work wise · Deutschland

Deutschland gründet, Amerika listet: Der Haken am Unicorn-Rekord

Startup Unicorns
Business Punk by KI Startup Unicorns
Erschienen
Lesezeit5 Min · 948 Wörter
Seite1 / 2

Deutschland feiert 39 Milliarden-Start-ups, Rekord seit 2021. Doch 62 Prozent wollen für den Börsengang in die USA. Der Boom hat einen Haken.

Deutschland zählt so viele Milliarden-Start-ups wie seit 2021 nicht mehr, doch für den großen Auftritt an der Börse wandern die meisten von ihnen lieber gleich aus. Der Deutsche Start-up Monitor meldet bis Ende September 2026 zehn neue Unicorns und damit einen Rekordwert von insgesamt 39 Firmen.

Gleichzeitig geben 62 Prozent der befragten Gründenden an, im Fall eines Börsengangs die USA zu bevorzugen, nur 27 Prozent würden Deutschland wählen. Der Report zeigt einen Wachstumsboom, der an seiner eigenen Infrastruktur vorbeiläuft. Im ersten Halbjahr erreichten die Neugründungen mit 3.053 Unternehmen laut Upday zudem einen neuen Höchststand, was die Dynamik der Szene unterstreicht, auch wenn die Struktur des Kapitalmarkts weiterhin hakt.

Kapital fließt, aber selektiv

Rund acht Milliarden Euro Wagniskapital flossen laut Ad Hoc News bis Ende September in deutsche Start-ups, mehr als im gesamten Vorjahr mit etwa 7,5 Mrd. Euro. Getrieben wird das Wachstum von Künstlicher Intelligenz und Rüstungstechnologie: Für 53 Prozent der rund 1.800 befragten Firmen steht KI im Zentrum des Produkts, 2024 waren es erst 39 Prozent. Neu in den Unicorn-Klub aufgestiegen sind unter anderem Osapiens, Neura Robotics und die Rüstungsfirma Stark Defense, während Verteidigungsunternehmen wie Quantum Systems und Helsing hohe Investitionen einwerben.

Auch das Fusions-Start-up Proxima Fusion schaffte laut Upday den Sprung in die Milliardenklasse, ein Hinweis darauf, dass der Boom längst über KI und Rüstung hinausreicht und auch kapitalintensive Deep-Tech-Felder erfasst. Das Kapital konzentriert sich jedoch an der Spitze. Die Zahl der Finanzierungsrunden liegt insgesamt rund ein Viertel unter dem Niveau von 2021, wie Welt berichtet.

Während einzelne Rüstungs- und KI-Firmen Runden im dreistelligen Millionenbereich abschließen, fehlt es laut Upday vor allem in frühen Phasen an Geldgebern. Nach Angaben des Investors Antler schafft es aktuell nur jedes vierte deutsche Start-up mit Erstfinanzierung überhaupt bis zur größeren Series-A-Runde. Diese Lücke zwischen Anschubfinanzierung und Wachstumskapital gilt als eines der zentralen Strukturprobleme der Szene. 89 Prozent der Gründenden fordern deshalb mehr Wagniskapital aus Deutschland und Europa. Verena Pausder, Vorstandschefin des Start-up-Verbands, brachte es auf den Punkt: „Das verfügbare Kapital reicht für den Sprung an die Weltspitze nicht aus.“

Hinzu kommt eine schwindende Anbindung an die etablierte Wirtschaft. Laut Upday kooperierten in diesem Jahr nur noch 54,1 Prozent der Start-ups mit Konzernen oder mittelständischen Unternehmen, der niedrigste Wert seit 2020. Eric Weber, Chef der Start-up-Schmiede Spinlab, erklärte dazu: „Wenn Konzerne und Mittelständler Sparprogramme fahren und sich auf das Kerngeschäft konzentrieren wollen beziehungsweise müssen, dann streichen sie häufig zuerst externe Innovationstätigkeiten.“ Ausgerechnet in einer Phase, in der Start-ups Partner für Skalierung und Marktzugang bräuchten, ziehen sich klassische Industriepartner damit zurück.

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.