanzleien — eine in München, eine in Frankfurt, eine in Berlin — kamen in den darauffolgenden zwei Wochen zum identischen Befund: die Kündigung war „unwirksam wegen Treuepflichtverletzung“. Die in der Kündigungserklärung genannten „Berichtspflicht-Verletzungen“ waren entweder gar nicht eingetreten oder so geringfügig, dass eine vorgängige Fristsetzung erforderlich gewesen wäre. Ein normaler Vertragsstreit, der vor Gericht oder einem Schiedsgericht gelöst worden wäre.

Aber die Kündigung kam nicht alleine. Sie kam mit einem Begleitschreiben, in dem die HAM sieben Forderungen formulierte, deren Erfüllung Bedingung für die Wiederfreigabe der Darlehen sein sollte:

Erstens: die Bestellung eines externen Finanz-Geschäftsführers mit Vetorecht über alle Liquiditäts-Entscheidungen.

Zweitens: strikte Budget-Einhaltung mit monatlichem Reporting an die HAM.

Drittens: Umbau der KGaA-Struktur bis zum 31. Oktober 2026.

Viertens: eine Maulkorb-Klausel — keine öffentlichen Äußerungen mehr von Verein und Geschäftsführung über die HAM oder Hasan Ismaik.

Fünftens: Verzicht des e.V. auf das Vorkaufsrecht bei Anteilsverkauf.

Sechstens: Bestellung externer Compliance-Berater bis zum 30. September.

Siebtens: weitere Reporting-Pflichten und Mitwirkungsrechte.

Diese sieben Forderungen waren in ihrer Konzentration nichts anderes als der Versuch, die operative Kontrolle über die KGaA an die HAM zu übertragen — und das Vorkaufsrecht des Muttervereins auszuhebeln. Was Forderung fünf bedeutet hätte, wenn sie umgesetzt worden wäre: die HAM hätte die KGaA-Anteile an einen Dritten verkaufen können, ohne dass der e.V. die Möglichkeit gehabt hätte, sie vorab zu erwerben. Praktisch: das Ende des 50+1-Schutzes.

Der DFB reagierte schnell. In einem informellen Vermerk, der den juristischen Beratern der KGaA zugestellt wurde, machte der Verband klar, dass die Erfüllung der Forderungen fünf und sechs — Verzicht auf Vorkaufsrecht und externer Finanz-Geschäftsführer mit Vetorecht — als „Verstoß gegen den Geist der 50+1-Regel“ gewertet werde. Eine Lizenzerteilung unter diesen Bedingungen sei nicht möglich.

Die HAM saß damit in einer Sackgasse. Ihre Forderungen konnte sie nicht durchsetzen. Ihre Darlehenskündigung war anwaltlich angreifbar. Eine Rücknahme der Kündigung hätte aber bedeutet, dass sie ihre Forderungen aufgibt. Ein klassisches Dilemma — gelöst durch ein klassisches Eskalations-Manöver.

Die HAM zog ihre Forderung fünf — den Verzicht auf das Vorkaufsrecht — Ende Mai 2026 öffentlich zurück. Sie zog die Darlehenskündigung nicht zurück. Die anderen sechs Forderungen blieben auf dem Tisch.

Zwischen dem 28. Mai und dem 3. Juni 2026 wartete die Geschäftsführung der KGaA auf eine Klärung. Sie kam nicht. Am Vorabend des 3. Juni — zu einem Zeitpunkt, an dem in Dubai bereits 23 Uhr Ortszeit war — kommunizierte ein Sprecher der HAM, dass „ohne Erfüllung der verbleibenden Forderungen“ keine Auszahlung erfolge.

Um 17 Uhr am 3. Juni 2026 verstrich die DFB-Frist.

Um 17:01 Uhr war 1860 wieder Regionalliga-Klub.

Um 17:14 Uhr bestätigte Hasan Ismaik die Nichtzahlung.

Schon Tage zuvor, im Mai, hatte er den Rückzug öffentlich als das geframt, was „ehrenvoller“ sei. Am Abend des 3. Juni blieb auf Facebook nur noch ein knapper „Sad Day“-Post.

KAPITEL 9 · DAS STATEMENT

Am 5. Juni 2026 meldet sich Hasan Ismaik ausführlich zu Wort — über seine Social-Media-Kanäle, mit dem Statement zur Lizenzentscheidung, das in deutschen, jordanischen und emiratischen Medien zitiert wird. Es ist, neben der Lizenz-Pressemitteilung der KGaA selbst, das wichtigste Dokument dieser Krise.

