VW, BMW, Mercedes im Sinkflug: Alle wachsen, nur Deutschlands Autoriesen schrumpfen
Deutschland könne nur Autonation bleiben, wenn alle Beteiligten über ihre Schatten sprängen und die strukturellen Standortnachteile schnell und pragmatisch lösten. Die Zahlen liefern die Munition dafür: Eine Arbeitsstunde kostet in der deutschen Autoindustrie laut VDA-Präsidentin Hildegard Müller fast 65 Euro, in Tschechien 24 und in Polen 18 Euro. In Deutschland wird demnach mit 1.300 Stunden im Jahr deutlich weniger gearbeitet als in Tschechien mit 1.800 oder Mexiko mit über 2.000 Stunden. Müller argumentiert in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“, Produktion in Deutschland sei „kein Naturgesetz“, die Auslastung von Werken „kein Selbstläufer“. Sie fordert damit umgekehrt eine größere Veränderungsbereitschaft von Gewerkschaften und Beschäftigten.
China kippt von Cashcow zu Risiko
Der frühere Wachstumsmotor China wird zur größten Baustelle. Die drei deutschen Autobauer verzeichneten dort von Januar bis Juni einen Absatzrückgang von 25 Prozent. Chinas Anteil am weltweiten Absatz von VW, Mercedes und BMW sank binnen eines Jahres von 28,9 auf 23,5 Prozent, weil sich teure Premiumfahrzeuge angesichts schwacher Konjunktur schlechter verkaufen und chinesische Kunden im Elektrosegment zunehmend einheimische Marken bevorzugen. „China bleibt das größte Einzelrisiko für die deutschen Konzerne“, sagt Gall. Ein Minus in dieser Größenordnung lasse sich nicht kurzfristig in anderen Regionen ausgleichen.
Dass es in Europa aktuell relativ gut laufe, gleiche das Minus nicht aus. Allerdings stehen auch die chinesischen Autokonzerne selbst unter Druck: Ihr weltweiter Absatz sank im ersten Halbjahr um acht Prozent, während der Absatz in Europa um 44 Prozent zulegte. Gall erklärt dazu, der weltweite Expansionskurs und der brutale Preiswettbewerb im Heimatmarkt kosteten auch die chinesischen Hersteller viel Geld, dennoch hielten sie daran fest. Für die europäischen Anbieter bedeute das weiter steigenden Preisdruck in der Heimat, zusätzlich zu den ohnehin belastenden US-Zöllen, die den Autobauern ebenfalls zu schaffen machen.
Jobabbau trifft ganze Zulieferketten
Die Krise erreicht längst die Werkshallen: Zehntausende Stellen fallen bei Mercedes-Benz, BMW, im VW-Konzern und bei Zulieferern wie Bosch, Aumovio, ZF Friedrichshafen und Mahle weg. Diese Jobabbauprogramme erstrecken sich über mehrere Jahre.
Bei VW steht die Schließung der Werke Hannover, Emden, Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm im Raum. Die IG Metall mobilisiert deshalb unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag“ an mehr als 200 Orten und erwartet über 100.000 Teilnehmende, die von den Herstellern mehr Investitionen in deutsche Werke fordern, etwa in Batteriefertigung und autonomes Fahren.
Business Punk Check
VW, Mercedes und BMW verlieren nicht nur Rang, sondern Rendite: Ebit minus 19 Prozent, während US-Wettbewerber inklusive Tesla um fast 33 Prozent zulegen. Der einstige China-Bonus ist Geschichte, der Absatz dort bricht um ein Viertel ein, während chinesische Marken selbst im eigenen Elektrosegment zu Hause gewinnen. Gleichzeitig verweist der VDA auf Arbeitskosten von 65 Euro pro Stunde in Deutschland gegenüber 18 bis 24 Euro in Polen und Tschechien und macht damit implizit die Beschäftigten mitverantwortlich für ein Problem, das auch aus verschlafener Modellstrategie und späten Elektro-Investitionen resultiert.
Wer jetzt auf Verlagerung ins Ausland als Königsweg setzt, kauft sich Zeit, aber keine Antwort auf das eigentliche Problem: fehlende Wettbewerbsfähigkeit bei E-Autos im wichtigsten Wachstumsmarkt der Welt. Für Entscheider in der Zulieferindustrie heißt das: Standorttreue allein rettet keine Jobs, wenn das Produkt am Markt vorbeigeht. Wer auf staatliche Entlastung bei Strompreisen und Bürokratie wartet, sollte parallel die eigene China-Abhängigkeit neu bewerten.
Auf einen Blick
- VW, Mercedes-Benz und BMW belegen im globalen Umsatzranking der 19 größten Autokonzerne nur die Plätze 16, 17 und 19, während Tesla, Suzuki und Geely am stärksten zulegten.
- Der Ebit der drei deutschen Konzerne sank laut EY um 19,0 Prozent auf 13,0 Mrd. Euro, den niedrigsten Wert seit dem Pandemie-Jahr 2020.
- In China verzeichneten die deutschen Hersteller von Januar bis Juni einen Absatzrückgang von 25 Prozent, EY-Experte Constantin Gall nennt den Markt das größte Einzelrisiko.
- Wegen der Krise laufen Jobabbauprogramme bei Mercedes-Benz, BMW, VW und Zulieferern wie Bosch und ZF Friedrichshafen, die IG Metall protestiert dagegen an mehr als 200 Orten.