Auf einer Goa-Party ohne Techno, dafür mit Bikes und mutigen indischen Frauen

Der Anfang ist ein Klischee. Staub wirbelt durch die Luft, als die Biker*innen hupend das Festival erreichen. Tibetische Gebetsfahnen wehen im Fahrtwind, als wäre man irgendwo im Himalaja, und obwohl es wirklich laut ist, trottet eine Kuh durchs Bild. Es ist 12 Uhr am Mittag, und die ersten Bierflaschen klirren. So weit, so erwartbar von einem Festival, das Rider Mania heißt.

Dass dieses Festival dann aber doch kein Klischee wird, dafür wollen zwei Menschen sorgen, die miteinander wenig zu tun haben: Vinod Dasari, der neue CEO, der aus der legendären, aber eher unökologischen Motorradmarke Royal Enfield einen grünen Konzern machen will. Und Hema Choudhary, die ab jetzt zwei Tage Zeit hat, um so viele Frauen wie möglich um sich zu versammeln. Dasari will kein Plastik mehr, Choudhary kein Patriarchat.

Kurz bevor der Sommer über den Süden Indiens hereinbricht, kommen an einem Wochenende im November 8000 Biker*innen in Goa zusammen. Ein Klassentreffen für Royal-Enfield-Fans. Die älteste Motorradmarke der Welt, Sitz und Produktion im indischen Chennai. Und das Festival zieht die Menschen aus allen Ländern der Erde an.

Die Sonne steht senkrecht am Himmel und bricht sich tausendfach im Chrom der Maschinen, die auf dem fußballfeldgroßen Parkplatz stehen. Mit lautem Gehupe und durchdrehenden Motoren fahren immer mehr Biker*innen ein.

Sie kommen aus Pune, 400 Kilometer entfernt, aus Bangalore oder Mumbai, je 600 Kilometer entfernt, aus Delhi, 1800 Kilometer entfernt. Manche sind am Montag losgefahren, damit sie jetzt, am Freitag, in Goa sein können. Natürlich mit dem Motorrad.

(Credits: Ishaan Bhataiya)

Vor den Zäunen des Parkplatzes vernebelt roter Staub die Sicht und legt sich auf die schwitzenden Zuschauer. Es ist ein karges Feld ohne einen Zentimeter Schatten, auf dem die Biker*innen die nächsten drei Tage zeigen, was sie aus ihren Maschinen rausholen können. Zwei junge Männer in gelben Warnwesten sprenkeln unaufhörlich Wasser auf die Rennstrecke, doch es nützt nichts.

Es sind 36 Grad, und als die ersten Motorräder starten, gleicht die Luft einem Red-only-Holifestival. Hier fährt, wem es egal ist, dass sein Motorrad mit anderen zusammenstößt, die Furchtlosen, die erst im letzten Moment die Kurve nehmen, die mehr Herausforderung erwarten als asphaltierte Straßen und Tempo-30-Zonen.

Goa in Bikerhand

Man muss sagen, dass es in Indien zunächst vor allem praktisch ist, auf zwei statt vier Rädern unterwegs zu sein. Wo Autos stecken bleiben, kommt man hindurch; die Kühe, die tatsächlich überall herumstehen, kann man elegant umfahren. Wer in Indien zum ersten Mal auf ein Motorrad steigt, dem sagen sie: „No rules. Just use the space.“ Gerne drängeln und schlängeln, aber niemanden berühren.

Motorrad fahren heißt aber auch, es sich leisten zu können. Die meisten Inder*innen fahren Roller, manche konnten ein Motorrad aus zweiter Hand ergattern. Die Ärmsten haben ein Fahrrad – oder nur ihre Füße.

Fahren ist Freiheit, aber eben nicht Wind im Haar und sich irgendwie selber spüren, sondern die Möglichkeit, sich zu bewegen, es raus zu schaffen aus den Orten ohne öffentliche Verkehrsmittel. Eine Royal Enfield beginnt bei 100000 Rupien, knapp 1300 Euro. Für die meisten unbezahlbar.

Im Norden Indiens, in der Nähe von Jodhpur steht an einem Highway ein Schrein für eine Royal Enfield Bullet: Ihr Fahrer starb an dieser Stelle, die Polizei stellte das demolierte Motorrad sicher, doch irgendwie, so erzählt man sich, kehrte die Bullet immer wieder an den Unfallort zurück. Heute steht sie dort in einem Glaskasten. Täglich kommen Hunderte, legen Blumen ab und beten für eine sichere Reise.

Jedes Jahr sterben in Indien fast 300000 Menschen bei Verkehrsunfällen, so viele wie nirgendwo sonst. Fahren kommt hier von Gefahr. Wer auf sein Motorrad steigt, der hofft. Der errichtet Tempel für Motorräder und fürchtet schwarze Katzen.

Clubs ohne Kutten

Auf der anderen Seite des Parkplatzes, im Hill Top, feiern normalerweise Auswander*innen Räucherstäbchen-Trance-Partys, aber dieses Wochenende ist der Outdoorclub das Epizentrum der Biker*innen, die lieber saufen als fahren wollen – oder denen es herzlich egal ist, wenn sie beides tun.

Haushohe Palmen spenden Schatten, neben der Bar reihen sich Streetfood-Stände aneinander, und vor der großen Bühne blasen Ventilatoren kühlen Nebel in die Menge. Das Klischee der gefährlichen Biker*innen kennt hier niemand. Motorradclubs sind hier ein bunter Zusammenschluss junger Männer, die gemeinsam durch ihre Heimatstädte brettern und Touren durchs Land machen.

Manche haben auch ein paar Frauen als Mitglieder, meist die Ehepartnerinnen. Statt Lederkutte tragen sie bunte Baumwollshirts als Erkennungszeichen. Lange Haare, schmale Brillen, Tattoos und dicke Silberringe sucht man hier vergeblich. Stattdessen Männer in traditionellen Wickelröcken, Frauen in prächtigen Saris. Ein Club trägt statt Helm kunstvoll gebundene Turbane in den Farben Indiens.

(Credits: Ishaan Bhataiya)

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