„Unternehmen müssen sich künftig um die Employability kümmern“

Dass die Arbeitswelt sich zunehmend verändert, haben mittlerweile noch die krassesten Nachzügler geblickt. Der demografische Wandel, die Klimakrise und nicht zuletzt die Digitalisierung beeinflussen, wie wir arbeiten können und werden. Aber worauf legen Student*innen der Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften und der IT heute wert? Cash, Freizeit, flexible Arbeitszeitmodelle oder ein cooles Team haben? Eine Studie von Trendence hat versucht, das herauszufinden. Der Geschäftsführer Robindro Ullah gibt eine Einschätzung, ob Unternehmen das überhaupt leisten können.

© Alexis White/Trendence

Sind Wirtschaftswissenschaftler*innen, IT-ler*innen und Ingenieurswissenschaftler*innen in den letzten zehn Jahren fauler geworden?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es stimmt zwar, dass viele Studierende, die wir befragt haben, weniger Zeit bei ihrem Arbeitgeber verbringen möchten. Das heißt aber nicht, dass sie generell weniger arbeiten wollen. Der Fokus geht grundsätzlich weg davon, Arbeit als Hauptthema des Lebens zu begreifen. Stattdessen wollen viele mehr Zeit in soziales Engagement, Freizeit oder Familie investieren.

Trotzdem steht für viele faires Gehalt an erster Stelle. Ingenieurswissenschaftler*innen wollen beispielsweise knapp 42 Stunden pro Woche arbeiten und 48.900 Euro im Jahr verdienen. Vor zehn Jahren waren es für dieselbe Arbeitszeit rund 5.000 Euro weniger. Können Unternehmen diesem Anspruch überhaupt gerecht werden?

Momentan ist Studierenden oft nicht klar, was sie verdienen könnten, sollten oder müssten – das liegt daran, dass faires Gehalt in Deutschland ein spezifisches Thema ist. Es ist immer noch ziemlich verpönt, Gehälter in die Stellenausschreibung zu schreiben. Das kann sich mit der neuen Jobsuchfunktion von Google verändern, denn hier ist in der Standardstellenanzeige vorgesehen, das Gehalt einzutragen. Vielleicht sind Unternehmen deswegen künftig dazu gezwungen, transparenter damit umzugehen. Ob das Gehalt dann fair ist oder nicht, ist noch mal eine andere Frage.

Das klingt nach einem einfachen Lösungsansatz. Für manche Ihrer Befragten Student*innen hat aber auch die persönliche Entwicklung Priorität. Wie sollen Unternehmen da mithalten?

Studierenden und Young Professionals wird zunehmend bewusster, dass sie nicht nur einen Job brauchen, sondern auch attraktiv auf dem Arbeitsmarkt bleiben müssen. Der Anspruch ist ja auch nachvollziehbar: Wenn ich mich nicht weiterentwickeln kann und mein Unternehmen pleite geht, habe ich ein Problem. Die Unternehmen müssen also künftig nicht nur Gehalt zahlen, sondern sich auch um die Employability ihrer Arbeitnehmer*innen Gedanken machen. Auf diesen Anspruch sind viele nicht ausreichend vorbereitet.

Wenn Studierende so hohe und viele Ansprüche stellen, heißt das im Umkehrschluss, dass sie viel besser ausgebildet sind als früher?

In einer anderen regelmäßig stattfindenden Studie befragen wir Recruiter*innen weltweit, wie gut vorbereitet Studierende von den Hochschulen kommen. Viele haben beanstandet, dass den Studierenden oft die Praxis fehle. Möglichkeiten, das zu kompensieren, sind beispielsweise Praktika oder duale Studiengänge. Denn hier müssen die Unternehmen nachhelfen und bieten entsprechende Onboarding- oder Traineeprogrammen an, damit der Übergang vom Studium in den Beruf ohne größere Schwierigkeiten gelingen kann. Die Studierenden müssen komplexer ausgebildet werden als früher, da früher die Arbeitswelt viel näher an der Ausbildungswelt war. Heute kommen viele Studierenden aus einer linearen Bildungswelt in eine disruptive Arbeitswelt.

Auf Prestige ihres Arbeitgebers legen die meisten scheinbar keinen großen Wert. Bei den Wirtschaftswissenschaftler*innen sind es nur mickrige 11,6 Prozent. Wie können Sie sich das erklären?

Das liegt aus meiner Perspektive an zwei Gründen: Erstens profilieren sich jüngere Generationen nicht mehr über das tollste Unternehmen – sondern beispielsweise durch Reisen, die sie privat unternommen haben, oder auch flexible Arbeitszeitmodelle. Zweitens können es kleine Unternehmen mittlerweile mit größeren Firmen aufnehmen, wenn es um die Vergabe von Arbeitsplätzen geht. Sie sind für jüngere Generationen attraktiv, weil sie mittlerweile auch einen lokalen Standort oder ein sicheres Arbeitsverhältnis bieten können. Das war früher nicht so.

Trotzdem gelten bei Ingenieurswissenschaftler*innen Audi, Daimler und die BMW-Group als beliebteste Arbeitgeber*innen. Woran liegts?

Automobilkonzerne bemühen sich stark um künftige Arbeitnehmer*innen. Sie sind präsent auf Hochschulmessen, allen möglichen Events und investieren in Social-Media-Kampagnen, um attraktiv zu wirken. Auch was die Konkurrenz untereinander betrifft, versuchen sie, auf den Rängen ganz vorne mit dabei zu sein. Gleichzeitig ist die Branche in Deutschland generell für Ingenieur*innen sehr attraktiv, wovon die Arbeitgeber profitieren.


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