Productivity & New Work „Stressabbau kommt vor Entspannung“ – Jacob Drachenberg im Interview

„Stressabbau kommt vor Entspannung“ – Jacob Drachenberg im Interview

Stress begleitet uns ein Leben lang. Ob im Job, im Privaten, in der Familie: Stress kann überall auftreten und jede:r mag ihn anders empfinden. Doch wie macht Stress sich eigentlich bemerkbar und was können wir dagegen tun? Psychologe und Autor Jacob Drachenberg ist Experte auf diesem Gebiet. In seinem Buch „Stress dich richtig! Die 9 Entscheidungen für mehr Gelassenheit“ teilt er alltagstaugliche Sofort-Strategien für mehr Leichtigkeit und Lebensenergie. Im Interview hat er uns Einblicke in diese gegeben:

Herr Drachenberg, was bedeutet Stress eigentlich?

Evolutionär gesehen ist Stress ein Alarmsystem, was uns hilft, besondere Leistungen zu vollbringen. Stress ist damit auch ein Thermostat für Wichtigkeit. Uns können nur Sachen stressen, die eine Bedeutung für uns haben. Quasi ein ehrlicher Spiegel.

Wann empfinden wir Menschen am ehesten Stress?

Stress empfinden wir, wenn es einen Konflikt zwischen der Realität und unserer Erwartung gibt. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn wir zu viele Aufgaben für zu wenig Zeit haben oder wenn wir Power haben wollen, uns aber eigentlich erschöpft fühlen.

Außerdem kann es uns stressen, wenn wir glücklich sein wollen, aber aktuell sehr unzufrieden sind. Diese Lücke zwischen Erwartung und Realität kann uns motivieren oder aber auch zur Resignation führen.

Am meisten Stress empfinden wir allerdings, wenn uns etwas sehr am Herzen liegt, wir aber nichts unternehmen können, um es zu ändern. Das passiert beispielsweise bei einer Kündigung, Scheidung, generell bei (unvorhergesehenem) Verhalten anderer Menschen, Krankheit, Schlafproblemen oder Krisen.

Psychologe, Autor und Stress-Experte Jacob Drachenberg

Was passiert dann?

Unser Alarmsystem schlägt aus, kann die Energie aber nicht sinnvoll kanalisieren. Dann fangen wir erst an härter (gegen uns selbst) zu kämpfen und dann folgt die erschöpfte Resignation.

Wie unterscheiden sich Arbeitsstress und privater Stress?

Arbeitsstress ist ein teilweise sehr eingefahrenes System aus Deadlines, Erschöpfung, Zielen, Meetings und Erfolgsstreben. Hier gibt es schnell Feedback, Sanktionen und Lob von Außen. Oft kommt hier der ungesunde Glaubenssatz „Liebe = Leistung“ zum Tragen, der uns permanent rennen lässt.

Privater Stress bezieht sich eher auf Beziehungen, Hobbys, Gesundheit und Familie. Hier können wir vermeintlich mehr gestalten, weil wir nicht so viel Druck und Feedback von Außen bekommen.

Das ist auch der Grund, warum private und gesundheitliche Ziele der Arbeit zum „Opfer“ fallen. Auf der Arbeit wird die Wichtigkeit und Bedeutung chronisch hochgehalten. Wenn wir selber keine Klarheit über unsere privaten Bedürfnisse haben, dann „wachen“ wir nach der erfolgreichen Karriere einsam, krank und unzufrieden auf.

Was können wir gegen akuten Arbeitsstress tun? Haben Sie drei konkrete Tipps?

  1. Wer nicht handelt, wird behandelt: aktiv für die eigenen Bedürfnisse eintreten, Prios setzen, Deadlines verhandeln und bei Überlastung in Kommunikation treten.
  2. Positive Bedeutungslosigkeit: Es ist Gott sei dank nur Arbeit. Der meiste Stress ist nach einer Woche im Alltag wieder vergessen, also nimm die Arbeit nicht zu ernst. So gewinnen wir Lockerheit und Leichtigkeit, unsere Leistung geht nach oben und wir sind kreativer.
  3. Stressabbau kommt vor der Entspannung: Stress-Energie wird am besten durch Bewegung bzw. Sport kanalisiert. 10 Minuten Sport vor der Arbeit oder 15 Minuten Laufen in der Mittagspause wirken Wunder. Hier gilt 1 ist größer als 0. Außerdem können wir durch Akzeptanz & Annahme Stress mental abbauen. Wir hören auf zu kämpfen, bekommen den Kopf frei und lenken den Blick wieder auf unseren eigenen Machtbereich.
„Stress Dich Richtig“, erschienen am 2.2.2022

Wie kann ich meine Arbeitskolleg:innen unterstützen, wenn ich merke, dass sie Stress haben?

Der erste Schritt ist super simpel: ehrliches Interesse an seinem Wohlbefinden zeigen, also Nachfragen und Verständnis zeigen! Im nächsten Schritt kann man aufrichtige Unterstützung anbieten – emotional oder auch durch Übernahme von Aufgaben. Was auch immer sehr hilfreich ist, ist den Fokus weg von Problemen hin zu Lösungen zu lenken. Man kann dem Kollegen z. B. Erfolge aus seiner Vergangenheit aufzeigen und so den Blick auf das Positive lenken.

Wenn man Lust hat, bietet es sich natürlich auch an, dem Kollegen eine Ablenkung zu bieten: Feierabend-Bierchen trinken, in lockerer Atmosphäre übers Privatleben reden oder auch gemeinsam den Lieblings-Comedian besuchen.

Was können wir Positives aus Stresssituationen mitnehmen?

Viele Fragen und damit interessante Erkenntnisse:

  • Warum ist mir das so wichtig?
  • Welche Stress-Geschichte darf ich auflösen?
  • Fakt oder Fiktion?
  • Wie kann ich mich jetzt am besten entspannen?
  • Was darf ich lernen?
  • Wofür brenne ich?

In Ihrem Buch sprechen Sie von einem 9-Schritte-Programm. Welcher Schritt ist der Wichtigste?

Hauptsache anfangen, Spaß haben und das Ganze als lehrreichen Prozess sehen. Unser Umgang mit Stress ist kein Schicksal, sondern eine trainierbare Kompetenz.

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