Lidl-Wohnungen auf Sylt: Discounter wird zum Vermieter
Lidl baut auf Sylt Wohnungen über den Kassen. Nach Berlin-Mahlsdorf der zweite Vorstoß des Discounters in den Wohnungsbau, mitten in einem der teuersten Pflaster Deutschlands.
Fünfzehn neue Mietwohnungen über einem Supermarkt: Lidl hat im Sylter Ortsteil Tinnum den Spatenstich für das Projekt „Nii Kiarwai“ gefeiert, das Einkaufen und Wohnen in einem Gebäude bündelt. Damit wiederholt der Discounter ein Modell, das er 2021 in Berlin-Mahlsdorf erstmals getestet hat.
Auf einer Insel, auf der Baugrund zu den teuersten in Deutschland zählt, ist das mehr als ein PR-Move. Auf dem Nachbargrundstück steht bereits eine bestehende Lidl-Filiale, die nach Fertigstellung in den Neubau umzieht, wie der Berliner Kurier berichtet. Vor wenigen Monaten war auf dem Baugrundstück selbst demnach-Recherche noch eine Ruine zu sehen, jetzt entsteht dort ein kombiniertes Handels- und Wohngebäude.
Vom Supermarkt zum Vermieter
Lidl positioniert sich mit „Nii Kiarwai“ als Wohnungsbauer, ein Rollenwechsel, den kaum jemand auf dem Zettel hatte. Auf 16.000 Quadratmetern entstehen laut it boltwise eine Filiale mit 1.600 Quadratmetern Verkaufsfläche im Erdgeschoss und darüber 15 Dauerwohnungen zwischen 44 und 78 Quadratmetern. Die Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen sollen laut Berliner Kurier bereits im Frühjahr 2028 bezugsfertig sein. Zu Mietpreisen äußert sich Lidl bislang nicht. Ein Vergleichswert existiert trotzdem: In Mahlsdorf lag die Kaltmiete laut Berliner Kurier bei 13 Euro pro Quadratmeter, umgerechnet 1.250 Euro für eine 96 Quadratmeter große Wohnung.
Ob sich dieser Wert auf Sylt halten lässt, ist offen, die Insel gilt als eines der teuersten Pflaster im deutschen Wohnungsmarkt. Für Berufspendler und Beschäftigte, die laut Berliner Kurier zunehmend aufs Festland ausweichen müssen, wäre das Projekt dennoch eine seltene Entlastung vor Ort. Gerade auf Sylt trifft die Wohnungsnot vor allem jene, die im Einzelhandel, in der Gastronomie oder in Hotels arbeiten und sich die ortsüblichen Mieten kaum noch leisten können. Ein Discounter, der auf eigenem Grund gleich mitbaut, könnte für diese Gruppe zumindest einzelne Wohnungen näher an den Arbeitsplatz bringen, auch wenn 15 Einheiten den strukturellen Mangel auf der Insel nicht annähernd auffangen.
Technik statt Marketing-Floskel
Das Gebäude verbindet Handel mit einer Energie-Architektur, die über reine Symbolik hinausgeht. Die Holz-Hybrid-Bauweise mit begrünten Fassaden und Dächern nutzt laut it boltwise recycelten Beton im Außenbereich sowie wiederverwertetes Glas und Aluminium im Innenausbau. Eine Photovoltaikanlage soll den Komplex energetisch autark versorgen, während die Abwärme aus der Kühlkette der Filiale über Wärmepumpen zum Heizen und Kühlen der Wohnungen genutzt wird. Diese zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, wie sie auch die Kreiszeitung beschreibt, soll den Energiebedarf des gesamten Ensembles spürbar senken, ohne dass Mieter dafür zusätzliche Technik im eigenen Haushalt betreiben müssen.