Karriere-Reset: So gelingt der radikale Neustart im Job

Wohl jeder träumt früher oder später vom Karriere-Reset. Die gute Nachricht: Der radikale Neustart im Job ist möglich. Und solange man ein paar wichtige Dinge beachtet, klappt er auch.

Speaking of Pathos: Wenn Gesa Neitzel von jenem Moment erzählt, an dem ihr klar wurde, dass sie ihr bisheriges Leben als TV-Redakteurin in Berlin komplett umschmeißen würde, klingt das ziemlich gänsehautig: „An einem Nachmittag in den Drakensbergen in Südafrika stand ich allein mitten in der Natur, als sich ein Sturm über den Bergen heranbahnte. Vor mir im Dickicht erblickte ich eine kleine Antilope, die mich mit großen, braunen Augen ansah“, erzählt die 31-Jährige. Ein Überschwall an Natur. Der Anblick habe sie von einer Sekunde auf die andere völlig umgehauen, erinnert sich Neitzel, und die Entscheidung angestoßen, eine komplett neue Karriere zu starten. „An diesem Tag gab ich meinem alten Leben ein Verfallsdatum“, sagt Neitzel. Genau ein Jahr nahm sie sich Zeit, um den Übergang zu schaffen: weg von Fernsehen, Großstadt, Termindruck, hin zu Freiheit, Weite und Natur.

Es braucht nicht unbedingt eine Antilope vor gewitterschwangeren Wolken, die einen anglotzt, damit einen der Gedanke trifft, dass gerade irgendwas grundlegend falsch läuft. Im Job. Im Leben. Überhaupt. Und dass man darum eigentlich noch mal neu anfangen müsste. Komplett anderer Beruf, etwas mit mehr Sinn. Mehr Freizeit. Mehr Kreativität. Die allermeisten belassen es aber beim Traum vom Neustart. Denn so romantisch und erhebend, wie sich dieser Alles-auf-Anfang-Gedanke im Moment anfühlt, so schnell türmen sich die Gegenargumente auf: die Miete, die Altersvorsorge. Was würde Mama dazu sagen?! Was, wenn es am Ende nicht klappt und der Neubeginn in einer Katastrophe endet?

Vorarbeit ist halbe Arbeit

Kurzum, radikale Neustarts sind möglich, aber es bedarf viel geistiger Vorarbeit und eines guten Plans, um die mit der großen Entscheidung verbundenen Risiken beherrschbar zu machen. Das sagt einer, der es weiß, weil er als Psychologe und Coach Menschen bei ihren Neuanfängen begleitet und mehrere Bücher darüber geschrieben hat. „Ich erlebe den Wunsch nach einem Neustart vor allem bei Menschen, die sich bei ihrer ersten Berufswahl vor der Frage gedrückt haben, was sie wirklich wollen. Und sich für einen Beruf entschieden, der ihnen oder anderen nur ‚irgendwie vernünftig‘ erschien“, sagt Tom Diesbrock. „Der eine erreicht diesen Punkt schon mit Mitte 20, der andere erst mit 50.“

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Wendelin Quadt zählt zu Letzteren. Er war 54 Jahre alt, Geschäftsführer in einem IT-Unternehmen und irgendwie leer. „Ausgebrannt“, sagt er selbst. „Wie das eben so ist in der Tretmühle eines amerikanischen Konzerns. Ich hatte die Bedeutung dessen verloren, was ich da täglich eigentlich mache.“ Er müsste etwas ändern. Also wog er die Optionen ab. Variante eins: kündigen und fortan als freier Berater weitermachen. „Das habe ich ziemlich schnell verworfen. Ich hatte in der Branche sämtliche Stationen durch: vom IT-Verantwortlichen über Vertrieb, kaufmännische Arbeit, Beratung. Am Ende des Tages war es die Industrie selbst, die mich nicht mehr gereizt hat“, sagt Quadt. Er wollte raus. Ganz.

Variante zwei also: paar winzige Jährchen noch durchhalten, dann den goldenen Handschlag annehmen und ab ins Ferienhaus in Spanien. „Ich habe viele Kollegen gesehen, die genau das gemacht haben. In dieser Branche wird bei diversen Umstrukturierungen ständig Personal abgebaut, sodass sich immer wieder eine Gelegenheit bot, Geld mitzunehmen und sich zur Ruhe zu setzen“, sagt Quadt. Wobei ihm dieses Exit-Szenario unheimlich war: zur Ruhe setzen. „Nä, das bin ich nicht!“, sagt er entschieden. Also lief es unvermeidlich auf Variante drei hinaus: Quadt suchte sich einen neuen Beruf.

„Ich wollte etwas machen, wo ich ein Produkt in der Hand habe“, sagt er. Gut, dass Tom Diesbrock das damals nicht gehört hat. Denn solche vagen Ideen sind eigentlich Mist, sagt der Coach: „Wichtig ist, aus den eigenen Wünschen möglichst konkrete Ziele zu formulieren. Nur zu sagen ‚Ich will was Soziales mit Menschen machen‘ reicht nicht. Je genauer man sein Wunschziel kennt, desto leichter ist es, dies zu realisieren.“

Quadt brauchte zum Glück nicht lange, um vom Produkt in der Hand zum konkreten Entschluss zu gelangen, eine Brauerei zu gründen. Der IT-Guy wurde Craft Brewer. Einer der ersten in Deutschland. Heute ist Kuehn Kunz Rosen aus Mainz überregional vertreten, zur Brauerei mit 15-Hektoliter-Sudhaus gehört auch ein Brewpub. Läuft. Auch, weil Quadts Timing gut war. „Na ja, mit Mitte 50 musste ich schnell handeln. Also habe meinen ganzen Mut zusammengetragen, und sagte mir: Jetzt springe ich.“


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