Wieso Frank Thelen auf komplizierte Zukunftstechnologien setzt

Die TV-Show „Die Höhle der Löwen“ machte Frank Thelen zum Investor in Food-Startups. Jetzt zieht es ihn zurück zu seinen Wurzeln als Techie.

von Niklas Wirminghaus

Köln, ein Abend Anfang April. Frank Thelen betritt die ganz große Bühne. Vor ihm 14.000 Menschen, die Besucher des ­World Leadership Summit. Eben haben sie Barack Obama wie einen Popstar gefeiert, nun ist Thelen an der Reihe. Im ­Apple-Keynote-Outfit, schwarzes Hemd über der Hose getragen, steht er nun dort oben. Er will in seiner leicht spröden, aber irgendwie doch leidenschaftlichen Art über sein Herzensthema sprechen: „Technologie, was sie verändert, wo wir stehen.“

Heute Abend tritt nicht der Frank Thelen auf, den ein Millionenpublikum aus der TV-Show „Die Höhle der Löwen“, kurz: „DHDL“, kennt. Dort gibt er den megakritischen Investor mit schnell entgleisenden Gesichtszügen, der seit Jahren das Niveau der auftretenden Gründer bemängelt. Und der trotzdem nicht aus der Sendung ausstieg, sondern sich quasi aus Verlegenheit ein kleines Imperium aus Food-Firmen zusammengesammelt hat.

Auf der Bühne in der Kölner Lanxess Arena verliert er kein Wort über diese Food-Investments. Hier geht es Thelen um das große Ganze, die Gestaltung der Zukunft, um seinen persönlichen Beitrag. Die deutsche Wirtschaft sei gut unterwegs, sagt Thelen, „aber schlecht auf die Zukunft vorbereitet“. Seine Prognose: „KI, Blockchain, Quantencomputer – diese disruptiven Technologien können Weltmächte über wenige Jahre verschieben. Wir sind hintendran. Kein einziges Unternehmen in Deutschland hat diese Technologien genutzt, um einen Weltmarktführer aufzubauen.“ Er fordert alle im Publikum auf, das zu ändern, gemeinsam aufzuholen. Er selbst habe den ersten Schritt gemacht, sagt Thelen. Und spricht dann über seine Investments in Deep-Tech-Startups, das Flugtaxi-Unternehmen Lilium, die Blockchain-Plattform Neufund und den Energiespeicherhersteller Kraftblock.

Frank Thelen erfindet sich gerade einmal mehr neu. Er war Dotcom-Gründer, schlitterte in die Privat­insolvenz, kam zurück, wurde Investor. Der Bonner mag nicht der einflussreichste oder erfolgreichste sein, aber er ist ein wichtiger Name in der Gründerszene. Das verdankt Thelen vor allem seinen TV-Auftritten bei „DHDL“, wo er die Rolle des kühlen Analytikers übernahm, der Geschäftsmodelle vor laufender Kamera seziert und dabei so fokussiert wirkt, als ginge es hier nur um Business und nicht in erster Linie um eine als Unterhaltungsshow getarnte Dauerwerbesendung.

Digitalisierungsflüsterer

Dank „DHDL“ wurde Thelen zum Mainstream-Gesicht der deutschen Digitalwelt, zum Klassensprecher und Cheferklärer. In dieser Rolle sitzt er jetzt in Gremien wie dem Innovation Council von Digitalstaatsministerin Dorothee Bär, mit der er regelmäßig telefoniert. Oft meldet er sich in Interviews zu Wort, tritt auf Konferenzen auf, trommelt für mehr Mut zu echter Innovation und radikalen Wetten auf neue Technologien. Woher der Wandel? Wieso setzt er trotz des Erfolgs mit Suppen und Gewürzen vermehrt auf Deep Tech? Das möchte man von Thelen erfahren.

In seinem Bonner Büro erinnert wenig daran, dass Thelen einer der wichtigsten Food-Investoren des Landes ist. Den verglasten Raum mit Blick auf das Rheinufer dominiert ein großer Konferenztisch, drumherum herrscht Durcheinander: eine Drohne, ein Skateboard-Deck, in der einen Ecke stehen Scheinwerfer für Videoaufzeichnungen, ein Fahrrad in einer anderen. Doch, da, neben dem Fernseher thront eine Plastikflasche der Fertignahrung YFood.

