Unternehmen übernehmen statt gründen: Der Haken
In der IHK-Beratung kommen auf jeden Übernahme-Interessierten rechnerisch mehr als zwei Unternehmen und trotzdem hat fast die Hälfte der Senior-Unternehmer keinen Nachfolger gefunden. Übernehmen gilt als Abkürzung ins Unternehmertum. Der Haken folgt sofort.
Deutschland gründet und zwar eifrig: rund 690.000 Mal im Jahr 2025, zählt die KfW. Das klingt nach Aufbruch, ist aber überwiegend ein Nebenjob. 70 Prozent dieser Existenzgründungen laufen im Nebenerwerb, und nur etwa jede zehnte ist eine Übernahme. Dabei stehen fertige Betriebe mit Kunden, Team und Umsatz bereit, deren Inhaber aufhören wollen. Ist Übernehmen also das bessere Gründen? Die Antwort steht nicht im Gründerhandbuch, sondern im Kaufvertrag.
Gründen ist Volkssport, Übernehmen die Nische
Die KfW zählte für 2025 rund 690.000 Existenzgründungen nach 585.000 im Vorjahr. Nur rund 206.000 davon im Vollerwerb, rund 483.000 im Nebenerwerb. Übernahmen machen zehn Prozent aus, tätige Beteiligungen weitere vier. Und die Tech-Start-ups, die gern als Wachstumsmotor der Nation gefeiert werden? Der Deutsche Startup Monitor 2025 zählt auf Basis von Handelsregisterdaten rund 23.000 Startups im ganzen Land. Die Zählweisen unterscheiden sich, das Größenverhältnis spricht trotzdem für sich: Der Gründungsboom ist zu großen Teilen ein Nebenerwerbsboom.
Mehr Firmen als Käufer – und trotzdem kein Deal
Im Jahr 2024 beriet die IHK-Organisation 9.636 Senior-Unternehmen, 4.016 Menschen fragten nach einer Übernahme (Vorjahr: 2.760). Das ergibt rechnerisch rund 2,4 Unternehmen pro Interessent, der DIHK-Report selbst formuliert vorsichtiger: „mehr als zwei“. Der Käufermarkt hat allerdings einen Haken: 49 Prozent der beratenen Senioren hatten noch keinen passenden Nachfolger gefunden. 5.620 Unternehmen hatten nicht einmal einen potenziellen Kandidaten, die Lücke hat sich seit 2019 fast verdoppelt. Und 27 Prozent der beratenen Betriebe erwägen, ganz zu schließen.
Die KfW rechnet im Nachfolge-Monitoring (Stand Januar 2026, Erhebung 2025) mit rund 109.000 Nachfolgewünschen pro Jahr bis Ende 2029, insgesamt rund 545.000. Dem stehen Stilllegungspläne von rund 569.000 Unternehmen gegenüber. Es wollen also mehr Mittelständler zusperren als übergeben.
Zählt man strenger, schrumpft die Beute weiter. Das IfM Bonn schätzt, dass zwischen 2026 und 2030 rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe anstehen, gut 4.000 weniger als in der Vorperiode. Gezählt werden nur Betriebe, deren Gewinn Unternehmerlohn und Kapitalverzinsung trägt (Mindestgewinn im Modell: 67.995 Euro im Jahr). Die Autoren nennen ihre Schätzung selbst „vermutlich noch optimistisch“. Zwei Institute, zwei Zählweisen: Wer übergeben will, ist nicht automatisch übernehmenswert.
Was Gründer erst bauen müssen, bekommen Übernehmer geliefert
Das stärkste Argument für die Übernahme ist schlicht Mathematik. Von den Unternehmen des Gründungsjahrgangs 2017 waren laut IfM Bonn (auf Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes) nach einem Jahr noch 74,0 Prozent am Markt, nach fünf Jahren nur noch 38,1 Prozent. Mit Beschäftigten überlebten 49,5 Prozent, ohne 33,7 Prozent.
Übernehmer starten dagegen in der Regel mit Substanz. Eine ältere KfW-Studie (Datenbasis 2008 bis 2011, also mit Vorsicht zu genießen) fand bei 68 Prozent der Übernahmegründer angestellte Mitarbeiter, bei Neugründern nur bei 27 Prozent. 71 Prozent der Übernahmegründer starteten im Vollerwerb, bei den Neugründern waren es 50 Prozent.
Ein harter, aktueller Überlebensvergleich fehlt allerdings. Eine amtliche Statistik zum Nachfolgegeschehen gibt es laut einer IHK-Meldung zur IfM-Studie nicht. Die genannte KfW-Studie beschreibt für Übernahmen zwar eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit, stützt sich dabei aber auf Forschung von 1996. Plausibel ist der Vorsprung. Bewiesen ist er mit aktuellen Zahlen nicht.
