Kindergeld im Ausland: Zahlungen steigen auf 528 Millionen Euro
Damit genügt theoretisch ein Minijob in Deutschland, um Ansprüche für eine ganze Familie im EU-Ausland auszulösen, ein Mechanismus, der im politischen Diskurs regelmäßig als Einfallstor kritisiert wird. Die drei genannten Länder machen zusammen den weit überwiegenden Teil der 291.292 betroffenen Kinder aus, was die Debatte auf wenige, klar benennbare Herkunftsstaaten zuspitzt.
Wagenknechts Weihnachtsgans
Für Sahra Wagenknecht ist die Entwicklung ein Symbol für einen ausgenutzten Sozialstaat. „In Bitterfeld stehen die Menschen an der Tafel und nach Bukarest wird das Steuergeld überwiesen. Der deutsche Staat lässt sich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans“, sagte sie laut Bild. Sie fordert einen vollständigen Stopp der Zahlungen für Kinder im Ausland: „Kindergeld für Kinder, die gar nicht in Deutschland leben, darf es nicht länger geben!“ Die Politik müsse, so Wagenknecht, wieder mehr an Bitterfeld als an Bukarest denken, eine Zuspitzung, die bewusst zwei Städte als Symbole für Armut im Inland und vermeintlichen Wohlstandstransfer ins Ausland gegenüberstellt.
Besonders empört zeigte sich Wagenknecht über eine MDR-Reportage, in der ein rumänischer Bürgermeister die deutschen Sozialleistungen als Gewinn für seine Gemeinde bezeichnete. „In unserer Gemeinde haben wir kinderreiche Familien, manche haben 10 oder 15 Kinder. Sie bekommen in Deutschland Kindergeld“, wird der Bürgermeister laut Welt zitiert. „Das ist für unser Land und unsere Kinder aus Rumänien wie ein Schatz.“ Wagenknecht kommentierte dazu auf Instagram: „Unfassbar! Ein rumänischer Bürgermeister hat in einer MDR-Reportage deutsche Sozialleistungen als ‚Schatz‘ für sein Land bezeichnet.“ Just diese Reportage, mit dem Titel „EU-Armutsmigration: Sozialstaat in der Sackgasse?“, war laut Welt der Auslöser dafür, dass das BSW die Zahlen überhaupt bei der Bundesagentur für Arbeit anfragte.
EU-Recht blockiert den Stopp
Der von Wagenknecht geforderte Komplettstopp ist nach geltendem EU-Recht nicht ohne Weiteres umsetzbar. Die Ansprüche basieren auf europäischer Freizügigkeitsgesetzgebung, eine Änderung müsste auf EU-Ebene verhandelt werden.
Ein nationaler Alleingang Deutschlands würde gegen bestehende Koordinierungsregeln für Sozialleistungen innerhalb der EU verstoßen, weshalb ein einseitiger Zahlungsstopp politisch zwar plakativ, rechtlich aber kaum durchsetzbar wäre. Außerdem sind die 528 Mio. Euro Auslandsüberweisungen nicht deckungsgleich mit den gesamten Kindergeldzahlungen für im Ausland lebende Kinder, da Gelder auch auf deutsche Konten fließen können und umgekehrt, so Focus. Diese methodische Unschärfe relativiert die Schlagzeilenzahl, ohne den grundsätzlichen Trend zu widerlegen.
Business Punk Check
Die Zahlen sind real, die Dramatisierung ist Politik. 528 Mio. Euro klingen nach Kontrollverlust, sind aber gemessen am gesamten Kindergeldbudget ein überschaubarer Posten, der zudem methodisch nicht sauber den tatsächlichen Auslandszahlungen entspricht. Wagenknechts Bitterfeld-Bukarest-Rhetorik funktioniert als Schlagzeile, ignoriert aber, dass die Rechtsgrundlage EU-Recht ist und nicht per Dekret in Berlin gekippt werden kann. Wer die Debatte ernst nehmen will, muss zwischen Symbolpolitik und Systemfrage trennen: Ein nationaler Alleingang scheitert an der Arbeitnehmerfreizügigkeit, eine EU-Reform ist ein jahrelanger Verhandlungsmarathon. Für Entscheider in Sozialpolitik und Verwaltung heißt das, die eigentliche Frage ist nicht Stopp oder Nicht-Stopp, sondern ob und wie die europäischen Koordinierungsregeln für Familienleistungen überhaupt verhandelbar sind.
Auf einen Blick
- Ende 2025 wurde für 291.292 Kinder im Ausland deutsches Kindergeld gezahlt, 2011 waren es noch 103.559.
- Die Überweisungen auf ausländische Konten stiegen von 45,7 Mio. Euro 2011 auf rund 528 Mio. Euro 2025.
- Die meisten Berechtigten mit Kindern im Ausland stammen aus Polen (112.384 Kinder), gefolgt von Tschechien und Rumänien.
- Ein von Sahra Wagenknecht geforderter Zahlungsstopp ist nach geltendem EU-Recht nicht ohne Weiteres umsetzbar.