Der Text — in deutscher Übersetzung — beginnt so:

„Fünfzehn Jahre habe ich in diesem Klub verbracht. Fünfzehn Jahre habe ich daran geglaubt, dass die Löwen nicht nur ein Fußballklub sind, sondern eine Idee. Eine Identität. Eine geteilte Erinnerung. Ich habe diesen Klub mit fast achtzig Millionen Euro unterstützt. Nicht, weil eine Rendite garantiert war. Sondern weil der Glaube und die Begeisterung für eine Sache manchmal mehr zählen als monetäre Erwägungen. Manchmal ist es ehrenvoller, einen Schritt zurückzugehen, als einen Weg fortzusetzen, der in den Kollaps führt. Wenn die Löwen jetzt neu aufgebaut werden müssen — auch aus unteren Ligen — dann ist das keine Schande. Große Klubs werden nicht daran gemessen, wo sie heute stehen, sondern ob sie wieder aufstehen können, wenn sie gefallen sind.“

Das ist gut geschrieben. Das ist emotional eingeordnet. Das ist auf Wirkung gebaut. Das ist auch — wenn man es gegen die Bilanzen, die Chronologie und die juristischen Memos der vergangenen drei Wochen hält — in mehreren zentralen Punkten nicht mit der belegbaren Faktenlage vereinbar.

Der erste Punkt: „fast achtzig Millionen Euro unterstützt“.

Die Bundesanzeiger-Bilanzen der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA dokumentieren für den Zeitraum 2011 bis Mitte 2024 einen realen Mittelzufluss aus der HAM-Sphäre von rund 65 bis 70 Millionen Euro. Die Diskrepanz zu Ismaiks 80-Millionen-Aussage erklärt sich durch zwei Posten: erstens den Einstieg 2011 selbst: Die HAM-Anteile stammten laut Anhang der Jahresabschlüsse aus einer Kapitalerhöhung vom 5. Juni 2011 — in der Bilanz der KGaA lassen sich davon rund 13 Millionen Euro nachvollziehen (3,9 Millionen Kommanditkapital plus rund 9,1 Millionen Kapitalrücklage); wohin die restlichen gut fünf Millionen des kolportierten Kaufpreises von 18,4 Millionen flossen, ist öffentlich nicht dokumentiert; zweitens nicht ausgelöste Zusagen aus den Jahren 2023 bis 2026, die in Interviews kommuniziert, aber nie in Bankkonten der KGaA übersetzt wurden. Wer 80 Millionen behauptet, addiert Zahlen, die nicht zur Verfügung standen, zu Geld, das nie an den Verein ging. Drei Ebenen sind zu unterscheiden: die Selbstauskunft (rund 80 Millionen), der bilanziell nachvollziehbare reale Mittelzufluss (rund 65 bis 70 Millionen) und das zum letzten testierten Stichtag 30. Juni 2022 in den Büchern stehende Buchexposure der Investorenseite (rund 54 Millionen). Diese Analyse verwendet durchgehend die beiden belegbaren Letztgenannten.

Der zweite Punkt: „Glaube und Begeisterung für eine Sache“.

Wer aus Glaube und Begeisterung investiert, kündigt nicht dreizehn Tage vor einer Lizenzfrist zwei Darlehensverträge, deren Auszahlung der HAM-Aufsichtsratsvertreter im Februar schriftlich zugesagt hatte. Wer aus Glaube und Begeisterung investiert, knüpft seine Zahlungen nicht an sieben Forderungen, deren Erfüllung das institutionelle Schutzgerüst des Klubs zerstören würde. Wer aus Glaube und Begeisterung investiert, riskiert nicht rund 54 Millionen Euro Buchexposure, um sich gegen 2,7 Millionen Euro Liquiditätsbeitrag zu wehren. Das ist nicht Glaube. Aus ökonomischer Sicht ist das schwer als Glaube zu lesen — es wirkt wie betriebswirtschaftliche Irrationalität im Gewand einer spirituellen Geste.

Der dritte Punkt: „ehrenvoll, einen Schritt zurückzugehen“.

