Design aus dem Knast: Wie ein dänisches Modelabel Insassinnen helfen will

Die dänische Modedesignerin Verónica D’Souza wollte sozial benachteiligten Frauen helfen – und lässt deswegen ihre Kleidungsstücke von Näherinnen herstellen, die im Gefängnis sitzen. Die Idee dahinter: So können die Frauen später einfacher einen Job finden – und den Kreislauf von Armut und Kriminalität durchbrechen.

Veronica D’Souza hatte sich geschworen, nie in die Mode zu gehen. Klar, während ihres Studiums hatte sie hin und wieder als Verkäuferin gejobbt und erkannte dabei, was für eine absurde Welt das Geschäft der Styles und kurzlebigen Trends ist. Wie viel Müll entsteht. Wie sehr Umwelt und Menschen ausgebeutet werden. Aber, wie das Leben eben spielt, kam bei D’Souza alles anders. Vor drei Jahren gründete sie ihr eigenes Modelabel: Carcel.

Dass die 35-Jährige mit ihrem Label Kleidung verkauft, ist eigentlich Zufall. Denn Carcel ist in allererster Linie ein Social Startup, keine Klamottenmarke. Sicher, D’Souza interessiert sich durchaus für Mode, mag es, sich schön zu kleiden. Aber die Gründung war nicht so sehr ihrer Leidenschaft für Schnitte, Stoffe und Formen geschuldet, sondern resultierte aus der Überlegung, wie man Menschen in ärmeren Ländern zu einem besseren Leben verhelfen kann. Der Name Carcel leitet sich vom spanischen Wort für „Gefängnis“ ab. Und das wiederum ist ganz und gar nicht zufällig, denn sämtliche Teile des dänischen Labels werden von Frauen in Gefängnissen genäht. Die Idee kam D’Souza in Kenia, wo sie drei Jahre lebte und ihr erstes Social Business aufgebaut hatte: das Menstruationstassen-Startup Ruby Cup.

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D’Souzas Herangehensweise an die Businesswelt unterscheidet sich von der vieler anderer Gründer. In ihren jungen, wilden Jahren spielte D’Souza in einer Rockband, zerschmetterte ihre Gitarren auf der Bühne und sah in der Wirtschaft den Ursprung alles Schlechten. Gleichzeitig war sie enttäuscht, dass NGOs und politische Organisationen ebenso wenig bewegten. „Aber ich erkannte, dass ich nicht viel ändern kann, wenn ich nicht selbst die Sprache des Kapitalismus spreche“, sagt D’Souza. Also schrieb sich die Dänin an der Kopenhagener Business School ein, beschäftigte sich während ihres Studiums intensiv mit dem Thema Social Entrepreneurship und gründete gemeinsam mit zwei Kommilitoninnen nach der Uni Ruby Cup. Das Konzept war simpel: Für jede Menstruationstasse, die das Startup in westlichen Ländern verkauft, wird ein Cup an ein Mädchen in Kenia gespendet, wo Frauenhygiene ein kompliziertes, schambehaftetes Thema ist. Um das Startup in engem Austausch mit den Frauen in Afrika aufzubauen, zog D’Souza 2011 nach Nairobi.

Recherche im Knast

Dort kam D’Souza das erste Mal mit einem Gefängnis in Berührung. Schon länger war sie fasziniert, vor allem von Frauengefängnissen. „Mich hat interessiert, warum Frauen überhaupt im Gefängnis landen“, sagt D’Souza. „Und ich hatte keinerlei Vorstellung, wie es da drinnen aussieht.“ Also rief sie bei einem Gefängnis am Rande Nairobis an – und durfte vorbeikommen. „Aus dieser Erfahrung nahm ich zwei wichtige Erkenntnisse mit, die den Grundstein für die Idee hinter Carcel legten“, sagt D’Souza. Erstens: Die meisten Frauen waren wegen Armut straffällig geworden. Zweitens: Es gab jede Menge Potenzial, viele der Insassinnen hatten Talent und wollten arbeiten. Das Gefängnispersonal erzählte D’Souza: Das Schlimmste, was einem hinter Gittern passieren kann, ist, untätig herumzusitzen. Deshalb nehmen viele Häftlinge jede Art von Arbeit an – sei sie noch so unnütz, noch so schlecht bezahlt. In Nairobi stellten die Frauen etwa Teddybären und Sweatshirts her, die dann zu Spottpreisen im Souvenirshop des Gefängnisses verkauft wurden.


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