Deepfake-Betrug: Jeder Elfte ist schon reingefallen – 3x mehr als im Vorjahr
Neun Prozent der Internetnutzenden wurden laut Bitkom von KI-Fakes getäuscht, dreimal so viele wie im Vorjahr. Aufgeklärt wird davon fast nichts.
Neun Prozent der deutschen Internetnutzerinnen und -nutzer geben an, in den vergangenen zwölf Monaten durch eine täuschend echt wirkende, KI-erstellte oder -veränderte Foto-, Video- oder Sprachaufnahme hereingelegt worden zu sein. Das ist das zentrale Ergebnis einer repräsentativen Befragung von Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, für die 1.126 Personen ab 16 Jahren telefonisch befragt wurden, darunter 1.031 Internetnutzende. Im Vorjahr lag der Wert bei drei Prozent.
Die Quote hat sich damit verdreifacht, auch wenn der absolute Zuwachs mit sechs Prozentpunkten überschaubar wirkt. Für Susanne Dehmel, Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung, ist der Mechanismus dahinter simpel und genau deshalb wirksam: „Künstliche Intelligenz macht Betrug leichter und glaubwürdiger. Eine vertraute Stimme oder ein echt wirkendes Video schaltet bei vielen das Misstrauen zumindest im ersten Moment aus, genau darauf setzen die Täter.“ Ihr Rat klingt banal, ist aber der einzige wirklich belastbare Schutzmechanismus im Material: Bei ungewöhnlichen Anrufen oder dringenden Zahlungsaufforderungen immer über einen zweiten Kanal nachfragen, bevor gehandelt wird.
Cyberkriminalität bleibt Massenphänomen
Die Deepfake-Zahlen sind eingebettet in einen größeren Befund. 64 Prozent der Internetnutzenden berichten laut Bitkom von Cyberkriminalität in den vergangenen zwölf Monaten, im Vorjahr waren es 61 Prozent. Angeführt wird die Liste der Angriffsformen von Schadprogrammen mit 32 Prozent, gefolgt von Betrug beim Online-Einkauf mit 29 Prozent und Phishing mit 21 Prozent. 58 Prozent der Betroffenen entstand dabei ein persönlicher finanzieller Schaden, im Schnitt 233 Euro, ein Jahr zuvor waren es 219 Euro. Bei weiteren fünf Prozent übernahmen Händler, Bank oder Versicherung den Verlust.
Der Bericht des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik für den Zeitraum Juli 2024 bis Juni 2025 stützt das Bild einer angespannten Lage, auch wenn er andere Kennzahlen nutzt. Laut BSI wurden im Berichtszeitraum durchschnittlich 119 neue Schwachstellen in IT-Systemen täglich bekannt, ein Plus von rund 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 80 Prozent der angezeigten Ransomware-Angriffe richteten sich gegen kleine und mittlere Unternehmen, denen laut BSI häufig Mittel und Wissen für eigenständigen Schutz fehlen. BSI-Präsidentin Claudia Plattner bringt die Dringlichkeit auf den Punkt: „Wenn wir es nicht kurzfristig schaffen, uns und unsere Angriffsflächen zu verteidigen, werden wir verwundbar bleiben.“.
Anzeigen verpuffen fast folgenlos
Besonders unbequem ist der Befund zur Strafverfolgung. Nur 19 Prozent der von Cyberkriminalität Betroffenen erstatteten laut Bitkom Anzeige, im Vorjahr waren es noch 26 Prozent. Von den Anzeigeerstattenden gaben lediglich zwei Prozent an, ihr Fall sei aufgeklärt worden. Das Bundeskriminalamt weist für 2025 eine Aufklärungsquote von 31,4 Prozent bei 126.034 erfassten Cybercrime-Fällen im Inland aus, eine andere Kategorie mit anderem Nenner. Dehmel sieht darin ein strukturelles Problem: „Jede Tat, die nicht angezeigt wird, fehlt im Lagebild und Täter, die nicht verfolgt werden, machen weiter.
Polizei und Justiz müssen personell und technisch so ausgestattet sein, dass aus Anzeigen auch Ermittlungserfolge werden.“ Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder weitet den Blick über den individuellen Schaden hinaus: „Desinformationen verzerren den öffentlichen Diskurs, beschädigen unsere Demokratie und verunsichern viele Menschen zutiefst. Mit KI-generierten Deepfakes kommt eine neue Qualität der Täuschung hinzu: Inhalte wirken immer authentischer, obwohl sie es nicht sind.“
Wie groß die Erkennungslücke tatsächlich ist, zeigt eine separate Bitkom-Erhebung aus dem Frühjahr 2026: 61 Prozent der Befragten sind demnach bereits Deepfakes begegnet, aber nur 34 Prozent trauen sich zu, sie zuverlässig zu erkennen. Dehmel rät deshalb auch zu simplen technischen Grundlagen: „Ein einzigartiges, starkes Passwort für jeden Dienst und die Zwei-Faktor-Authentifizierung oder auch neue Lösungen wie Passkeys sind der wirksamste Schutz.“.
Business Punk Check
Die Zahlen widersprechen sich nicht, sie messen nur verschiedene Dinge und genau darin liegt das eigentliche Problem. Bitkom fragt Betroffene nach ihrer Wahrnehmung, das BKA zählt angezeigte Fälle, das BSI beobachtet Angriffsflächen. Wer die 64 Prozent Cybercrime-Betroffenheit neben die 31,4 Prozent amtliche Aufklärungsquote legt, vergleicht zwei unterschiedliche Nenner, auch wenn beide Zahlen für sich genommen beunruhigend bleiben.
Interessanter als die Debatte um Vergleichbarkeit ist der Trend: KI-Täuschungen wachsen in der Bitkom-Erhebung doppelt so schnell wie die allgemeine Cyberkriminalität. Gleichzeitig sinkt die Anzeigebereitschaft. Wer beides zusammen denkt, landet bei einer unbequemen Gleichung: Je überzeugender die Fälschung, desto unwahrscheinlicher die Konsequenz für die Täter.