Finance & Freedom Auserfolgt: Manchmal schmeckt selbst der nächste Big Deal fad wie ein altes Brötchen

Auserfolgt: Manchmal schmeckt selbst der nächste Big Deal fad wie ein altes Brötchen

Es gibt Phasen im Lebenszyklus eines Unternehmers, die in keinem betriebswirtschaftlichen Lehrbuch und in keinem Leitfaden für Entscheider stehen. Wer mit Unternehmern Mitte 40, Anfang 50 spricht, hört oft davon.

Sie beschreiben das Gefühl, fremd im eigenen Unternehmen zu sein, den Gedanken, man mache den ganzen Tag nur noch Dinge, die man eigentlich nie machen wollte. Dinge, die sich falsch und befremdlich anfühlen. Wer anderen davon erzählt, bekommt meist Antworten, die für einen selbst eher zynisch klingen: Du hast doch alles. Dein Unternehmen läuft. Du hast ein gutes Team, genügend Geld, eine tolle Familie. Was willst Du eigentlich? Sei mal dankbar. Schau mal, wie es anderen geht. Allein der Referenzmaßstab „die anderen“ ist schon schwierig.

Sei dankbar und demütig

Dieses Negieren der Tatsache, dass auch objektiv Privilegierte an Grenzen stoßen und sie trotz Geldes und dem, was die Literatur gemeinhin als „Erfolg“ bezeichnet, unzufrieden sein dürfen, tut weh. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Sozialneid, Verharmlosung und mangelnder Anerkennung. Es geht Dir gut, also sei dankbar und demütig.

Erfolg hat entfremdet

Viele Unternehmer berichten davon, meist mit dem Unterton des „Früher-war-alles-besser“. Das Frühere beschreibt in den Erzählungen die Aufbauphase, in der der Maschinenbauer mit heute hunderten Mitarbeitern noch selbst an der Werkbank stand, den Handwerker, der noch selbst zum Kunden fuhr, und den Kreativunternehmer, der noch selbst gestaltet hat – bevor es Mitarbeiter und die KI übernahmen. Stattdessen sitzen diese Unternehmer heute in Meetings mit der Bank, beim Steuerberater, in Personal-Feedbackgesprächen, in Verbandsgremien oder in abstrakten Strategierunden. Sie bewerten Charts und Analysen. Sie sind Verwalter geworden, aber sie sind in dieser Rolle nie wirklich angekommen. Und so fühlt sich selbst der nächste Big Deal und der nächste transformative Change oft fad an wie ein altes Brötchen. Es ist, als habe man „auserfolgt“.

Gläserne Decke durchstoßen

Die Tugenden, die einen an den Punkt des objektiv erfolgreichen Unternehmers gebracht haben, tragen in dieser Phase nicht mehr. Kämpfen, zupacken, wachsen – all das sind nicht mehr die Tugenden des arrivierten Unternehmers. Der muss stattdessen vermitteln, moderieren, stabilisieren und seiner Verantwortung gerecht werden. Wer eine Familie hat, Dutzende oder gar Hunderte Mitarbeiter und eine Rolle in der Gemeinde, in der Branche oder in der Gesellschaft, der struggelt nicht, der gleicht aus.

Vermögen bedeutet Verantwortung

Es ist der Übergang vom Unternehmer zum Verantwortungsträger, die gläserne Decke, die es nun zu durchstoßen gilt. Die Mischung aus Loslassen und Delegieren, aus aktiver Teilnahme und Rückzug, aus dem Aufbauen von Vermögen und Reputation und beides für sich arbeiten lassen. All das verlangt eine Entwicklung, die man nicht in Management-Kursen lernt oder in Lebensratgebern liest.

Viele Unternehmer stellen in dieser Phase fest, dass klassische Managementberatung hier wenig hilft. Es geht nicht mehr um Strategie oder Organisation, sondern um die persönliche Rolle des Unternehmers im eigenen Leben. Hier helfen keine Coaches, die Affirmationen skandieren, sondern Menschen, die genau diesen Übergang verstehen. Berater, die nicht Demut und Dankbarkeit vom Unternehmer erwarten und dessen Emotionen trivialisieren, sondern Menschen, die verstehen, dass Vermögen, Unternehmen, Beteiligungen und eine Familie Verantwortung bedeuten – eine Verantwortung, die über kurzfristige Renditen und das nächste Investment hinausgeht. Es braucht jemanden, der weiß, dass Geld Macht bedeutet und Macht in Verantwortung mündet, die nun eine neue Rolle sucht.

Sinn und Wirkung entfalten

Wer als Unternehmer in dieser Phase steckt – zu angekommen, um ganz von vorne anzufangen, aber viel zu jung, um ans Aufhören zu denken, der sollte seine Persönlichkeit entwickeln. Nicht durch Coaching oder neue Achtsamkeitsrituale, sondern im Kontext seiner bisherigen Erfolge. Es braucht eine neue Rolle im eigenen Leben. Wie diese wahrgenommen wird, ist auch eine Frage der Vermögensbildung. Vermögensbildung ohne Persönlichkeitsentwicklung ist aber weitgehend sinnentleert. Denn die Fragen bleiben: Wer will ich sein? Wie will ich leben? Für was möchte ich stehen und warum? Was kann und möchte ich hinterlassen, nicht nur monetär, sondern auf der Werteebene? Für die Antworten auf diese Fragen, lohnt es sich dann, den nächsten Schritt zu gehen.

Vermögen, Kapitalanlagen und ein im Markt vernetztes Unternehmen entfalten erst dann Wirkung, wenn sie ein Ziel kennen. Für denjenigen, der nicht weiß, wo er hinmöchte, fühlt sich jeder Weg falsch an. Hier liegt meist die Ursache der Unzufriedenheit.

Transformation vollendet   

Es geht nicht darum aufzuhören, es geht darum, sich neu zu justieren – sich und das Ökosystem um einen herum. Ein zufriedener Chef produziert motivierte Mitarbeiter. Ein harmonisches Unternehmen produziert mehr Gewinn. Und mehr Gewinn ermöglicht, Ressourcen für die Gesellschaft einzusetzen und Dinge zu tun, die einem sinnvoll erscheinen. Es geht in dieser Phase meist nicht um mehr Geld, sondern um mehr Sinn. Und es geht darum, sich weniger über die gegebenen Umstände zu beklagen, über die Politik, den Markt, die Menschen, sondern Dinge positiv im eigenen Sinne zu gestalten. Wem das gelingt, der hat eine wertvolle Transformation vollendet.

Über den Autor

Matthias Wolf ist Gründer und Geschäftsführer der Goldpfad GmbH in Bautzen. Er begleitet Unternehmer und Familienunternehmer dabei, Vermögen, Persönlichkeit und Zukunft strategisch in Einklang zu bringen – als erfahrener Partner, der aus der Mitte führt. Grundlage ist das Goldpfad-Legacy-Modell, das die Unternehmerpersönlichkeit ins Zentrum aller Entscheidungen stellt. www.goldpfad.de

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