Business & Beyond Regierung diskutiert harten Schnitt: Karenztag und kürzere Lohnfortzahlung?

Regierung diskutiert harten Schnitt: Karenztag und kürzere Lohnfortzahlung?

Die Regierung diskutiert eine radikale Reform der Lohnfortzahlung. Karenztag, verkürzte Zahlungsfristen und weniger Geld bei Krankheit – was Unternehmen entlasten soll, trifft Arbeitnehmer hart.

Deutschland hat ein Krankheitsproblem – zumindest aus Sicht von Kanzler Friedrich Merz. 14,5 Krankentage pro Beschäftigtem im Jahr, europäischer Spitzenwert, wirtschaftlicher Albtraum. Die Lösung der Regierung: Arbeitnehmer sollen finanziell bluten, wenn sie krank werden. In vertraulichen Verhandlungen zwischen Union und SPD kursieren laut Berichten der Bild Pläne, die das Entgeltfortzahlungsgesetz radikal umkrempeln würden. Karenztag, verkürzte Lohnfortzahlung, einmalige Zahlungspflicht pro Jahr – was nach Wirtschaftspolitik klingt, ist ein Frontalangriff auf Arbeitnehmerrechte.

Karenztag: Der erste Tag ohne Geld

Die Wiedereinführung des Karenztages steht im Raum. Konkret bedeutet das: Wer krank wird, bekommt am ersten Tag keinen Lohn. Die Hoffnung der Regierung ist simpel – Arbeitnehmer sollen sich zweimal überlegen, ob sie wegen Schnupfen zu Hause bleiben. Unternehmen würden finanziell entlastet, der Krankenstand sinke automatisch. Die Rechnung ist zynisch, aber aus Arbeitgebersicht logisch. Nur: Sie ignoriert komplett, dass Menschen tatsächlich krank werden und nicht aus Jux fernbleiben.

Aktuell gilt die Sechs-Wochen-Regel – wer arbeitsunfähig ist, erhält sein volles Gehalt vom Arbeitgeber. Danach springt die Krankenkasse mit 70 Prozent des Bruttolohns ein. Diese Regelung könnte Geschichte sein, wenn die Union sich durchsetzt. Im Gespräch ist auch, die Zahlungsdauer zu verkürzen und Arbeitgeber nur noch einmal jährlich zur Lohnfortzahlung zu verpflichten. Bei einer zweiten Erkrankung im selben Jahr würde sofort das niedrigere Krankengeld greifen.

67 Millionen Krankmeldungen – und jetzt?

Die Zahlen liefern der Regierung Argumente. Allein die Techniker Krankenkasse registrierte 2025 bei 6,2 Millionen Versicherten über 10,59 Millionen Arbeitsunfähigkeiten. Hochgerechnet auf alle 39,1 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland ergibt das laut Bild rund 67 Millionen Krankmeldungen pro Jahr. Die Frage ist nur: Sind das wirklich zu viele oder einfach die Realität eines Landes mit funktionierendem Gesundheitssystem und Arbeitnehmerschutz? Die SPD steht unter Druck.

Für die Sozialdemokraten sind diese Pläne Gift – Arbeitnehmerrechte beschneiden, um Unternehmen zu entlasten, passt nicht ins Parteiprogramm. In Regierungskreisen heißt es vage, am Ende gelte nur, was gemeinsam beschlossen werde. Übersetzung: Die SPD sucht verzweifelt nach einem Ausweg, ohne das Gesicht zu verlieren.

Zuckerbrot statt nur Peitsche

Um die Reform schmackhafter zu machen, gibt es auch Belohnungsideen. Wer sich im Jahr nur fünf Tage oder weniger krankmeldet, könnte im Folgejahr einen zusätzlichen Urlaubstag bekommen. Ein netter Versuch, die harte Linie abzufedern – aber letztlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn wer ernsthaft erkrankt, hat von diesem Bonus nichts.

Die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet: Warum sind Deutsche öfter krank als andere Europäer? Liegt es an besserer Gesundheitsversorgung, die Krankheiten früher erkennt? An einem Arbeitsklima, das Menschen ausbrennt? Oder doch an einer Kultur, die Krankschreibungen weniger stigmatisiert? Die Regierung interessiert das nicht – sie will Symptome bekämpfen, nicht Ursachen analysieren.