Die Chronologie der vergangenen sechs Wochen zeigt keinen Rückzug. Sie zeigt eine Eskalation. Am 21. Mai kündigt die HAM die Darlehen. Am 28. Mai zieht sie eine Forderung zurück, behält sechs weitere. Am 3. Juni lässt sie die Frist verstreichen. Am 5. Juni veröffentlicht sie das Statement, in dem der eigene Beitrag zu dieser Eskalation nicht erwähnt wird. Das ist kein Rückzug. Das ist eine narrative Umdeutung einer Niederlage in eine moralische Setzung. Die Verhaltensökonomie kennt dieses Muster. Sie nennt es „self-serving attribution bias“.

Der vierte Punkt: „Klubs werden gemessen, ob sie wieder aufstehen können“.

Dieser Satz ist nicht falsch. Er ist nur in der falschen Perspektive formuliert. Er müsste lauten: Investoren werden gemessen, ob sie das, was sie übernommen haben, in einem besseren Zustand zurücklassen. Ismaik übernahm 2011 einen Zweitliga-Klub. Er gibt 2026 einen Regionalliga-Klub mit Insolvenzberatern an die Mitgliedschaft zurück. Das ist das Gegenteil einer Aufwärtsbewegung. Wer in dieser Lage die Aufwärtsbewegung des Klubs beschwört, beschwört nicht die eigene Leistung, sondern die Resilienz derer, die jetzt aufräumen müssen.

Aber das wäre eine andere Geschichte. Das wäre eine Geschichte über die 27.254 Mitglieder des e.V., über das Mang-Präsidium, über die Anwaltskanzleien, die jetzt klagen, über die Genossenschafts-Vision, die sich gerade formiert. Es wäre die Geschichte derer, die das, was Ismaik in fünfzehn Jahren angerichtet hat, ab Juli 2026 reparieren werden.

Es wäre die Geschichte, die in dem Statement von Hasan Ismaik wohlweislich nicht vorkommt.

KAPITEL 10 · DIE BILANZ HINTER DER BILANZ

Werfen wir einen Blick in die Zahlen. Nicht die Zahlen, die Ismaik kommuniziert. Sondern die Zahlen, die der Bundesanzeiger seit 2012 veröffentlicht.

Stichtag 30. Juni 2022 (das letzte vollständig öffentlich verifizierte Geschäftsjahr): Genussrechtskapital in der KGaA-Bilanz: 34,2 Millionen Euro. Gesellschafterdarlehen der HAM: rund 15 Millionen Euro einschließlich aufgelaufener Zinsen, dazu laut Lagebericht weitere 4,9 Millionen Euro Verbindlichkeiten gegenüber der Ismaik-Gesellschaft H.I. Squared. Plus 60 Prozent Kapitalanteile, deren bilanzieller Wert zum 30. Juni 2022 wegen der dauerhaften Verlustsituation faktisch null betrug.

Gesamt-Exposure der Investorenseite zum Bilanzstichtag 2022: rund 54 Millionen Euro.

Was bedeutet das? Genussrechtskapital ist eine Form von hybrid-eigenkapital, die im Insolvenzfall nachrangig haftet und Verluste mitträgt. Es wirkt wirtschaftlich wie ein verlorener Zuschuss, der bilanziell als Eigenkapital geführt wird. Wer 34,2 Millionen Genussrechtskapital eingebracht hat, hat 34,2 Millionen Risikokapital eingebracht, das er im Fall der Insolvenz vollständig verliert.

Gesellschafterdarlehen sind formal Fremdkapital. Im Insolvenzfall stehen sie jedoch hinter den anderen Gläubigern. Auch sie sind in einer realistischen Insolvenz-Bewertung weitgehend wertvernichtend.

Wer rund 54 Millionen Euro auf diese Weise exponiert hat, hat rund 54 Millionen Risikokapital im Spiel. Wenn die KGaA insolvent geht — und das ist seit dem 3. Juni 2026 ein akutes Szenario — geht dieses Geld zu erheblichen Teilen verloren. Manche Schätzungen gehen von einer Wertminderung um achtzig bis hundert Prozent aus, je nachdem, wie die Insolvenzverwaltung verläuft und ob ein Investor sich findet, der die Schulden teilweise übernimmt.

