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Der Lohnabstand zu China schrumpft schneller, als Deutschland es merkt

Chinesischer Arbeiter auf Yuan-Münzen
BP | KI-generiert mit ChatGPT Chinesischer Arbeiter auf Yuan-Münzen
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Eine deutsche Industriestunde kostete das IW zuletzt mehr als das Fünffache einer chinesischen. Doch Chinas Fabriklöhne wachsen schneller als die deutschen Arbeitskosten – und erklären die Standortkrise nur zum Teil.

45 Euro. So viel kostete eine Arbeitsstunde in Deutschland 2025 im Schnitt. Das ist die Zahl, die in jeder Standortdebatte fällt, meist gefolgt von einem Seitenblick nach China. Nur: Wer genauer hinsieht, findet in den Daten weniger Gewissheit als in den Talkshows. Und eine Entwicklung, die den bequemen Vergleich ins Wanken bringt.

Die Zahl, die jeder kennt und kaum jemand aktualisiert

Der meistzitierte Vergleich stammt vom Institut der deutschen Wirtschaft. In seinem Kurzbericht vom September 2020 kam eine Industriestunde in Deutschland auf gut 42 Euro, in China auf knapp 8 Euro. Zehn Jahre zuvor lag China noch unter 3 Euro. Das Datenjahr nennt der Bericht nicht und er ist inzwischen sechs Jahre alt. Wer ihn heute zitiert, zitiert eine Momentaufnahme von gestern.

Was ein Fabrikarbeiter in China heute verdient

Aktueller sind die Zahlen des chinesischen Statistikamts. 2025 verdiente ein Beschäftigter im Verarbeitenden Gewerbe in staatlichen und städtischen Einheiten im Schnitt 113.594 Yuan im Jahr, 5,2 Prozent mehr als 2024. In privaten Betrieben waren es 76.055 Yuan, ein Plus von 6,4 Prozent. Zum Vergleich: In IT und Software lag der Schnitt bei 248.752 Yuan in staatlichen und 128.166 Yuan in privaten Einheiten, im Finanzsektor bei 211.164 beziehungsweise 140.451 Yuan.

Eine Näherung in Euro je Stunde geht, wenn man ihre Grenzen kennt. Rechnet man mit 40 Wochenstunden und 21,75 Arbeitstagen im Monat, also rund 2.088 Stunden im Jahr (eigene Annahme), und mit dem EZB-Referenzkurs vom 6. Oktober 2026 von 7,5554 Yuan je Euro, ergibt sich für das Verarbeitende Gewerbe: rund 54 Yuan oder 7,20 Euro pro Stunde in staatlichen und städtischen Einheiten, rund 36 Yuan oder 4,80 Euro in privaten Betrieben. In der IT sind es in staatlichen Einheiten knapp 16 Euro, in privaten gut 8 Euro.

Das sind Bruttolöhne, keine Arbeitskosten: Nebenkosten des Arbeitgebers sind nicht enthalten. Die Werte erfassen zudem nur städtische Beschäftigte und wer in der Praxis mehr als 40 Stunden arbeitet, kommt auf einen niedrigeren Stundenlohn. Der Vergleich mit den 45 Euro Arbeitskosten in Deutschland ist deshalb eine Größenordnung und kein Messwert: Er liegt beim Sechs- bis Neunfachen. Die Löhne in der Fabrik wachsen zudem um fünf bis sechs Prozent im Jahr.

Deutschland bleibt teuer – aber nicht teurer als früher

Dagegen steht Deutschland. Laut Statistischem Bundesamt kostete die Arbeitsstunde 2025 durchschnittlich 45 Euro, 3,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Der EU-Schnitt lag bei 34,90 Euro. Nur Luxemburg (56,80 Euro), Dänemark (51,70 Euro), die Niederlande (47,90 Euro) und Österreich (46,30 Euro) sind teurer, Bulgarien mit 12,00 Euro am günstigsten. Seit 2020 sind die deutschen Kosten um 22,3 Prozent gestiegen. Der Abstand zum EU-Schnitt lag 2020 bei 30 Prozent, 2025 bei 29 Prozent.

Die IMK-Arbeitsmarktexpertin Ulrike Stein sagt deshalb, die Wettbewerbsposition bei den Arbeitskosten habe sich wenig verändert. Das ist der unbequeme Teil: Wenn sich die Kostenposition kaum bewegt hat, die Lage der Industrie aber schlechter geworden ist, liegt die Ursache woanders. Das ist ein Schluss aus den Zahlen.

Was Unternehmer daraus mitnehmen

Der Lohnabstand ist real, aber er ist nicht mehr der Hebel, den Standortdebatten gern daraus machen. Wer in China Fabrikjobs billig nennt, übersieht, dass die Löhne dort derzeit schneller steigen als die deutschen Arbeitskosten.

Auf einen Blick

  • Eine Arbeitsstunde kostete in Deutschland 2025 im Schnitt 45 Euro, 29 Prozent mehr als der EU-Schnitt von 34,90 Euro.
  • Der Abstand zum EU-Schnitt lag 2020 bei 30 Prozent und hat sich damit kaum verändert.
  • In Chinas Verarbeitendem Gewerbe stiegen die Durchschnittslöhne 2025 in staatlichen Einheiten um 5,2 Prozent auf 113.594 Yuan, in privaten um 6,4 Prozent auf 76.055 Yuan.
  • Das IW sah Chinas Industriestunde 2020 bei knapp 8 Euro nach unter 3 Euro zehn Jahre zuvor.

Quellen: Statistisches Bundesamt, VDIV, Nationales Statistikamt China, IW Köln, KI-unterstützt

Portrait Uli Weißgerber

Uli Weißgerber

Seit über 25 Jahren bewegt er sich an der Schnittstelle von Medien, Marketing und Technologie. Stationen? Sport1, ProSiebenSat.1, Bertelsmann – er war beim Start von Sport1.de dabei hat unter anderem die erste Affiliate-Kampagne in Polen ausgerollt hat. Später hat er mit getperformance das erste TV-Performance-Tracking entwickelt und Marken wie Trivago ins Fernsehen katapultiert. Als Gesellschafter von Promipool wurde er Publisher und baute ein starkes, unabhängiges Content-Portfolio auf. Heute bringt er mit seinem Team und Partnern eigene, komplexe KI-Workflow-Lösungen in Verlage und Agenturen, die mehr können als Buzzwords – unter anderem steuern sie die komplette digitale Plattform von Business-Punk.com.