Clubkultur: Wie Berlin sein Nachtleben vor dem Untergang retten möchte

Berlin lebt von seiner Clubkultur – ganz wörtlich. Seit der Wende ist das Nachtleben ein Wirtschaftsfaktor geworden. Doch immer öfter bedrohen genervte Anwohner das Party-Ökosystem. Kompromisse müssen her.

Von Delia Koch.

Freitagnacht, und die Musik wummert bis ins Schlafzimmer. Draußen drängeln sich mehrere Tausend Menschen auf der Lohmühleninsel in Kreuzberg. Der Club der Visionäre, die Clubs Ipse, Chalet und Burg Schnabel, der Biergarten Birgit & Bier und der Festsaal Kreuzberg öffnen ihre Türen zum Teil bis Montagmorgen. Einige der Clubs haben zudem Außenbereiche direkt am Landwehrkanal, wo im Sommer das ganze Wochenende getanzt wird.

An Schlaf, klagen viele Anwohner, sei nicht zu denken. Eine Frau erzählt, sie verbringe die Wochenenden gar nicht mehr in Berlin und überlege, wegzuziehen. „Ich bin doch nicht wahnsinnig“, sagt sie. In Ruhe wohnen sei angesichts der umliegenden Clubs kaum möglich. Sollte, wie angekündigt, auf der Lohmühleninsel ein neues Wohngebiet entstehen, würde der Konflikt zwischen Anwohnern und Clubs eskalieren.

In den vergangenen 30 Jahren ist in Berlin eine einzigartige Clubkultur gewachsen, genährt von einer Mischung aus fehlenden Sperrstunden und riesigen Brachflächen, die einluden, bestenfalls halblegale Partys zu feiern. In einer wachsenden Metropole aber werden genau solche Freiflächen immer knapper. Und das bedeutet, dass zahlreiche Kompromisse hermüssen. Der bekannteste Versuch, Clubkultur und Wohnen miteinander zu vereinbaren, ist das Areal der früheren Bar 25: Das Grundstück direkt am Spreeufer zwischen Jannowitzbrücke und Ostbahnhof wurde 2012 versteigert. Dass ausgerechnet eine von den früheren Bar-25-Betreibern mitgegründete Genossenschaft den Zuschlag erhalten könnte, darauf hätte damals wohl niemand gewettet.

Zeit erwachsen zu werden

„Wir standen vor der Entscheidung, den Verkauf zu akzeptieren – oder erwachsen zu werden und mitzubieten“, sagt Mario Husten, einer der Geschäftsführer des heute Holzmarkt genannten Areals. Eine Schweizer Pensionskasse griff dem Kollektiv unter die Arme, erwarb das Grundstück und schloss mit der Genossenschaft einen Erbbaurechtsvertrag über 75 Jahre. Inzwischen wurde auf der Fläche ein urbanes Dorf mit Café, Restaurant, Kita, Ateliers und Werkstätten errichtet. Es gibt den Veranstaltungsraum Säälchen und das Kater Blau, den mittlerweile dritten Club der Bar-25-Macher.

Von den bunten Holzhäusern über den Marktplatz mit Dorfeiche und Sandkasten bis zur Dekoration ist alles selbst gebaut. „Wir versuchen nicht, schnell und alles endgültig zu bauen, sondern einen schönen Ort zu schaffen und ihn wachsen zu lassen“, sagt Husten. Das Areal solle sich immer wieder neu erfinden können. „Die Motivation dahinter ist, Berlin als lebenswerte Stadt zu gestalten“, sagt er. Er und die mehr als 200 Mitarbeiter wollen zudem beweisen, dass Wohnqualität nicht gegen Clubsound ausgespielt werden muss.

Die Vertreibung der Clubs ist kein neues Phänomen in Berlin. Bereis 2012 musste der Klub der Republik weichen (Credits: Clubcommission).

Viele Berliner Clubs mussten inzwischen nämlich schließen. Wo früher der Tresor war, steht heute die Mall of Berlin. Das Ostgut wurde abgerissen, um Platz für ein Parkhaus zu machen. Nachdem der Festsaal Kreuzberg in der Skalitzer Straße abgebrannt war, wollten die Betreiber ihn an gleicher Stelle wieder errichten, der Hauseigentümer bevorzugte den Bau eines Bürogebäudes. Klub der Republik und Kater Holzig mussten Eigentumswohnungen weichen. Ein Problem für eine Stadt, deren Partykultur längst ein Wirtschaftsfaktor und Touristenmagnet geworden ist.

Um das Clubsterben immerhin zu verlangsamen, hat die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe gemeinsam mit der Clubcommission Berlin 2018 einen Lärmschutzfonds in Höhe von 1 Mio. Euro aufgelegt. Bis zu 50 000 Euro können Clubs für die Schallisolierung beantragen – vorausgesetzt, sie halten die Lärmschutzvorschriften schon jetzt ein. Bislang gibt es jedoch kein Mittel gegen enorme Mieterhöhungen, wie sie etwa der weltweit bekannte Houseclub Watergate an der Oberbaumbrücke getroffen hat. „Viele Clubs sind nicht auf Gewinn aus, sondern versuchen in erster Linie, ein Einkommen zu erwirtschaften, um damit wiederum ihre Projekte zu finanzieren“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission. Für die bedeutete so eine Mietsteigerung direkt das Aus.

Nicht alle sind vom Wehklagen der Clubs überzeugt. Marcel Luthe, der für die FDP im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, schätzt die Situation so ein: „Die Betreiber der großen, erfolgreichen Clubs, die internationales Publikum anziehen, verdienen mit ihren Konzepten viel Geld. Damit kann man auch fünfstellige Mieten zahlen.“

Trotzdem will der Berliner Senat nicht das Risiko eingehen, dass die Clubs wie in London oder New York vollkommen aus der Innenstadt verschwinden und an den Stadtrand verdrängt werden. Denn sie sind wichtig, nicht nur für die Hotels, Hostels und Lokale. So hat die Non-Profit-Initiative Creative Footprint herausgefunden, dass Clubs Kieze beleben: Dort, wo sie sich angesiedelt haben, gibt es gute Verkehrsanbindungen und viele junge Menschen. „Das ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Berlin“, sagt FDP-Mann Luthe. „Wir müssen aber einen Interessenausgleich schaffen zwischen denen, die nur mal für eine Woche zum Feiern herkommen, und denjenigen, die hier leben.“ Aber wie soll das gehen?


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