Business Punk Check

Diese Reform ist Wirtschaftspolitik auf dem Rücken der Arbeitnehmer – und sie wird scheitern. Nicht juristisch, nicht politisch, aber praktisch. Denn wer glaubt, Menschen würden weniger krank, nur weil der erste Tag unbezahlt bleibt, versteht weder Medizin noch Arbeitspsychologie. Das Gegenteil wird passieren: Arbeitnehmer schleppen sich krank zur Arbeit, stecken Kollegen an, werden chronisch krank. Die Produktivität sinkt, statt zu steigen. Die eigentliche Absurdität: Deutschland diskutiert über Karenztage, während andere Länder über Vier-Tage-Wochen nachdenken.

Statt Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Menschen gesund halten, wird Krankheit bestraft. Für Unternehmen mag das kurzfristig Kosten senken – langfristig zahlen sie drauf, wenn kranke Mitarbeiter Fehler machen oder Teams lahmlegen. Die SPD wird dieser Reform nur zustimmen, wenn sie massiv abgeschwächt wird. Vermutlich kommt am Ende ein Kompromiss, der niemandem hilft: zu hart für Arbeitnehmer, zu weich für Arbeitgeber. Typisch deutsche Konsenspolitik – das Problem bleibt, alle sind unzufrieden. Wer jetzt schon plant: Krankenversicherungen mit guten Krankentagegeld-Tarifen werden interessanter. Und Arbeitgeber, die auf echte Gesundheitsförderung setzen statt auf Bestrafung, werden im War for Talents gewinnen.

Häufig gestellte Fragen

Was würde der Karenztag konkret für Arbeitnehmer bedeuten?

Bei Wiedereinführung des Karenztages würde der erste Krankheitstag unbezahlt bleiben. Erst ab dem zweiten Tag greift die Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber. Bei durchschnittlich 14,5 Krankheitstagen pro Jahr würden Arbeitnehmer faktisch mehrere Tageslöhne verlieren – je nachdem, wie oft sie im Jahr erkranken. Besonders hart trifft es Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Familien mit kleinen Kindern.

Welche Branchen wären von der Reform am stärksten betroffen?

Pflege, Einzelhandel und Logistik haben bereits jetzt überdurchschnittlich hohe Krankenstände. In diesen Branchen arbeiten Menschen oft unter körperlich belastenden Bedingungen mit vergleichsweise niedrigen Gehältern. Eine Kürzung der Lohnfortzahlung würde diese Beschäftigten überproportional treffen, während gut verdienende Büroangestellte den Ausfall leichter verkraften könnten. Die Reform würde soziale Ungleichheit verschärfen.

Wie realistisch ist die Umsetzung dieser Pläne?

Die SPD steht unter massivem Druck ihrer Basis und der Gewerkschaften. Eine Reform in der diskutierten Härte ist politisch kaum durchsetzbar, ohne die Koalition zu gefährden. Wahrscheinlicher ist ein abgeschwächter Kompromiss – etwa ein Karenztag nur bei bestimmten Erkrankungen oder eine moderate Verkürzung der Lohnfortzahlung. Die Union wird Zugeständnisse machen müssen, wenn sie überhaupt etwas durchsetzen will.

Welche Alternativen gäbe es zur Kürzung der Lohnfortzahlung?

Statt Krankheit zu bestrafen, könnten Unternehmen in Prävention investieren: ergonomische Arbeitsplätze, Gesundheitsförderung, flexible Arbeitszeiten. Studien zeigen, dass gutes Betriebsklima und Work-Life-Balance den Krankenstand nachhaltiger senken als finanzielle Sanktionen. Auch eine Reform der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung – etwa durch schnellere digitale Prozesse – würde Missbrauch erschweren, ohne ehrlich Kranke zu bestrafen.

Was sollten Arbeitnehmer jetzt tun?

Wer finanziell vorsorgen will, sollte Krankentagegeld-Versicherungen prüfen. Diese springen ein, wenn das Krankengeld der Kasse greift, und gleichen Einkommensverluste aus. Betriebsräte sollten jetzt Druck machen und klare Positionen gegen die Reform beziehen. Und Arbeitnehmer können durch Dokumentation ihrer Krankheitsverläufe nachweisen, dass sie nicht simulieren – das wird wichtiger, wenn der politische Diskurs Kranke unter Generalverdacht stellt.

Quellen: Bild

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