Setzen wir das in Relation. Die 2,7 Millionen Euro, die die HAM am 21. Mai zu zahlen verweigerte, hätten — wären sie gezahlt worden — die DFB-Lizenz für die 3. Liga gesichert. Damit wäre der Marktwert der HAM-Anteile geschützt geblieben. Selbst bei einer konservativen Schätzung wäre eine 60-Prozent-Beteiligung an einer drittklassigen, aber lizenzierten Sport-KGaA mit etablierter Marke und Münchner Standort marktfähig gewesen für mindestens fünf bis zehn Millionen Euro. Plus die Möglichkeit, die Genussrechte und Darlehen über einen Schuldenschnitt zumindest teilweise zu retten.

Stattdessen riskiert die Investorenseite jetzt rund 54 Millionen Euro, um 2,7 Millionen Euro nicht zu zahlen. Das Verhältnis beträgt rund 20 zu 1. Wenn ein Investor in dieser Weise rechnet, rechnet er nicht. Er reagiert.

Es gibt zwei Erklärungs-Hypothesen für dieses Verhalten. Die eine: Hasan Ismaik hat einen kompletten Verlust seiner 54-Millionen-Position bereits psychologisch verbucht und sieht die 2,7 Millionen als sinnloses zusätzliches Investment, das er nicht mehr leisten will. Diese Erklärung würde bedeuten, dass er die KGaA bereits zum 21. Mai abgeschrieben hat. Sie wird nicht durch sein öffentliches Auftreten gestützt, in dem er von „Glaube“ und „Begeisterung“ spricht.

Die andere Hypothese — und diese halten Ökonomen und Verhaltenswissenschaftler in mehreren Gesprächen mit dem Verfasser dieses Artikels für plausibler — ist eine reine Eskalations-Logik. Hasan Ismaik hat in fünfzehn Jahren rund 65 bis 70 Millionen Euro real in den Klub gepumpt. Er erlebt diese Summe als seinen „Anspruch“ gegen den Klub und gegen die deutsche Sportöffentlichkeit. Er sieht die deutsche 50+1-Regel als das institutionelle Hindernis, das verhindert hat, dass dieser Anspruch sich monetär realisiert. Er sieht den e.V., das Mang-Präsidium und den DFB als Akteure, die seine Bereitschaft, „noch mehr zu investieren“, nicht ausreichend honoriert haben.

In dieser Wahrnehmung sind die 2,7 Millionen kein ökonomischer Posten. Sie sind ein Symbol. Ein Symbol für: Bis hierher, und nicht weiter. Sie sind die Linie, an der er sagt: „Wenn ihr nicht akzeptiert, was ich verlange, dann bekommt ihr gar nichts.“

Diese Logik führt regelmäßig in den Totalverlust. Sie führte ihn 2017 in den ersten Lizenzentzug. Sie führte ihn 2026 in den zweiten.

Eine Logik, die zweimal in fünfzehn Jahren in dieselbe Sackgasse führt, ist keine Verhandlungs-Strategie. Sie ist ein psychologisches Muster.

KAPITEL 11 · DIE MERCHANDISING-FRAGE

Es gibt einen Aspekt der HAM-Konstellation, der in der öffentlichen Diskussion erstaunlich wenig vorkommt. Er hat einen Namen, eine Adresse in der Münchner Grünwalder Straße, und eine besondere wirtschaftliche Mechanik. Er heißt H.I. Squared International GmbH.

Diese Firma, gegründet am 22. Juni 2011 durch Hasan Ismaik und seinen damaligen Geschäftspartner Hamada Mohammed Modar Iraki, ist im Münchner Handelsregister unter HRB 192732 eingetragen. Ihr Sitz: Grünwalder Straße 114, 81547 München. Ihr Geschäftsführer heute: Yahya A. M. Ismaik — der Bruder Hasans.

Was tut diese Firma? Sie hält 100 Prozent der Anteile an der TSV 1860 Merchandising GmbH. Jener Tochter also, in der das gesamte Fanshop-, Trikot-, Kollektor-Artikel- und Lizenzgeschäft des TSV 1860 München gebündelt ist. Wer im Fanshop am Stadion Trikot, Schal oder Kaffeebecher kauft, kauft bei einer Firma aus dem Ismaik-Kosmos: Eigentümerin ist die H.I. Squared International GmbH, als Geschäftsführer eingetragen Yahya Ismaik, der Bruder Hasans. Nicht der Verein. Nicht die KGaA.

