Stuart Cameron: „Gender-Diversity allein ist noch kein Diversity-Management“

Vielfalt zu fördern wird für Unternehmen immer wichtiger – sowohl aufgrund wirtschaftlicher Aspekte als auch gesellschaftlicher. Allerdings ist es gerade für LGBT+Mitarbeitende nicht einfach herauszufinden, welche Firmen zu den offenen Arbeitgeber*innen gehören.

Stuart Cameron, CEO und Gründer der Uhlala Group, hat deswegen die erste Business-Netzwerk-App für LGBT+ gegründet: Proudr. Wir haben mit ihm über die App und Diversity-Management-Strategien gesprochen.

Stuart, ihr habt im Mai letzten Jahres Proudr gegründet. Wieso braucht es so eine App?

Wir wollen es LGBT+ Menschen erleichtern über Proudr Arbeitgeber*innen zu finden, die LGBT+ Mitarbeitende wertschätzen und dafür auch bekannt sein wollen. Und wir möchten, dass sich LGBT+ untereinander vernetzen und austauschen können, um sich somit auch beruflich weiterentwickeln zu können.

Wie funktioniert Proudr?

Wie bei Linkedin können User ein Profil erstellen und dort ihren Lebenslauf hochladen. Außerdem kann man auf dem Live-Feed Beiträge posten, die für alle Mitglieder sichtbar sind. Des Weitern gibt es eine Liste von LGBT+ freundlichen Arbeitgebern und eine Jobbörse. Und wir fangen gerade mit unserem LGBT+ Business-News-Magazin an und starten demnächst Gruppen auf Proudr, damit sich die Mitglieder auch lokal und fachlich besser austauschen können.

Worin unterscheidet sich Proudr dann von anderen Plattformen wie Xing oder Linkedin?

Erstmal sind die Mehrzahl der Mitglieder auf Proudr LGBT+ und bei den anderen Netzwerken eben doch hetero. Außerdem sind bei uns auch nur Unternehmen vertreten, von denen wir wissen, dass sie wirklich LGBT+ freundlich sind und sich für LGBT+ einsetzen, weil das für Interessierte schwierig ist, selbst herauszufinden.

Ein großer Unterschied ist auch, dass man automatisch mit der gesamten Community vernetzt ist, ohne sich gegenseitig Anfragen schicken zu müssen. Du kannst somit alle Mitglieder und Unternehmen direkt anschreiben. Je mehr Leute angemeldet sind, desto größer wird auch das eigene Netzwerk. Mit dem Stand von heute, hat man direkt ein Netzwerk von 2.853 Kontakten, wenn man sich bei Proudr anmeldet.

Wie können Unternehmen bei Proudr ins Netzwerk aufgenommen werden?

Sie müssen uns anschreiben und erklären, aus welchen Gründen sie dabei sein möchten und was sie konkret für LGBT+ tun. Dafür kann zum Beispiel die Geschäftsführung ein Statement aufsetzen oder sie haben sich als LGBT+ freundliches Unternehmen bereits durch das Pride 500 Arbeitgebersiegel zertifizieren lassen. Es gibt also kein automatisches Verfahren oder einfaches Formular, das man ausfüllen kann. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass nur Arbeitgeber ins Netzwerk aufgenommen werden, die wirklich in LGBT+ Diversity investieren. Ist man dann Partner, kann man sich ein Firmenprofil anlegen, Stellenanzeigen schalten und nach potentiellen Mitarbeitenden suchen

Was macht es denn so schwierig, Unternehmen und LGBT+ zusammen zu bringen?

Es gibt viele Unternehmen, die meinen, sie wären schon offen genug. Sie sagen dann „Wir haben aber gar kein Problem damit“. Was für ein Trugschluss – man weiß ja gar nicht, was für Mitarbeitende einem entgehen, wenn diese sich noch nicht einmal bewerben, weil sie lieber zu einem Unternehmen gehen, dass seine LGBT+ Mitarbeitenden wertschätzt. 

Des Weiteren haben die Arbeitgeber meistens wenig Ahnung, was sie eigentlich konkret machen können, um LGBT+ freundlich zu sein. Die meisten Unternehmen verstehen nicht, dass ihre Strukturen teilweise LGBT+ feindlich sind.

Aber viele Unternehmen setzten ja mittlerweile auf Diversity oder?

Tatsächlich ist Diversity mittlerweile in vielen Unternehmen ein Begriff, jedoch liegt der Schwerpunkt nach wie vor bei der Frauenförderung. Das ist auch gut und richtig, aber Gender-Diversity allein ist noch kein Diversity-Management. Diversity-Management ist es erst, wenn wirklich alle Mitarbeitenden wertgeschätzt werden, dazu zählen auch LGBT+. Glücklicherweise erkennen das immer mehr Unternehmen. Der Mittelstand und auch Startups hadern ehrlich gesagt leider noch größtenteils damit.

