Autozulieferer Schaeffler streicht rund 3.500 Stellen und 4 Werke – trotz besserem Ergebnis
Schaeffler streicht Tausende Jobs und schließt vier Werke, während die Neun-Monats-Bilanz operativ zulegt. Die Zahlen zeigen: Sparen und Erfolg schließen sich bei diesem Konzern nicht aus.
Schaeffler streicht in Europa rund 3.500 weitere Stellen, davon 2.660 in Deutschland, wie Handelsblatt berichtet. Rnz beziffert den europaweiten Abbau mit 3.460 Stellen. Parallel dazu meldet der Herzogenauracher Konzern für die ersten neun Monate 2026 ein operativ verbessertes Ergebnis.
Genau dieser Widerspruch zwischen Sparkurs und Zahlenwerk macht den Fall politisch brisant.
Sparen trotz schwarzer Zahlen
Der Umsatz lag nach neun Monaten bei 17.481 Mio. Euro und damit währungsbereinigt nahezu auf Vorjahresniveau von 17.672 Mio. Euro, wie Boerse unter Berufung auf die Unternehmensmitteilung dokumentiert. Das EBIT vor Sondereffekten stieg um 6,5 Prozent auf 794 Mio. Euro, die Marge verbesserte sich von 4,2 auf 4,5 Prozent. Schaeffler-Chef Klaus Rosenfeld erklärte laut Boerse: „Die Schaeffler Gruppe hat in einem herausfordernden Marktumfeld in den ersten neun Monaten ein solides Ergebnis erwirtschaftet.“ Die Prognose für das Gesamtjahr bleibt bestätigt.
Dass ausgerechnet in dieser Lage ein neues Sparprogramm folgt, lässt sich als Hinweis auf die eigentliche Wirtschaftspolitik des Falls lesen: Beobachter werten das Programm weniger als Reaktion auf eine akute Ergebniskrise denn als Antwort auf strukturelle Verschiebungen in der europäischen Automobilindustrie. Das Programm soll laut Handelsblatt jährlich rund 300 Mio. Euro einsparen. Dafür stellt der Konzern im laufenden Schlussquartal etwa 480 Mio. Euro für Abfindungen zurück. Die Diskrepanz zwischen stabilem Ergebnis und hartem Einschnitt wird von Beobachtern so gedeutet, dass es dem Management nicht um kurzfristige Liquiditaet gehe, sondern um eine dauerhafte Verschlankung der Kostenbasis, bevor der Umbau zur E-Mobilität den Konzern noch staerker belastet.
Vier Werke und zwei Führungsebenen weniger
Der Abbau konzentriert sich auf die Sparten E-Mobility und Powertrain & Chassis. In E-Mobility stiegen die Umsätze zwar währungsbereinigt um 4,6 Prozent auf 3.871 Mio. Euro, das EBIT vor Sondereffekten blieb jedoch mit minus 571 Mio. Euro tief im roten Bereich, bei einer Marge von minus 14,8 Prozent. Wegen rückläufiger China-Projekte europäischer Hersteller fielen zusätzlich einmalige Sonderbelastungen von rund 240 Mio. Euro an.
Powertrain & Chassis verzeichnete einen Umsatzrückgang auf 6.302 Mio. Euro nach 6.672 Mio. Euro im Vorjahr, bedingt durch Portfoliobereinigung und schwächelndes Verbrennergeschäft. Beide Sparten zusammen bilden damit den Kern des strukturellen Problems: Wachstum bei E-Mobility, das noch keine Rendite abwirft und ein schrumpfendes Kerngeschäft, das bisher die Gewinne trug.
Geschlossen werden laut Handelsblatt vier deutsche Standorte: die Entwicklungsdependance Berlin sowie die Werke Dortmund, Morbach und Schwalbach. Zusätzlich sollen zwei von sieben Führungsebenen unterhalb des Vorstands entfallen, der Aufsichtsrat verkleinert sich perspektivisch auf acht Mitglieder. Der Eingriff reicht damit über die Werksebene hinaus bis in die Konzernspitze, was den Umbau zu mehr macht als einer reinen Werksbereinigung.