Dann betritt Thelen das Büro, schwarzes Polohemd, helle Hose, in der einen Hand einen Espresso, in der anderen ein Magnum-Eis, und beginnt zu erklären, wie er als Investor gereift ist. Und dabei spielen seine Erfahrungen mit den Food-Investments dann doch wieder eine wichtige Rolle. Weshalb man am besten dort anfängt.

Der Schritt in den Food-Markt ist einem Zufall geschuldet. Als Thelen Anfang 2014 Teil der „DHDL“-Jury wird, strauchelt sein Dokumentenverwaltungs-Startup Doo gerade. Er ist offen für Neues, warum also nicht mal Fernsehen? Ob das „DHDL“-Konzept aufgehen wird, ist damals alles andere als sicher. Businessshows haben in Deutschland bislang kaum funktioniert, die „DHDL“-Vorbilder in UK und den USA allerdings schon. Was Thelen zu Beginn zweifeln lässt, sind die Gründer. „Die Qualität der Startups war wirklich unterirdisch“, erinnert er sich. Er investiert dort, wo er glaubt, ein gutes Team oder ein skalierbares Produkt zu erkennen. Das passiert selten, und einer roten Linie folgen seine Investments nicht: Er gibt Geld für das Abo-Startup Meine Spielzeugkiste, den Geldbörsenhersteller Crispy Wallet und das Modelabel Von Floerke.

Doch dann treten in der zweiten Staffel zwei Brüder aus Augsburg auf. Little Lunch nennen sie sich, sie verkaufen vorgekochte Biosuppen über einen Webshop und brauchen dringend 150 000 Euro. Thelen lässt sich überzeugen. Er denkt sich: „Wenn wir daraus ein Mittagessen-Abo für Startups machen, dann kriegen wir eine profitable Bude hin.“

Es läuft viel besser. Schon bei der Ausstrahlung crashen die Server, später werden Little-Lunch-Tomatensuppen für 24 Euro auf Ebay gehandelt, weil die Firma mit dem Produzieren nicht hinterherkommt. Es ist die Initialzündung für das, was in Thelens kleiner Investmentfirma Freigeist Capital später Food Family genannt wird: Treten in der Sendung Gründer mit Food-Bezug auf, die halbwegs überzeugen, greift Thelen zu. Er investiert in Ankerkraut (Gewürze), Lizza (Fertigpizza), Luicella (Speiseeis), Pumperlgsund (Eiweiß), 3Bears (Porridge), Fittaste (Fertigessen), Frittenlove (Pommes) und YFood (Trinknahrung).

Baggern bei den Baronen

Thelen hat sein Thema gefunden. Zunächst hofft er, den Startups vor allem bei ihrem Onlinegeschäft unter die Arme greifen zu können. „Das war meine Welt“, sagt Thelen. „Performance-Marketing, Warenkorbgrößen – diese E-Commerce-Kennziffern kenne ich hoch und runter.“ Schnell wird aber klar: Allein übers Internet lässt sich kein großes Food-Business hochziehen, vor allem nicht in Deutschland, wo sich noch immer kein Online-Supermarkt durchgesetzt hat und weiter im Discounter an der Ecke eingekauft wird.

Es führt kein Weg vorbei am Lebensmitteleinzelhandel. „Eine alteingesessene Branche“, merkt Thelen, „richtig, richtig old school“. Er lernt, dass jede Kette anders funktioniert: Bei Edeka gibt es sieben regionale „Barone“, die darüber entscheiden, was in ihre Regale kommt; bei Kaufland oder Real ist der Einkauf zentral über „Knopfdrücker“ organisiert. Bei Rewe in Köln muss Thelen lange nerven, bis er für Little Lunch zum ersten Mal einen Termin beim Einkauf bekommt. Dort sitzt er dann und wartet im Hoodie mit einem Rucksack voller Suppen neben lauter Anzugträgern. Doch es lohnt sich, am Ende gibt es einen Deal.

Heute sei er bestens im Handel vernetzt, sagt Thelen. „Jeder Geschäftsführer und Vorstand spricht mehrmals im Jahr mit mir.“ Aus dem Food-Novizen ist ein Experte geworden. Als die Gründer von YFood mit ihrer Trinknahrung 2018 zu „DHDL“ kommen, haben sie es explizit auf Thelen abgesehen: „Wir hätten keinen anderen Investor im Boot haben wollen“, sagt Mitgründer Noël Bollmann. „Thelen hat das stärkste Food-Know-how und -Netzwerk.“

Heute kann der Investor helfen, ein Produkt in drei, vier Monaten in die Supermärkte zu bringen. Innerhalb der Food Family tauschen die Gründer Wissen und Erfahrungen aus. Sie treffen sich zweimal im Jahr bei Freigeist in Bonn, in einer Finca auf Mallorca oder in einem Hotel in Südtirol, um voneinander zu lernen: Wie vermarktet man über Influencer? Welche Kooperationen lohnen sich? Wie führt man ein neues Warenwirtschaftssystem ein?

