Leadership & Karriere Laura-Marie Geissler: „Es war mir egal, ob das Auto nach dem Rennen in der Bande liegt“

Laura-Marie Geissler: „Es war mir egal, ob das Auto nach dem Rennen in der Bande liegt“

Erst hat man Laura-Marie Geissler keine Chance gegeben, auf die Strecke zu gehen – jetzt will die Rennfahrerin gleich die ganze verschnarchte Motorsportbranche erneuern. Was hat sie vor?

Die Tachonadel streift die 200. Der geteerte Asphalt verschwimmt. Links und rechts ziehen Bäume am Straßenrand vorbei. Der Motor wird mit jedem Kilometer pro Stunde lauter. Geradeaus in der Ferne ist eine schwarz-gelbe Bande zu erkennen, sie markiert die bevorstehende Kurve. Die Fahrerin hält drauf zu. Ihre Sneaker drücken das Gaspedal, sie umschließt das Lenkrad auf beiden Seiten mit Daumen und Zeigefinger und dreht es nach links. Ihr Blick ist fokussiert, richtet sich auf den gewölbten Bildschirm direkt vor ihr.

Diese Fahrerin ist Laura-Marie Geissler. Die 24-Jährige ist professionelle Rennfahrerin. Ihr Arbeitsplatz ist der Simulator. Der steht in ihrer Wohnung in Starnberg bei München. Damit bereitet sie sich auf Rennen vor, lernt Strecken kennen, erprobt verschiedene Fahrweisen und trainiert ihre Konzentration.

Geissler ist noch relativ neu im Motorsport. Das erste Rennen fuhr sie 2021 – zufällig. „Ich bin Quereinsteigerin“, sagt sie. „Ich habe spät angefangen, weil ich früher keine Chance bekommen habe.“ Scouts wurden im letzten Jahr auf Geissler aufmerksam, als sie auf der Nordschleife am Nürburgring Instruktionsfahrten gab. So hat sie zu dem Zeitpunkt ihr Geld verdient.

Wann verringert man die Geschwindigkeit vor der Kurve? Wann löst man die Bremse? Wann lenkt man in die Kurve ein? Darin schulte sie andere Fahrer auf sämtlichen Rennstrecken in Europa. An Erfahrung hinterm Steuer mangelte es Geissler also nicht. Wer jedoch im Rennsport aktiv sein will, braucht Geld. Und zwar nicht gerade wenig. Rennlizenz, Schutzkleidung, Rennauto, Startgelder, Trainingsgelder, Hotelkosten, Anfahrtskosten, Reparaturkosten: Für eine Saison liegt man schnell im sechsstelligen Bereich.

©Amelie Niederbuchner

Da bei der Porsche Sprint Challenge Central Europe 2021 am Red Bull Ring in Spielberg, Österreich einem Rennteam ein Fahrer abgesprungen ist, boten die Scouts Geissler den Startplatz an. Alles war bereits bezahlt, Geissler musste nur Schutzkleidung voller Patches von Sponsoren anziehen, sich ins Auto setzen und anschließend für Interviews zur Verfügung stehen. Das war der Deal – und gleichzeitig ihre Eintrittskarte in den Sport. Obwohl sie nur zwei Monate trainieren konnte, fuhr sie einen ersten und dritten Platz. „Es war mir egal, ob das Auto nach dem Rennen in der Bande liegt oder nicht. Ich dachte: Hauptsache, es wird spektakulär“, sagt Geissler. „Ich hatte nichts zu verlieren. Wäre ich schlecht gefahren, wäre ich am nächsten Tag wieder zurück in mein normales Arbeitsverhältnis als Instruktionsfahrerin gegangen.“

„Es war mir egal, ob das Auto nach dem Rennen in der Bande liegt“

Laura-Marie Geissler

Bereits mit zehn Jahren entdeckte Geissler ihre Begeisterung für Geschwindigkeit beim Kartfahren. Mit 16 Jahren, dem Mindestalter in Deutschland, erwarb sie ihre Rennlizenz. Ihre Eltern schenkten Geissler ihr erstes Auto zum Trainieren, einen Porsche 944, einen günstigen Youngtimer-Rennwagen. „Das Modell hatte einen super Motor und einen Überrollkäfig, es war ein sicheres Auto“, sagt Geissler. Diesen Wagen hat sie nicht mehr. Die Vorliebe für Sportwagen aber schon.

Sportlich gibt sie sich auch selbst. Die blonden Haare trägt sie hoch zum Zopf gebunden, dazu Jeansshorts und eine schwarze Oversized-Collegejacke mit Aufnähern von Budweiser. Unter der Jacke blitzt am rechten Handgelenk ein kleines Tattoo hervor: R,1,2,3,4,5. Ein Schaltgetriebe. Das ließ sie sich stechen, als sie die Entscheidung traf, ihr Psychologiestudium an der Fresenius Hochschule München für den Rennsport erst mal zu pausieren. „Ich wollte etwas unter der Haut haben, das mich immer daran erinnert, welchen Weg ich langfristig gehen will“, sagt Geissler.

©Amelie Niederbuchner

Und den kann sie seit ihrem Debüt in Österreich auch verfolgen. Als Rennfahrerin ist Geissler quasi selbstständig, braucht jedoch ein Team. Das hat sie selbst angestellt. Nach ihren Podestfahrten wurden unterschiedliche Rennteams auf Geissler aufmerksam. Darunter auch Speed Monkeys Motorsport mit Sitz in Essen. Chef Christian Bracke fand die junge Sportlerin interessant, lud sie zu einer Testfahrt ein. „Mir ist sofort aufgefallen, dass Laura einen extremen Ehrgeiz und Willen hat, etwas im Motorsport zu schaffen“, sagt Bracke. „Sie will es wirklich wissen. Das ist in der Form einzigartig.“ Bodenständig und ehrlich: So beschreibt Geissler auch ihr Team. Eigenschaften, die sie überzeugten, sich für Speed Monkeys Motorsport zu entscheiden.

Aber noch ein anderer Punkt war ausschlaggebend: dass Geissler in diesem Team Porsche fahren kann. Mit dessen Fahrwerk und der Dynamik ist sie am meisten vertraut. Als während Corona sämtliche Rennstrecken gesperrt waren und Geissler zwangsweise direkt zu Beginn ihrer Karriere pausieren musste, schraubte sie unbezahlt in Werkstätten von Freunden der Familie an alten Porsches und lernte die Mechanik besser verstehen. Dieses Wissen hilft ihr heute zum einen bei den Fahrten selbst, zum anderen im Boxenstopp. „Ich kann direkt einordnen, ob etwas am Radlager oder Reifen nicht stimmt. Das beschleunigt den Prozess.“

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