Konzernbetriebsratschef Uli Schoepplein kritisierte laut Handelsblatt: „Wer immer neue Abbauprogramme auflegt, Standorte schließt und die Personalkosten senken will, stärkt den Standort Deutschland nicht, sondern schwächt ihn.“ Diese Einschätzung trifft den Kern der Debatte um Standortpolitik in der deutschen Zulieferindustrie, in der Schaeffler mit seinem Vorgehen keineswegs allein steht.
Belegschaft soll auf Gehalt verzichten
Zusätzlich fordert der Vorstand ein freiwilliges „Solidaritätsprogramm“, bei dem Mitarbeitende über alle Hierarchiestufen hinweg auf Gehalt verzichten sollen. Das Vorhaben fällt mitten in laufende Tarifverhandlungen mit der IG Metall, deren Friedenspflicht bereits ausgelaufen ist. Seit Sonntag wird bei Schaeffler in Herzogenaurach gestreikt. Ohne Zustimmung von Gewerkschaft und Betriebsrat lässt sich das Sparprogramm nicht umsetzen. Damit steht der Konzern vor einer doppelten Verhandlung: über die Standortschließungen selbst und über die Frage, wie viel zusätzliche Lohnzurückhaltung die Belegschaft neben dem Stellenabbau noch mitträgt.
Die anderen Sparten liefern ein differenziertes Bild: Vehicle Lifetime Solutions wuchs auf 2.424 Mio. Euro Umsatz nach 2.390 Mio. Euro im Vorjahr, Bearings & Industrial Solutions legte bei deutlich verbesserter EBIT-Marge zu. Der Free Cash Flow blieb mit minus 40 Mio. Euro nach 47 Mio. Euro im Vorjahr jedoch negativ. Gerade diese Gegenüberstellung zeigt, dass der Konzern nicht in der Fläche schwächelt, sondern punktuell in den zukunftskritischen Bereichen, was den Sparkurs aus Sicht des Managements rechtfertigen soll, aus Sicht der Belegschaft aber umso schwerer nachvollziehbar macht.
Business Punk Check
Ein Konzern mit steigender Marge, bestätigter Jahresprognose und positivem EBIT-Trend baut gleichzeitig Tausende Jobs ab und schließt vier deutsche Standorte. Das ist kein Widerspruch, sondern Wirtschaftspolitik in Reinform: Schaeffler spart nicht gegen die Krise von heute, sondern gegen die Marktstruktur von morgen, in der Verbrennertechnologie schrumpft und E-Mobility trotz Wachstums tief in der Verlustzone steckt.
Für Entscheider in der Zulieferindustrie bedeutet das: Operative Stabilität schützt nicht vor Strukturabbau, wenn ganze Sparten strategisch neu zugeschnitten werden. Für den Mittelstand, der an Schaeffler hängt, zählt weniger die Neun-Monats-Bilanz als die Frage, ob Gewerkschaft und Betriebsrat dem Gehaltsverzicht zustimmen. Genau diese Verhandlung entscheidet, wie schnell und wie hart der nächste Schritt ausfällt.
Auf einen Blick
- Schaeffler streicht laut Handelsblatt rund 3.500 Stellen in Europa, davon 2.660 in Deutschland und schließt die Standorte Berlin, Dortmund, Morbach und Schwalbach.
- Trotz des Sparprogramms meldet der Konzern laut Boerse für die ersten neun Monate 2026 ein um 6,5 Prozent gesteigertes EBIT vor Sondereffekten von 794 Mio. Euro.
- Das Sparprogramm soll jährlich 300 Mio. Euro einsparen, während Schaeffler rund 480 Mio. Euro für Abfindungen zurückstellt.
- Die Belegschaft soll zusätzlich über ein freiwilliges Solidaritätsprogramm auf Gehalt verzichten, was mitten in die laufenden IG-Metall-Tarifverhandlungen und Streiks fällt.
Quellen: Rnz, Boerse, Handelsblatt, KI-unterstützt