„Menschen mit Behinderung werden bisher nicht authentisch dargestellt“

Diversity? Heißt für die meisten Unternehmen bisher immer noch: Frauen anstellen und gut ist. Dabei gehören dazu klassischerweise auch Ethnie, Alter, sexuelle Orientierung, religiöse Weltanschauungen – und, last but not least: Behinderungen. Um Menschen mit Behinderungen zu fördern, gibt es deswegen in Deutschland eine Quotenregelung: Ab 20 Beschäftigten müssen Arbeitgeber fünf Prozent der Arbeitsplätze an Menschen mit Schwerbehinderung vergeben. Sonst droht eine Ausgleichsabgabe. Viele Unternehmen kaufen sich bisher immer noch frei.

Nicht nur am Arbeitsmarkt, sondern auch in den Medien sind Menschen mit Behinderung unterrepräsentiert. Die Bildagentur Getty Images hat deswegen vor einem Jahr mit Verizon Media und der National Disability Leadership Alliance (NDLA) eine Bildkollektion gestartet, die Menschen mit Behinderung authentisch darstellen will – auch als Arbeitnehmer*innen. Rebecca Swift, die leitende Direktorin des Creative Insight Teams bei Getty, spricht im Interview darüber, wieso eine authentische mediale Darstellung von Menschen mit Behinderung nicht selbstverständlich ist – und was mit Unternehmen passieren sollte, die Bilder nur verwenden, um sich selbst besser darzustellen.

Rebecca Swift ist leitende Direktorin des Creative Insight Teams bei Getty. Copyright: Getty Images
Rebecca Swift ist leitende Direktorin des Creative Insight Teams bei Getty. Copyright: Getty Images

Ihre „Disability Collection“ zählt nach einem Jahr bereits über 1.000 Bilder von Menschen mit Behinderung. Was wollen Sie damit erreichen?

Die meisten Menschen kennen jemanden, der oder die mit einer Behinderung lebt, egal ob physisch oder geistig. Im Mainstream und in den Medien sind diese Menschen aber kaum zu sehen. Menschen mit Behinderung werden bisher nicht authentisch dargestellt. Intern haben wir nachgedacht, wieso das so ist, und sind mit Verizon und der NDLA ins Gespräch gekommen, die ähnliche Diskussionen geführt haben. Dann haben wir nach Fotograf*innen gesucht, die fernab von Klischees denken wollten. Es geht bei der Kollektion nicht darum, darzustellen, wie man eine Behinderung überwindet – sondern um die Behinderung als natürlicher Teil der Identität.

Merken Sie das auch an den Suchanfragen auf Getty Images?

Definitiv. Wir hatten schon immer Kunden, die nach Bildern mit dem Begriff „Behinderung“ gesucht haben. Das ist so gesehen nichts Neues. Aber wir haben die Suchanfragen von 2017 bis 2018 ausgewertet und festgestellt: Das Interesse an diesem Suchbegriff hat sich quasi verdoppelt, also um ganze 98 Prozent. Das ist der erste Hinweis auf ein gesellschaftliches Umdenken. Deutlich wird aber auch, dass die Menschen spezifischer suchen: Begriffe wie „lernbehindert“ (93 Prozent), „körperlich behindert“ (162 Prozent) oder „Mitarbeiter mit Behinderung“ (71 Prozent mehr) tauchen viel häufiger in den Suchen auf. Das zeigt: Menschen denken differenzierter über Behinderungen nach. Es stellt uns aber auch vor einige Herausforderungen.

Welche denn?

Eine physische Behinderung lässt sich einfacher abbilden, weil das Foto dann zum Beispiel einen Mensch im Rollstuhl zeigt. Aber Autismus, Lernschwächen oder Legasthenie sieht man auf den ersten Blick nicht. Also müssen wir Menschen finden, die sich erstens damit identifizieren und sich zweitens auch zeigen wollen.

Credit: sturti/Getty Images

Wieso wird es für Unternehmen immer wichtiger, Bilder von Menschen mit Behinderung im eigenen Portfolio zu verwenden?

Da geht es um Diversität. Unternehmen wollen zeigen, dass sie für alle zugänglich sind. Und es geht darum, Menschen nicht aufgrund ihrer Behinderung zu beurteilen, sondern aufgrund ihrer Talente und ihrem Skill-Set. Je mehr Unternehmen mitziehen, desto mehr öffnen sich auch andere Unternehmen. Und das beeinflusst natürlich die visuelle Repräsentation. Je mehr solche Bilder in den Mainstream gelangen, desto realistischer werden sie auch in der Umsetzung.

Aber manche Unternehmen könnten diese Bilder ja auch einfach benutzen, um sich in der Außenwirkung besonders gut darzustellen – und intern genau so weitermachen wie bisher.

Die jüngere Generation wird so ein Verhalten nicht mehr tolerieren, denn für sie werden Business-Ethics immer wichtiger. Wenn man in einem Unternehmen arbeitet, denkt man ja nicht nur über die Unternehmenskultur nach, sondern auch darüber, ob das Unternehmen die eigene Belegschaft korrekt und ethisch repräsentiert. Falls das nicht der Fall ist, wird so ein Verhalten auch öffentlich angeprangert werden.

Credit: 10’000 Hours/Getty Images


Glauben Sie, dass Ihr Projekt den Arbeitsmarkt tatsächlich beeinflussen kann?

Klar, das wäre natürlich optimal. Es gibt immer Diskussionen darüber, wie mächtig bildliche Darstellungen sind und was sie bewirken können. Mein persönliches Ziel ist, damit etwas Gutes zu schaffen.


Business Punk Redaktion

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