Die Konstruktion ist 2011 entstanden. Hasan Ismaik kaufte damals die Merchandising GmbH aus dem KGaA-Vermögen heraus. Für eine kolportierte Million Euro. Wert der herausgekauften Aktivitäten: deutlich höher. Im Geschäftsmodell der TSV 1860 Merchandising GmbH ist verankert, dass die ersten 120.000 Euro Jahresgewinn vollständig der Eigentümerin H.I. Squared zustehen. Erst was darüber hinausgeht, wird zwischen Merchandising GmbH und KGaA 50/50 geteilt.

Das bedeutet: Vom Gewinn der Merchandising-GmbH stehen die ersten 120.000 Euro pro Jahr vollständig einer Ismaik-Familienfirma zu, erst darüber hinaus wird geteilt. Nicht in die Kasse des Klubs, den der Fan unterstützen will. Erst wenn diese Firma genug verdient hat, kommt etwas im Verein an.

Das ist keine 1860-Spezifität, sondern eine in mehreren europäischen Fußballklubs ähnlich konstruierte Geschäftsbeziehung. Sie ist legal. Sie ist transparent im Handelsregister einsehbar. Aber sie ist im Kontext der gegenwärtigen Krise hochrelevant. Denn: Wenn die KGaA insolvent geht, wenn ein neuer Investor die HAM-Anteile übernimmt, wenn die Genossenschaft Kapital für die Beteiligungs-GmbH sammelt — dann bleibt die Merchandising GmbH bei H.I. Squared. Sie wird nicht automatisch mitübertragen. Sie ist ein separates Vermögen, das in der Sphäre der Ismaik-Familie verbleibt.

Ein neuer Investor, der einen sauberen Schnitt machen will, muss zwei Dinge erwerben: die HAM-Anteile an der KGaA und die TSV 1860 Merchandising GmbH von H.I. Squared. Nur dann gehört der Fanshop wieder zum Klub. Nur dann fließen die Fanshop-Erlöse vollständig in den Verein. Nur dann hat die kommunizierte „1860-Familie“ eine ökonomische Substanz.

In den vergangenen fünfzehn Jahren ist die TSV 1860 Merchandising GmbH konsequent außerhalb der Vereinskasse bilanziert worden. Sie hat — kumuliert über die Jahre — Erlöse generiert, deren genaue Höhe nicht öffentlich ist, aber von Branchenexperten auf insgesamt mehrere Millionen Euro geschätzt wird. Diese Erlöse sind nicht im Klub gelandet. Sie sind in einer Familienfirma gelandet, deren Inhaber im Statement vom 5. Juni 2026 von „Glaube und Begeisterung“ spricht.

Wer Glaube und Begeisterung sagt, sollte erklären, warum die Fanshop-Erlöse seines Klubs in einer separaten Familienfirma landen. Wer 80 Millionen Euro Unterstützung kommuniziert, sollte transparent machen, wie viel davon in dieselbe Tasche zurückfloss.

Das hat Hasan Ismaik in fünfzehn Jahren nicht getan. Das wird er auch jetzt nicht tun. Es wäre, im Wortsinn, kostbar gewesen.

KAPITEL 12 · DIE VERGLEICHSFÄLLE

Wer den Fall HAM/1860 als Einzelfall liest, läuft Gefahr, ihn zu romantisieren. Er ist kein Einzelfall. Er ist Teil einer breiteren Erzählung über privates Mehrheits-Investment in europäischen Profifußball — und über das, was dort funktioniert und was nicht. Werfen wir einen Blick auf vier Vergleichsfälle.

Fall eins: Wrexham AFC. Der walisische Fünftligist wurde Anfang 2021 von den US-Schauspielern Ryan Reynolds und Rob McElhenney für 2,5 Millionen Dollar übernommen (Deal angekündigt im November 2020, vollzogen Anfang 2021). Ende 2025 stieg Apollo Sports Capital mit einer Minderheitsbeteiligung ein — zu einer Bewertung von rund 475 Millionen Dollar. Eine Wertsteigerung um den Faktor 190 in fünf Jahren. Was ist anders gewesen? Reynolds und McElhenney investierten nicht nur Geld, sondern Aufmerksamkeit. Sie produzierten eine Netflix-Doku-Serie. Sie reisten regelmäßig nach Wrexham. Sie engagierten Sport-Direktoren mit britischer Liga-Erfahrung. Sie investierten in das Stadion, die Akademie und die Marketing-Maschine. Sie blieben in der Kommunikation diszipliniert und positiv. Vor allem: Sie blieben.

