Wie ein erfolgreicher Anwalt seinen Job kündigte, um einen Hip-Hop-Radiosender zu starten

Über Nacht war Staudachers Leben ein anderes: Statt Hunderte E-Mails abzuarbeiten, verbrachte er die Tage mit seinen Kindern auf dem Spielplatz. Nach einer längeren Familienauszeit versuchte er sich schließlich an einem Startup für automatisierte Rechtsberatung. Doch schon beim Schreiben des Businessplans merkte er, dass auch dies nicht das Richtige war. Und dann war da plötzlich diese Idee: ein Radiosender, der exakt Staudachers Lieblingsmusik spielt. Ohne aufgesetzte Moderator*innen, ohne Heavy Rotation der immer gleichen 30 Chart-Hits. Ein Sender von Musikliebhaber*innen für Musikliebhaber*innen.

Eigentlich hatte Staudacher diese Idee schon immer, tat sie aber stets als Träumerei ab. Dann nahm er den Gedanken aber mal ernst. Er recherchierte, welche regulatorischen Anforderungen es gäbe, welche Genehmigungen man bräuchte, was Musiklizenzen kosten. All das schien machbar. Ein paar Wochen lang rang Staudacher mit sich. „Und dann bin ich ins kalte Wasser gesprungen“, sagt er. Ohne Konzept, ohne Businessplan, ohne Kalkulation. „Mir war irgendwann klar: Wenn ich diesen Radiosender jetzt nicht mache, werde ich es nie machen.“

Die ersten drei Monate beschäftigte sich Staudacher nur mit Musik, um zu definieren, was genau auf dem Sender laufen soll. Nachdem Logo und Website standen und Staudacher sich mittels unzähliger Youtube-Videos alles Technische beigebracht hatte, war es am 25. April 2018 so weit: Say Say ging live. Einen Monat später startete die tägliche Morningshow – die erste richtige Sendung, mit Nachrichten, Wetterbericht und allerhand Musik-News. Vom Moderieren hatte Staudacher keinen blassen Schimmer, er redete einfach drauf los. Das Motto: Learning by Doing.

Für Say Say richtete Staudacher in Hamburg ein professionelles Studio ein (Foto: Erik Anders)

Gerade feierte Say Say den zweiten Geburtstag. Inzwischen hat sich der Sender deutlich professionalisiert, es gibt ein festes Team aus drei Angestellten und mehreren Freelancern. Während bei Say Say tagsüber sorgfältig kuratierte Playlisten laufen, ist das Herzstück und Aushängeschild nach wie vor die Morningshow. Sie hebt Say Say von anderen Webradios ab und macht das Ganze zu einem richtigem Sender, sagt Staudacher, der sich bei der Moderation inzwischen mit Kolleg*innen abwechselt.

Zusätzlich gibt es abends und am Wochenende sieben weitere moderierte Shows mit unterschiedlichen Schwerpunkten, von französischem Rap über Instrumental Hip-Hop bis Soul aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren. Auch eine Sendung in Kooperation mit dem deutschen Hip-Hop-Magazin „Backspin“ ist im Programm, ein hilfreicher Multiplikator.

Die Zielgruppe von Say Say gehe aber weit über die Hip-Hop-Szene hinaus, sagt Staudacher. Say Say richtet sich an alle Menschen, die handverlesene Musik lieben, unabhängig von Genregrenzen. „Uns schreiben oft Leute, dass sie den Sender toll finden, obwohl sie gar keine Hip-Hop-Fans sind“, sagt Staudacher. Generell sei das Feedback extrem positiv. Es habe sich eine richtige Community gebildet, viele Hörer kenne Staudacher inzwischen mit Namen.

Die Uhr tickt

„Meine Vision ist, dass der Sender sich selbst trägt und ein kleines Team sich den Traum erfüllen kann, von Hip-Hop zu leben“, sagt Staudacher. Da gibt es nur ein Problem: Bisher finanziert sich Say Say fast ausschließlich durch Staudachers private Ersparnisse aus Kanzleizeiten. Und diese sind bald aufgebraucht. Wenn bis Ende des Jahres keine Kohle reinkommt, könnte es das gewesen sein mit dem Radiotraum.

Doch Staudacher ist zuversichtlich. Pro Tag seien es inzwischen mehrere Tausend Hörer*innen, im letzten Jahr habe sich die Quote vervierfacht. Zudem steige sie kontinuierlich weiter, gerade jetzt, durch die aufgezwungene Häuslichkeit. Mit dieser Reichweite kann nun endlich die Vermarktung starten.

Dabei will Staudacher anders werben als normale Radiosender – weniger nervig. „Bei uns wird man keinen Spot fürs Autohaus hören“, so Staudacher, stattdessen setzt er auf Native Advertising. Heißt: Die Moderator*innen bewerben die Produkte selbst. Zusätzlich sollen die jeweiligen Marken auf sämtlichen digitalen Kanälen von Say Say stattfinden. Erste Kund*innen hatten bereits Interesse, sagt Staudacher. Aber dann kam Corona – viele Budgets sind eingefroren. Nur ein kleiner Rückschlag, glaubt Staudacher: „Wenn der Stein einmal ins Rollen kommt und die ersten Kund*innen an Bord sind, werden andere sehen, wie gut das alles ineinandergreift.“

Foto: Erik Anders.

Obwohl Staudacher für die Morningshow nun jeden Morgen um halb sechs aufstehen muss und die Zukunft des Senders ungewiss bleibt, ist er froh über seine Entscheidung. „Ich habe diesen Schritt nie eine Sekunde bereut“, sagt Staudacher. Aber nicht nur, weil er sich jetzt nonstop mit Musik beschäftigen und hin und wieder seine Hip-Hop-Idole interviewen kann. Sondern weil er viel mehr Zeit für seine Familie hat: „Eine der größten Errungenschaften ist, dass ich fast jeden Tag mit meinen Kindern Abendbrot essen kann“, sagt Staudacher.

Was aber, wenn der Plan nicht aufgeht und die Monetarisierung von Say Say scheitert? Wenn Staudachers Rücklagen Ende des Jahres aufgebraucht sind? Für diesen Fall hat er keinen Plan B. Staudacher müsste erneut auf Selbstfindung gehen. Was bliebe, wäre die Gewissheit, es zumindest versucht zu haben. Und damit ist er all jenen, die abends frustriert das große Wandtattoo über ihrem Sofa anstarren, um Welten voraus.

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Außerdem: Say Say: Ein Anwalt kündigt seinen Job, um einen Hiphop-Radiosender aufzubauen. Blocksize Capital: Zwei junge Frankfurter wollen mittels Blockchain den Finanzmarkt komplett neu aufstellen. Max Siedentopf: unser Cover-Artist im großen Portrait mit Werkschau. Und wie immer vieles, vieles mehr.  Viel Spaß beim Lesen!


Tanja Lemke

Tanja ist ehemalige Print-Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade über Startups oder Musik schreibt, tingelt sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit durch irgendein asiatisches Land.

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