Life & Style Er begab sich als Reporter in Lebensgefahr – jetzt arbeitet Ian Urbina an Soundtracks für Journalismus

Er begab sich als Reporter in Lebensgefahr – jetzt arbeitet Ian Urbina an Soundtracks für Journalismus

Ende 2020. Thomas Katongole-Strauch pflügt durch den Spam-Ordner. Schneller Blick, schnelles Scrollen. Weg mit den lästigen Angeboten. An einer Mail bleibt er aber hängen. Darin steht sinngemäß: Hey, sorry, dass ich dich so aus dem Nichts kontaktiere. Ich bin Ian und schreibe für die „New York Times“ und „The Atlantic“. Ich bin seit Langem Fan eurer Musik – und hätte eine Idee für ein außergewöhnliches Projekt, bei dem ich gern mit euch zusammenarbeiten würde. Wenn ihr Lust habt und mehr darüber erfahren wollt, dann meldet euch. Viele Grüße, Ian.

Katongole-Strauch gehört zu den Ancient Astronauts, einem Kölner Duo, das seit 20 Jahren gemeinsam musiziert. Schwerpunkt: Hip-Hop, Reggae, Funk und Afro. „Um ein Haar hätte ich die Mail gelöscht. Das klang zwar cool, aber völlig abstrus. Als ich Ian googelte, merkte ich allerdings: Den Typen und seine Reportagen gibt’s wirklich“, erinnert sich der 47-Jährige.

Kurz darauf dann der Zoom-Call von Köln nach Washington, D. C., Gespräche über Hip-Hop, Musikbusiness und Afrika. Es erwies sich schnell: Die Chemie stimmte, ebenso das Gefühl einer echten Zusammenarbeit: „Das Projekt ist großartig, und wir finden es auch unglaublich wichtig, dass jemand über diese Themen berichtet“, sagt Katongole-Strauch.

Kurz darauf legte Ingo Möll, der zweite Ancient Astronaut, im Studio los. Ziel des angestrebten Minialbums: atmosphärisch, authentisch, emotional. Nur: Wie macht man das – einen Soundtrack zu investigativem Journalismus? Für Möll, wie für alle Beteiligten des Projekts, eine völlig neue Erfahrung. Möll las zunächst die Geschichten des Reporters, bekam so ein Gefühl für Dramatik und Storytelling. Entscheidend war, dass Urbina den Künstlerinnen und Künstlern ein umfangreiches Soundarchiv zur Verfügung stellte.

Ian Urbina beim Schwimmen mit Quallen.

Material, das der Reporter während seiner Recherchen gesammelt hatte und das in den Songs verwendet werden konnte. Funksprüche von Kapitän:innen, metallisches Ächzen aus dem Schiffsrumpf, Gesänge von thailändischen Seemännern, Maschinengewehrsalven, Möwengeschrei, Ausschnitte aus einer Rede von US-Politiker John Kerry. Nach nur wenigen Wochen hatte Möll 17 Songs produziert, die von Urbinas eigens gegründetem Label Synesthesia Media auf diversen Streamingplattformen veröffentlicht wurden.

Das Ancient-Astronaut-Album „We Stand Our Ground“ beweist, dass sich so tatsächlich verschiedene Formen des Storytellings miteinander verbinden lassen. Wer die Songs des OOMP hört, erlebt digitale Musik ganz anders: als Ohrendetektiv. Welche Elemente haben die Musikerinnen kreiert, welche hat Urbina auf seinen Reportagen tatsächlich erlebt? Aus dem Hintergrundrauschen wird ein bewusstes, konzentriertes und emotionales Hörerlebnis.

Doch das kreative Experiment ist nicht das einzige Ziel. Es geht Urbina auch um eine möglichst große Verbreitung der journalistischen Inhalte. Titelseiten auf der „New York Times“, ausführliche Reportagen in „The Atlantic“ und dem „New Yorker“ … das sei schön und gut, doch auch dort erreiche man nur eine bestimmte Klientel. Wie aber gelangt der Journalismus zu einem jüngeren, globaleren Publikum, das keine Magazine und Zeitungen liest? Urbina sagt: „Ich muss diese Leute dort abholen, wo sie sich ohnehin aufhalten und wohlfühlen: in der digitalen Musik.“

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