Fall zwei: FC Como 1907. Der italienische Klub am Comer See wurde 2019 von der Hartono-Familie übernommen, der indonesischen Inhaber der Djarum-Group. Fünf Jahre später spielt Como wieder in der Serie A. Was ist anders gewesen? Die Hartono-Familie investierte mit Geduld. Sie holten Cesc Fàbregas, den ehemaligen Arsenal- und Spanien-Spieler, als Mitanteilseigner und sportlichen Manager an Bord. Sie integrierten Sport-Domain-Kompetenz auf höchstem Niveau in den Investorenkreis. Das Netto-Transfer-Spend lag bei kolportierten knapp 94 Millionen Euro — durchaus vergleichbar mit dem, was die HAM in München aufgebaut hat. Aber das Spend war strategisch und in einem operativen Modell verankert, das von Sport-Insidern getragen wurde.

Fall drei: Brentford FC. Der englische Klub spielt seit 2021 in der Premier League. Sein Eigentümer Matthew Benham, ein Physiker und ehemaliger Quant-Hedgefonds-Manager, stieg 2007 als Geldgeber ein und übernahm den Klub 2012 — in der dritten englischen Liga. Was ist anders gewesen? Benham entwickelte ein rigoroses Daten-Analyse-Modell, das jeden Transfer, jede taktische Entscheidung und jeden Trainer-Wechsel datengetrieben unterlegte. Er baute eine eigene Scouting-Abteilung mit Statistikern auf. Er blieb auch nach Erfolgen diszipliniert. Brentford steht heute nicht für glamouröse Schlagzeilen, sondern für ein wiederholbares operatives Modell.

Fall vier: Hertha BSC. Der Berliner Klub erhielt ab 2019 rund 374 Millionen Euro von Lars Windhorsts Tennor Holding — 2023 übernahm das US-Vehikel 777 Partners das Anteilspaket. Heute, im Sommer 2026, wird es auf unter 70 Millionen Euro taxiert. 777 Partners hat globale Schulden von rund fünf Milliarden US-Dollar bei Refinanzierungs-Zinsen zwischen 13 und 19 Prozent. Mehrere 777-Töchter sind in den vergangenen 18 Monaten insolvent gegangen. Was ist hier passiert? Hochzins-Finanzierung in einer Branche mit volatilen Cash-Flows. Keine Sport-Domain-Expertise im Investorenkreis. PE-Exit-Druck, der mit einem 30-jährigen Klub-Aufbauplan unvereinbar war.

Vier Fälle. Drei Erfolge. Eine Katastrophe. Was unterscheidet sie?

Die Erfolgsfälle teilen drei Eigenschaften. Erstens: operative Demut. Der Investor erkennt an, dass Profifußball eine eigene Industrie mit eigenen Regeln ist, und kauft sich Sport-Expertise dazu. Zweitens: Domain-Kompetenz im Investorenkreis. Reynolds hatte McElhenney als Sport-Insider, Hartono hatte Fàbregas, Benham hatte sich selbst über zwei Jahrzehnte Analyse-Kompetenz aufgebaut. Drittens: langer Atem ohne harte Exit-Vorgaben. Family Offices, Patient Capital, kein PE-Druck.

Der HAM-Fall teilt die spiegelbildlichen Eigenschaften des Katastrophen-Falls Hertha. Erstens: Externalisierung der eigenen Verantwortung. Externalisierung an Wildmoser-Erben, Reisinger, Geschäftsführer, Sponsoren, DFB. Zweitens: fehlende Sport-Sachkenntnis im Top-Management. Die HAM-Vertreter im KGaA-Aufsichtsrat waren über fünfzehn Jahre überwiegend Immobilien-, Finanz- und Vermarktungsexperten, keine Spielbetriebs-Profis. Drittens: finanzieller Strukturdruck — in der HAM-Variante nicht durch Hochzins-Refinanzierung, sondern durch Sunk-Cost-getriebenes Eskalations-Commitment.

Wer aus Wrexham, Como und Brentford lernen wollte, hätte zumindest eine dieser drei Eigenschaften ins Investorenmodell übernehmen müssen. Die HAM hat in fünfzehn Jahren keine davon übernommen. Sie ist im Hertha-Modus geblieben. Mit anderen Mitteln, anderer Mechanik, aber demselben Ergebnis: ein Asset, dessen Wert über die Jahre systematisch erodiert.

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