Wie zeigt sich, dass Unternehmen mehr für LGBT+Diversity machen?

Es gibt immer mehr Unternehmen, die in dem Bereich sichtbar sein wollen, allerdings meistens ohne eine richtige Strategie dazu zu entwickeln. Dadurch passieren meistens nur einzelne Aktionen, die nicht sehr nachhaltig sind. Zum Beispiel nutzen viele Unternehmen die Pride-Season, um ihr Logo in Regenbogenfarben zu adaptieren. Das kann aber nach Hinten losgehen. Wenn die Unternehmen sich nach außen hin als LGBT+ freundlich präsentieren, um ihre Produkte zu verkaufen, aber gleichzeitig nichts für ihre eigenen LGBT+ Mitarbeitende tun, dann besteht die berechtigte Gefahr, dass ihnen Pinkwashing vorgeworfen wird.

Wie kann man Diversity in Unternehmen besser umsetzen?

Diversity ist ein Corporate-Thema, das sich durch alle Bereiche ziehen und von der Geschäftsführung vorangetrieben werden muss. Unternehmen müssen ihren Mitarbeitenden klar machen, dass Diversity-Management für das gesamte Unternehmen und für alle Mitarbeitende Vorteile bringt. Ansonsten entsteht auf Dauer Konkurrenz unter ihnen, weil manche das Gefühl bekommen, dass die Maßnahmen nur auf bestimmte Mitarbeitergruppen abzielen und für sie dadurch ein Nachteil entsteht.

Wie sieht eine gute Diversity-Management-Strategie aus?

Wie in jedem anderen Bereich, benötigt man auch in einer LGBT+ Diversity-Strategie seine KPIs, die regelmäßig gemessen werden. Unternehmen müssen Strukturen schaffen, in denen sich LGBT+Mitarbeitende wohlfühlen und sich ohne Nachteile oder Sorge um die Karriere outen können, wenn sie das möchten. Es ist wichtig, dass es eine feste Ansprechperson im Unternehmen gibt, die bei Problemen kontaktiert werden kann. Das machen aber leider die wenigsten Unternehmen. Außerdem muss es klare Regeln für die Mitarbeitenden geben, welche Konsequenzen es zum Beispiel in Fällen von Homophobie, Sexismus und Rassismus gibt.

Wie profitiert ein Unternehmen von einer Diversity-Strategie?

Jedes Unternehmen, das Diversity ernst meint, ist erfolgreicher. Vor allem, weil der War-of-Talents immer stärker wird. Es wird bekanntlich zunehmend schwieriger gute Leute zu finden. Dadurch sind Unternehmen gezwungen, offener zu werden. Außerdem wollen junge Leute heutzutage in einem Unternehmen arbeiten, in dem sie sich auch persönlich entfalten können und sich nicht verstellen müssen. Dazu gehören eine offene Unternehmenskultur und ein diverseres Umfeld.

Ihr seid vor ungefähr einem halben Jahr gestartet, wie wird Proudr bisher angenommen?

Zögerlich. Wir merken, dass wir ein größeres Wachstum brauchen, damit die User auf Proudr aktiver werden. Wir müssen es schaffen, dass möglichst viele LGBT+ wissen, dass es die App gibt. Daher werden wir ab März die Promotion hochfahren.

Das war auch schon eines der ersten wichtigen Learnings. Wir wollten eigentlich gleich global starten und haben schnell gemerkt, dass wir mehr auf die Leute zugehen müssen und dass die App kein Selbstläufer ist.

Vor welchen Herausforderungen steht ihr noch?

Die meisten Plattformen für LGBT+ haben einen Datingbezug, werden aber weniger mit Business oder Networking in Verbindung gebracht. Tatsächlich ist es mit LGBT+ Dating-Plattformen einfacher. Viele LGBT+Leute wollen sich am Arbeitsplatz nicht outen, aus Angst vor der Reaktion des Arbeitgebers. Um so eine Plattform zu nutzen, muss man aber bereit sein, offen mit der eigenen sexuellen Orientierung & Identität umzugehen und stolz auf sich zu sein. Daher übrigens auch der Name Proudr.

Welche Reaktionen gibt es aus der Community?

Es gibt Leute, die Proudr toll finden und welche, die mit der Plattform nichts anfangen können und sie albern finden. Aber das ist auch gut so. Wer nicht für etwas steht, ist schnell beliebig. Ganz nach dem Sprichwort: Everybody’s darling is everybody’s Depp.


Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.

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