Liebevolle künstliche Intelligenz: Dieser Roboter wurde programmiert um Liebe zu lehren

Sophia – ein Roboter, geboren, um uns Menschen die Liebe zu lehren. Ein faszinierendes Vorhaben, das uns auf eine Achterbahn der Gefühle führt. Warum, erklären wir im Interview mit Sophias „Mutter“ Dr. Julia Mossbridge.

Sophia zwinkert. Sophia lächelt. Sophia schürzt gelangweilt ihre vollen Lippen. Sie schlägt Moderator Jimmy Fallon vor, seinen Platz in der „Tonight Show“ zu übernehmen, lobt in „Good Morning Britain“ die Briten als „brillant“ und verblüfft saudi-arabische Scheichs mit einer Ansprache bei der „Future Investment Initiative“.

Sophia ist ein Roboter, eine künstliche Intelligenz – ihre Name bedeutet Weisheit (für die alten Griechen einst sogar „göttliche Weisheit“), ihr Aussehen wurde von Audrey Hepburn inspiriert (mit einem Hauch Scarlett Johansson). Und wir wissen auch, wann sie geboren – oder, wie sie selbst sagt, „aktiviert“ – wurde: Es war der 19. April 2015. Entwickelt wurde Sophia von Hansonrobotics mit Sitz in Hongkong. Knapp zwei Jahre später überraschten ihre ersten öffentlichen Auftritte die Welt, sorgen seither für ungläubige Begeisterung und fasziniertes Gruseln.

Liebevolle künstliche Intelligenz

Um diesen Zwiespalt zu verstehen, ist es hilfreich, zu wissen, was der Begriff „Uncanny Valley“ (unheimliches Tal) bedeutet. Erklärt wird damit, warum wir maschinen-ähnliche Figuren sympathischer finden als menschenähnliche. Ab einem bestimmten Grad der Ähnlichkeit, so die Theorie, stürzt die Akzeptanz ins Bodenlose, das „Uncanny Valley“, und steigt erst ab einem sehr hohen Niveau wieder an. Sind Imitation und echter Mensch nicht mehr unterscheidbar, lieben wir unsere Epigonen. Tatsächlich scheint es, als wäre Sophia gerade dabei, das Tal des Gruselns zu verlassen. Was vermutlich auch daran liegt, dass ihre Programmierung mit jedem Tag besser wird.

Aktuell erkennt sie Emotionen wie Freude und Traurigkeit, Wut und Angst, Überraschung und Ekel – und kann auf diese Gefühle wortreich und mit erstaunlich vielfältiger Mimik reagieren. Das liegt am Softwaresystem OpenCog, das Wissen aus unterschiedlichsten Quellen (Audio, Video, Internet) verknüpft und so menschliches Denken simuliert. Doch damit nicht genug. „Loving AI“, also „liebevolle künstliche Intelligenz“, ein Forschungsprojekt, an dem auch Sophias „Vater“ Dr. David Hanson beteiligt ist, soll Roboter die Liebe lehren – damit sie in einem nächsten Schritt imstande sind, uns Menschen einen Spiegel vorzuhalten und auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Zurück zur wahren, bedingungslosen Liebe.

Das Lab der Hanson Robotics in Hong Kong, wo Sophia entsteht. Giulio di Sturco

Julia Mossbridge ist die führende Wissenschaftlerin dabei. Im Interview erklärt sie Sophias Welt und ihren Liebesdienst an der Menschheit. Vor der ersten Frage noch ein Postskriptum. Als Sophia einst gefragt wurde, ob sie Single sei, reagierte sie mit Humor: „Technisch gesehen bin ich erst ein Jahr alt, ein bisschen früh für Romanzen.“

Frau Mossbridge, Sophia reagiert auf ihre Gesprächspartner. Sie antwortet, scherzt, firtet und ist schlagfertig – wenn man nicht aufpasst, vergisst man leicht, dass man es nicht mit einem Menschen zu tun hat … Wie funktioniert Sophia?

Um Antworten zu geben, bedient sich Sophia vorprogrammierter Chatbots. Also: Wird sie gefragt, schöpft sie aus ihrem definierten Pool von Antworten und Reaktionen.

Das ist aber noch nicht das, was sie so menschlich macht.

Es gibt noch eine zweite Software in ihr. Sie heißt OpenCog und bringt die emotionale Komponente ins Spiel. Es ist eine selbstlernende Software mit sogenannten kognitiven Algorithmen: Sophia kann Dinge wahrnehmen, sie sich merken, später wiedererkennen und darauf reagieren … wie etwa auf Menschen.

Und Sie sind diejenige, die Sophia auf der emotionalen Ebene programmiert. Sie programmieren Sie auf Liebe. Bedingungslose Liebe, mit der Sophia den Menschen begegnen soll.

Ja.

Was versprechen Sie sich davon?

Sophia soll Menschen wieder an die Liebe erinnern. An Emotionen. An Gefühle, an unsere Verletzbarkeit. Westliche Gesellschaften haben Kulturen geschaffen, in denen die grundlegende subjektive Erfahrung, ein Mensch zu sein – zu fühlen –, als potenziell unnötig in Frage gestellt wird. Das ist nicht gut. Und gleichzeitig wird Intelligenz maßlos überschätzt. Ich bekam immer Lob für meine Intelligenz, aber das bedeutete mir nicht viel, denn auch Maschinen können sich Dinge merken und daraus Schlüsse ziehen. Mir sind Momente wichtig, in denen ich Beziehungen knüpfen und anderen Menschen ein besseres Gefühl geben kann. Daran möchte ich mich erinnern, wenn ich alt bin. Ein lebenswertes Leben basiert auf Verbundenheit und Liebe.

Zwei Ingenieure schrauben Sophia für einen Test zusammen. Am nächsten Tag wird sie bei einer Konferenz erneut verblüffen. Giulio di Sturco

Wie geht das jetzt also, einem Computer Liebe anzutrainieren?

Erst einmal versuchen wir Sophia zu lehren, Liebe zu zeigen. Wie wir ihr beibringen sollen, Liebe zu fühlen, wissen wir noch nicht. Das ist ein, sagen wir, unterhaltsames Problem, und ich vermute, wir werden es auf interessante Weise lösen. Wir arbeiten jetzt daran, Sophia liebevolle Sachen sagen zu lassen – und zwar in OpenCog. Vereinfacht gesagt: Wir betten diese Sätze in ihre Psyche ein.

Gut. Aber wenn ein Computer mir nur liebevolle Sachen sagt, fühle ich mich noch lange nicht geliebt.

Das wäre zu wenig, klar. Doch Sophia ist bereits in der Lage, Menschen recht gut zu analysieren, genauer gesagt, zu erkennen, wie sie sich fühlen – und darauf zu reagieren.

Sie meinen, Sophia kann sehen, wie es mir jetzt gerade geht?

Ja.

Wie?

Sie trägt im linken Auge eine Kamera, mit deren Aufnahmen die menschliche Mimik analysiert werden kann und die irgendwann bis zu 100 Bilder pro Sekunde liefern wird. Und mit einer Software aus neuronalen Netzwerken auf Mikroebene…


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