Scheitern gehört dazu

Nicht alles gelingt. Manche der Startups nehmen sich Modelle vor, deren Schwierigkeiten Thelen unterschätzt hat: etwa das Eis von Luicella in den Tiefkühltruhen der Supermärkte unterzubringen, „der kleinste Platz in jedem Laden“, sagt Thelen. „Das ist sauteuer, da wird mit harten Bandagen gekämpft.“ Das gleiche Problem stellte sich für Fittaste mit seinen Fertiggerichten für Sportler, im August meldete das Startup Insolvenz an. Selbst Little Lunch, Aushängeschild der Food-Gruppe, kämpfte zuletzt mit Problemen. Man überwarf sich mit einem Vertriebspartner, juristischer Streit lähmte monatelang.

Thelen ist immer nah dran. Denn er versteht sich nicht als Geldgeber, der von der Seitenlinie zuschaut, er mischt sich ein. Er sagt selbst: „Wir sind kein klassischer Investor, sondern näher am Mitgründer.“ Erfolge wie Misserfolge gehen darum auch auf seine Kappe. Thelen sei „immer extrem involviert“, bestätigt Christian Reber, einst Gründer der To-do-App Wunderlist, in die Thelen früh investierte und die später für viel Geld an Microsoft verkauft wurde. „Frank hat klare Vorstellungen, wie sich ein Unternehmen zu entwickeln hat“, sagt Reber. „Wenn du als Gründer beratungsresistent bist, ist er definitiv der falsche Investor.“

Reber hat nach dem Exit selbst Geld in Freigeist-Fonds gesteckt. Auf gewinnbringende Verkäufe von Startups aus dem Portfolio wartet er noch. „Der Lebenszyklus ist relativ lang“, sagt Reber, „da muss man bis zu zehn Jahre warten, bis man den ersten Euro wiedersieht.“ Einerseits business as usual im VC-Geschäft, andererseits gibt es Stimmen in der Szene, die Thelen für einen mittelmäßigen bis deutlich überschätzten Investor halten, die spotten, er bestücke sein Portfolio vor allem über eine TV-Sendung. Thelen selbst gibt zu: „Natürlich werden nicht alle zu internationalen Champions.“ 100 Mio. Euro hätten seine Food-Startups kumuliert im Jahr 2018 umsetzen sollen. Die Zahl ist noch immer nicht erreicht. Ist das schlimm? Thelen sieht es eher so: Deals sind ein Beiprodukt von „DHDL“ – viel wichtiger ist die Bühne, die ihm die Sendung bietet. Sie hat Frank Thelen zur Marke gemacht. Seine Ziele für sein Food-Geschäft sind daher begrenzt. In der Show tritt er mit der aktuell laufenden, sechsten Staffel etwas kürzer, hat die Zahl seiner Drehtage reduziert.

Denn Thelen hat andere Pläne. Er will voll auf komplizierte Zukunftstechnologien wie Flugtaxis oder Blockchain-Anwendungen setzen, nichts, womit man schnell oder auch nur mittelfristig Geld verdienen wird. Wenn später aber doch, dann richtig. „Das ist jetzt mein Kerngeschäft“, sagt Thelen. Der Food-aus-Verlegenheit-Investor ist zu einem Mann mit Mission gereift: Er will die deutsche Wirtschaft so zukunftsfest machen, dass sie gegen die Techkonzerne aus den USA und China bestehen kann. Und dafür braucht es eben mehr als Gründer, die das Gewürzregal revolutionieren wollen. Es braucht Querdenker, die anspruchsvollen Techideen nachjagen. Viele davon, mehr als Thelen selbst finanzieren kann.

„Ich habe mir gesagt: Ich muss ändern, wie wir investieren“, hatte Thelen in Köln dem Publikum erklärt. Das klingt nicht mehr nur nach einem Mann mit Mission, sondern schon ein bisschen nach Hybris. Aber letztlich ist es der schmale Grat zwischen Mut und Selbstüberschätzung, auf dem Firmen wie Tesla entstehen. Und wenn sie in Deutschland entstehen, dann will Thelen diese Firmen künftig auf jeden Fall in seinem Portfolio haben.

 

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