Der Preis frisst die Abkürzung
Wer kauft zahlt vorab und die Verkäufer haben Vorstellungen. Laut DIHK fordern 36 Prozent der Alt-Inhaber einen überhöhten Kaufpreis. Die KfW beziffert die angestrebten Kaufpreise im Schnitt auf rund 499.000 Euro, 34 Prozent mehr als 2019. Der Median liegt bei 375.000 Euro, 2019 waren es 175.000 Euro. Inflationsbereinigt bleibt beim Durchschnitt ein Plus von rund 9,5 Prozent. Mehr als jedes vierte Unternehmen soll über eine Million Euro kosten. Wohlgemerkt: Das sind Wunschpreise der Inhaber, keine bezahlten Preise.
Die Banken sehen das Problem ebenso. Das Hauptrisiko einer Nachfolgefinanzierung liegt laut Bundesverband deutscher Banken in einem überhöhten Kaufpreis. Fast vier von zehn Interessierten berichten den IHKs von Finanzierungsproblemen (DIHK). Hilfe gibt es: Bürgschaftsbanken sichern bis zu zwei Millionen Euro ab und zwar bis zu 80 Prozent des Kreditbedarfs. Fördermittel müssen aber vor der Übernahme beantragt werden, rückwirkend geht nichts. Dazu kommt das Haftungsrisiko: Der Übernehmer haftet unter Umständen für alte Steuerschulden.
Und 38 Prozent der Interessenten unterschätzen laut DIHK die Anforderungen einer Übernahme.
Schwache Zeiten, schwache Ziele
Die Konjunktur macht das Angebot nicht besser. Das Statistische Bundesamt meldete für das erste Halbjahr 2026 insgesamt 12.812 Unternehmensinsolvenzen, 6,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, im Juni lag das Plus bei 15,8 Prozent. Schwächere Profitabilität ist auch der Grund, warum das IfM Bonn weniger übernahmewürdige Betriebe zählt als zuvor. Käufermarkt heißt deshalb nicht Schnäppchenmarkt. Wer kauft, kauft auch die Schwäche der Branche.
Wann Gründen trotzdem gewinnt
Wer etwas wirklich Neues bauen will, kauft keinen Betrieb. Die ältere KfW-Studie fand bei Übernahmegründern rund sieben Prozentpunkte seltener Marktneuheiten als bei Neugründern. Der Preis der Neugründung ist ein anderer: Im Startup Monitor nennen 39,8 Prozent die Kapitalbeschaffung als zentrale Herausforderung.
Übernehmen ist die Wahl für alle, die Cashflow wollen und Altlasten aushalten. Gründen bleibt die Wahl für alle, die einen Markt erfinden wollen und Durststrecken aushalten.
Business Punk Check
Übernehmen ist nicht das bessere Gründen, sondern das andere. Es tauscht Marktrisiko gegen Preisrisiko: Wer kauft, bekommt Kunden, Team und Umsatz vom ersten Tag, zahlt dafür aber vorab und haftet für das, was der Vorgänger hinterlässt. Die Nachfolgekrise ist real, aber kein Schlussverkauf. Zwischen dem Wunsch der Inhaber und einem tragfähigen Geschäft klafft eine Lücke, die keine Parole schließt.
Für Unternehmer:innen und Entscheider:innen stellt sich damit eine nüchterne Frage: Trägt der operative Cashflow den geforderten Preis samt Kapitaldienst? Zu klären wären außerdem Fördermittel und Bürgschaft vor der Unterschrift sowie die Prüfung von Steuer- und Rechtsrisiken. Und die ehrlichste Frage zuletzt: Wollen Sie ein bestehendes Geschäft führen oder ein neues erfinden?
Auf einen Blick
- Die KfW zählte für 2025 rund 690.000 Existenzgründungen, davon 70 Prozent im Nebenerwerb und zehn Prozent Übernahmen.
- Die IHKs berieten 2024 laut DIHK 9.636 Senior-Unternehmen, 4.016 Menschen interessierten sich für eine Übernahme, und 49 Prozent der Senioren hatten noch keinen passenden Nachfolger.
- Das IfM Bonn schätzt, dass 2026 bis 2030 rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe anstehen, während die KfW im Median einen angestrebten Kaufpreis von 375.000 Euro nach 175.000 Euro im Jahr 2019 ermittelt.
- Von den Unternehmen des Gründungsjahrgangs 2017 waren nach fünf Jahren noch 38,1 Prozent am Markt, während eine aktuelle amtliche Überlebensstatistik für Übernahmen fehlt.
Quellen: DIHK, KfW Nachfolge-Monitoring, KfW Gründungsmonitor 2026, KfW Übernahmegründer und Neugründer, IfM Bonn Nachfolgen 2026 bis 2030, IfM Bonn Überlebensrate, IHK Dresden, Statistisches Bundesamt, Bankenverband, Startup-Verband, KI-unterstützt