Innovation & Future Interview: 2025 wird sich der Ausflug ins Metaverse für die Masse lohnen

Interview: 2025 wird sich der Ausflug ins Metaverse für die Masse lohnen

Derzeit häuft sich Spott über Metaverse und NFTs. Die Autor:innen Julia Finkeissen und Thomas Köhler wissen aber, wie’s mit den Techvisionen weitergeht. Ihr Buch Chefsache Metaverse erscheint am 20. Januar im Campus-Verlag.

Frau Finkeissen, Herr Köhler, Meta musste 11 000 Leute entlassen. Das Projekt Metaverse scheint selbst den Riesen zu überfordern. Wird das überhaupt mal was?

Köhler: Es wird sich durchsetzen. Aber erst wenn es diesen iPhone-Moment gibt. Den sehe ich noch nicht. Das Zugangsmedium muss günstig und gut sein. Gerade arbeitet die Forschung mit 8K-aufgelösten Displays für jedes Auge. Dann braucht es noch die entsprechende Software. 2024 oder 2025 rechne ich damit, dass wir ein Metaverse haben werden, in das sich der Ausflug für breite Schichten lohnt.

Finkeissen: Der technische Zugang ist die eine Sache. Die andere Frage ist: In welchem Metaverse befindet man sich? Ich hoffe, dass weiterhin verschiedene Metaversen nebeneinander existieren werden. Jeweils für unterschiedliche Zwecke. Beispielsweise kann man bei Spatial.io seine eigene Kunstgalerie eröffnen und NFT-Kunst vermarkten. Gut gefällt mir für Kinder und junge Erwachsene auch das Winkyverse, in dem Bildungsspiele angeboten werden. Natürlich sollte man sich auch die drei momentan größten Player The Sandbox, Decentraland und Axie Infinity genauer ansehen. Die Pluralität zu erhalten ist eine wichtige Herausforderung.

Und die VR-Brillen werden dann das iPhone des Metaverse werden?

Finkeissen: Schon jetzt arbeitet man an weiteren, sehr viel besseren, weitreichenderen Lösungen, die für die meisten von uns noch wie eine Episode aus einem Sci-Fi-Film anmuten. Zum Beispiel ein implantierter Chip im Gehirn. VR-Brillen sind daher in meinen Augen eine Übergangslösung, die momentan aber tatsächlich ein wichtiges Utensil zum Eintritt ins Metaverse darstellen.

Die großen Techkonzerne sind heute beherrschend, stammen aber aus dem Web2, dem Social-Media-Zeitalter. Schaffen die es ins Web3 und ins Metaverse?

Köhler: Das ist keineswegs ausgemacht. Die Innovationskraft in jedem etablierten Unternehmen nimmt gegenüber einem Startup ab. Wie war es bei Meta? Die haben Facebook gebaut und dann gekauft, gekauft, gekauft. Mit den Milliarden in der Hinterhand konnten sie absurde Beträge für andere Unternehmen ausgeben. Originäre Innovation findet aber kaum noch statt. Bei Google ist es nicht viel anders. Aus den ganzen Moonshots wurde nicht viel. Die haben ihr Anzeigengeschäft, das funktioniert. Aber mit Hardware verdienen sie nichts, mit der Cloud verlieren sie derzeit sogar Geld. Die Plattformen haben eine funktionierende Idee. Solche Ideen hat auch nie nur ein Unternehmen, aber meist wird nur eins in einem bestimmten Segment damit groß. Es gibt eine große Suchmaschine, ein großes Auktionshaus und so weiter.

Finkeissen: Und ich beobachte gerade einen Quantensprung – wenn ich meinen eigenen Sohn sehe. Der ist 16. In der Coronazeit hat er sich viel mit Krypto beschäftigt. Unter meiner Aufsicht natürlich. Aber weil sein Avatar im Metaverse Turnschuhe von Adidas hat, war es auch keine Frage, dass wir die dazu passenden realen Schuhe kaufen. Die Markenbildung findet im Metaverse statt. Wer dort nicht stattfindet, wird auch hier im Realverse keine Kunden finden.

