Deutschland nur Mittelmaß: Wo die Rente besser funktioniert
Wie unpopulär solche Automatismen bleiben, lässt sich an Frankreich ablesen, wo die Regierung die geplante Erhöhung von 62 auf 64 Jahre jüngst bis zur nächsten Präsidentenwahl aussetzte. Auch die Schweiz lehnte 2017 in einem Referendum eine Erhöhung auf 66 Jahre ab, was auch mit der dort üblichen Maximalrente zusammenhängen dürfte.
Steuermodell mit Kapitalpolster
Die Niederlande gehen den Gegenweg und landen dafür an der Spitze des Mercer Global Pension Index 2025 mit 85,4 von möglichen Punkten. Jeder Einwohner erhält eine steuerfinanzierte Grundrente, unabhängig von Berufsstand oder Einzahlung. Pro Wohnjahr entsteht ein Anspruch von 2 Prozent, nach 50 Jahren gibt es die volle Leistung.
Damit verbreitert sich der Kreis derjenigen, die faktisch ins System einzahlen, weil keine Berufsgruppe ausgenommen wird, anders als in Deutschland, wo Selbständige und Beamte nicht in die gesetzliche Rentenkasse zahlen. Darüber liegt eine kapitalgedeckte Betriebsrente, die rund 90 Prozent der Arbeitgeber anbieten, ergänzt um private Vorsorge. Diese Schichtung hat dem System den Spitznamen Cappuccino-Prinzip eingebracht. Das Ergebnis: ein Pensionsfondsvermögen, das mehr als doppelt so hoch ist wie das niederländische Bruttoinlandsprodukt, allerdings abhängig von den Launen der Finanzmärkte.
Deutschland bleibt Mittelmaß
Deutschland kommt im selben Index nur auf Platz 22 von 52 Ländern mit 67,8 Punkten, laut Dasinvestment eine solide, aber nicht zukunftsfeste Struktur.
Michael Sauler, Leiter Wealth bei Mercer Deutschland, mahnt laut Dasinvestment: „Deutschland steht vor der großen Aufgabe, sein Rentensystem widerstandsfähiger gegenüber dem demografischen Wandel zu machen.“ Er verweist auf höhere Mindestrenten, mehr kapitalgedeckte Vorsorge und eine breitere betriebliche Altersvorsorge als Stellschrauben. Osteuropas Versuch mit kapitalgedeckten Elementen scheiterte dagegen: Polen und Ungarn führten in den 1990er- und 2000er-Jahren obligatorische private Fondsanteile ein, holten das Kapital während der Finanzkrise und in politisch angespannten Zeiten aber wieder in die Staatskasse zurück.
Was bedeutet das für den Mittelstand?
Steigende Rentenzuschüsse bedeuten weniger fiskalischen Spielraum für Investitionsförderung, Digitalisierung und Entlastungen beim Mittelstand.
Wer als Unternehmen auf ausländische Fachkräfte setzt, konkurriert künftig auch über die Attraktivität des Sozialsystems, nicht nur über Gehälter.
Business Punk Check
Der Rentensystem-Vergleich zerlegt eine bequeme Illusion: Es gibt kein Modell, das gleichzeitig günstig, gerecht und stabil ist. Schweden zahlt den Preis in Altersarmut, Deutschland zahlt ihn in Steuermilliarden, die woanders fehlen und die Niederlande zahlen ihn über ein Kapitalpolster, das an den Finanzmärkten hängt. Wer eine einfache Blaupause sucht, sucht vergeblich. Für Entscheider heißt das: Wirtschaftspolitik, die Rentenreformen aufschiebt, verschiebt keine Kosten, sie verschärft sie. Unternehmen, die auf internationale Fachkräfte angewiesen sind, sollten die Sozialsystem-Frage in ihre Standortstrategie einpreisen, nicht als Randnotiz behandeln. Die Debatte um Rente mit 70 ist unpopulär, aber die OECD-Prognose eines steigenden Renteneintrittsalters in mehreren Ländern zeigt, wohin die Reise ohne mutige Reformen geht.
Auf einen Blick
- Deutschlands Rentenzuschuss liegt aktuell über 100 Mrd. Euro und soll bis 2040 auf über 150 Mrd. Euro steigen.
- Die Niederlande führen den Mercer Global Pension Index 2025 mit 85,4 Punkten an, Deutschland liegt nur auf Platz 22 von 52.
- Schweden und die baltischen Staaten koppeln Renten strikt an Einnahmen, was laut Focus zu europaweiten Spitzenwerten bei Altersarmut führt.
- Polen und Ungarn machten ihre kapitalgedeckten Rentenreformen in Krisenzeiten weitgehend rückgängig.
Quellen: Focus, Dasinvestment, KI-unterstützt