Morgenroutine: Welche sind die geeigneten Rituale für uns?

Aufstehen, Kaffee, erst mal eine rauchen … Das ist eher nicht die Morning Routine, die einem seit Jahren von Inspirationspodcasts und Performance-Optimierern gepredigt wird. Fakt ist: Rituale helfen. Aber welche?

Von: Anika Klotz

Wenn man sich mal wieder so richtig schlecht und unproduktiv fühlen möchte, dann beschäftige man sich einfach einen Vormittag lang mit dem Thema „Morgenroutine“. Dann ist es nämlich irgendwann 11.45 Uhr, man hat nichts geschafft, ist aber restlos demoralisiert, weil man ja den ganzen Morgen gelesen hat, was andere in dieser Zeit alles gemacht haben: Work-out, Meditation, Me-Time, Tagebuch, Chia-Bowl, Morning-Run, 90-90-1, Power-Frühschicht, die besten Ideen der Woche gehabt. Und ihr so?

Die schlechte Nachricht: Es gilt als einigermaßen sicher, dass der Verlauf des Morgens den des weiteren Tages tatsächlich beeinflusst. Im Guten wie im Schlechten. Wer schon beim Aufstehen gehetzt ist, wird keinen entspannten Tag haben. Fakt. Die erste Stunde des Tages bestimmt Stresslevel, Laune und Produktivität der folgenden. Deshalb ist an dem Thema Morgenroutinen irgendwie schon was dran. Deshalb liest man von massenhaft Managern – von Claus Hipp über Marissa Mayer bis David Karp –, wie sie ihre Morgende, die zwischen 4.30 und 6 Uhr beginnen, durchorganisiert haben: erst Mails (oder gerade nicht), dann Sport, dann irgendwas mit Mindfulness. Mag funktionieren, wenn anschließend der Chauffeur klingelt und einen ins Vorstandsbüro kutschiert. Ist natürlich eine wahnwitzig unrealistische Idee, wenn die Wirklichkeit voller im Bad trödelnder Mitbewohner, festgefrorener S-Bahnen, leerer Kinderbrotzeitboxen und ungebügelter Hosen ist.

Ihr seid nicht Steve Jobs

Warum das mit den optimalen Morgenroutinen der Highperformer-Elite im echten Leben nicht klappt, müssen wir nicht groß ausführen. Nachlesen, mitschreiben und nachmachen, wie Steve Jobs seine ersten Stunden des Tages organisiert hat, bringt es nicht. Die gute Nachricht aber: Das muss auch gar nicht sein. Der essenzielle Wert einer Morgenroutine liegt woanders. Erstens reden wir nicht zwingend von zweistündigen Prozeduren. Etwas, das zehn Minuten dauert, kann auch schon helfen. Denn, zweitens, soll eine gute, positiv wirkende Morgenroutine etwas sein, das man sich bewusst und individuell aussucht und freiwillig macht. „Eine frühe morgendliche Praxis ist bestimmend für den Tag, denn wir setzen damit ein Zeichen: unsere Wahl. In diesen frühen Stunden des Tages entsteht für mich das Gefühl, dass ich meinen Tag (und mein Leben) aktiv in die Hand nehme“, so Christina Bösenberg, Wirtschaftspsychologin und Coach. Alleine das beeinflusse den Tagesrest dann schon positiv.

Routine bedeutet, logisch, dass etwas immer so ist. Jeden Morgen Murmeltier also. Man sagt, eine Handlung, einen Versuch oder Testballon zu einer Routine zu machen, dauert 21 Tage. 21 Tage Krampf, dann ist es drin. Ja, bloß was? Hier ein Überblick der am meisten gelobten Morgenroutinen für erfolgreiche Arbeitsmenschen, die diesen Namen auch verdient haben (also jenseits von Wecker aus, Hose an, wo ist der Autoschlüssel?):

Meditation

Ja, ommm. Steht, wie man liest, gerade besonders bei US-Managern sehr hoch im Kurs, ist also, wie die Erfahrung lehrt, bald auch diesseits des Atlantiks die Morgenroutine der Stunde. Bis zu eine halben Stunde dasitzen, Augen zu, Hirn aus. Ganz aus. Keine Gedanken. Das Ziel: ein befreiendes Nichts im Kopf. Soll helfen, Kräfte zu bündeln und danach fokussierter arbeiten zu können. Große Gefahr freilich: Wer frühmorgens eine halbe Stunde zu meditieren meint, schläft vielleicht auch einfach nur ein Stündchen weiter. Was auch guttun kann. Aber eben nicht dasselbe ist.

Schreiben

Zettel und Stift tauchen in der Diskussion erwiesener Morgenroutinen immer wieder auf. Die Methode namens Morning Pages verlangt nach drei leeren Blättern Papier, die man mit Wörtern, Sätzen und Ideen füllt, die der Stream of Consciousness darauf spült. Andere legen sich ein sogenanntes Gedankenbuch auf den Nachttisch und schreiben darin direkt nach dem Aufwachen die allerersten Bewusstseinssprengsel nieder. Wieder andere füllen die Seiten einer Art Tagebuch für Arbeitsmenschen, Journal genannt, aus, in dem abgefragt wird, was man erreichen will, erreicht hat, plant, macht, tut. Wer sich nicht davon abschrecken lässt, dass diese Morgenroutine erhebliches Frustrationspotenzial birgt – dann nämlich, wenn man ein paar Seiten zurückblättert und feststellt, was von den selbst gesteckten Zielen man alles nicht erreicht hat –, für den haben Tagebuch-Apps wie Penzu oder Jrnl die Journal-Methode digitalnomadenadäquat aufbereitet.

Sport

Jetzt nicht neu, aber halt total plausibel: Kreislauf in Schwung bringen ist eine super Sache, etliche Dax-Vorstände laufen Marathon und so, Yoga, klar, Sonnengrüße, alles tipptopp. Wer es schafft: Glückwunsch, weiter so! Für alle anderen: Es gibt im weiten Feld der Morgenrituale zum Glück auch reichlich, nun ja, sportähnliche Praktiken, die sogar Normalsterbliche schaffen können. Dieses hier zum Beispiel: Strecken. Die Harvard-Psychologin Amy Cuddy beschäftigte sich mit der menschlichen Laune direkt nach dem Aufstehen und kam zu der Erkenntnis, dass Morgenmuffeligkeit Folge einer zusammengerollten Schlafhaltung ist und dass, wer sich nach dem Erwachen einfach mal eine Minute lang groß macht, mit Händen weit über dem Kopf, selbstbewusster und leistungsfähiger ist. Biofeedback heißt das dahintersteckende Prinzip. Emotionen bedingen Körpersprache – und umgekehrt. Und wenn Schlafen einen ohne eigenes Zutun in Lowperformer-Haltung gehen lässt, denn hilft die Power-Pose.


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