Frau Finkeissen, Sie haben viel mit NFTs gearbeitet, sozusagen dem Kunstwerkkauf fürs Metaverse. Aber in Ihrem Buch liest man auch, dass etwa der erste Tweet von Jack Dorsey fast nichts mehr wert ist, nachdem er als NFT vor Kurzem noch Millionen kostete. Nur ein Beispiel von vielen. Wie geht es mit NFTs weiter?

Finkeissen: Kunst ist immer ein Ausdruck des Zeitgeists. Wir leben in einer Übergangszeit in ein zunehmend digitalisiertes Zeitalter. Das spiegelt sich auch in der Kunst unserer Zeit perfekt wider in Kunst-NFTs, in der zunehmenden Tokenisierung von Kunst und rein digitalen Galerien und Museen im Metaverse. Man muss unterscheiden zwischen NFT-Kunst und Kunst im Metaverse. Das eine bedingt nicht unbedingt das andere. Der NFT-Markt hat es geschafft, viele Investoren für Kunst zu gewinnen, die aufgrund der zwischenzeitlich hohen Spekulationsmöglichkeiten in den Markt eingetreten sind. Diese haben den Markt in Zeiten von Kurskorrekturen aber auch wieder verlassen.

Nach dem Kauf durch Elon Musk: Wird Twitter überleben und im Metaverse mitmischen?

Köhler: Twitter war schon immer eine Hassmaschine. Bei Elon Musk klaffen ja Anspruch und Realität oft weit auseinander – das sage ich bewusst nicht abwertend. Er will aus Twitter eine App für alles machen, nach chinesischen Vorbildern: fürs Einkaufen, Bezahlen, Informieren. Aber das ist eine Mischung aus Web1 und Web2, kein Schritt zum Metaverse. Die kritischen Punkte werden wir auch im Metaverse nicht los.

Tony Fadell, der den iPod und das iPhone mitentwickelte, sagte Business Punk im Interview: Wir schaffen es ja nicht mal, Text zu moderieren, wie soll das im Metaverse erst was werden?

Köhler: Kann ich nur unterstreichen, das ist ein ungelöstes Problem. In Horizon Worlds von Meta gibt es eine Distanzregel gegen Übergriffe. Es läuft am Ende auf eine Authentifizierung hinaus. Mit Vor- und Nachteilen.

Klarnamen nutzen wir auch auf Linkedin. Aber werden dort interessante Gespräche geführt?

Finkeissen: Ich bin extrem aktiv auf Linkedin. Ich finde, dort kann man die sachlichsten Debatten führen.

Köhler: Auch wenn der Algorithmus oft Posts auf Kalenderspruchniveau nach oben spült, findet die beste Fachdiskussion dort statt.

Und nächstes Mal? Treffen wir uns im virtuellen Paulanergarten, falls es den dann gibt?

Köhler: Um uns lustige Geschichten zu erzählen! Davon lebt auch das Internet in seiner aktuellen Form. Ich trinke lieber das ganz reale Weißbier der kleinen Brauerei hier am Ort.

Das schmeckt besser als virtuelles Gebräu. Welchen Metaverse-Treffpunkt schlagen Sie vor, Frau Finkeissen?

Finkeissen: Das hängt stark von den eigenen Interessen ab. Immer wieder wird es neue Metaversen geben. Die Vielfältigkeit, die sich derzeit bietet, ist das Spannende!

Da ist das Ding! Neben unserer Watchlist findet ihr noch diese Themen: Wie die Chief People Officer der Avantgarde Group, Lesley Anne Bleakney, den Bereich Human Resources neu denkt, wie das Vorreiterland Südkorea das Metaverse für sich entdeckt hat, was die Comedy-Impro-Serie „Die Discounter“ so erfolgreich macht und warum Rocker Ville Valo jetzt Pizza verkauft. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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