Leadership & Karriere Kolumne: Wie Pluralist:innen die neue Wirtschaft übernehmen

Kolumne: Wie Pluralist:innen die neue Wirtschaft übernehmen

von Massoud Mahgoli

Unser Kolumnist Massoud Mahgoli sieht in jungen Kreativen eine völlig neue Gattung, in der Unternehmertum, Mut und Neumachen zusammenkommen.

Ende der 90er-Jahre habe ich einen interessanten Shift wahrgenommen: Recording Artists waren plötzlich nicht mehr nur Rapper:innen oder Sänger:innen, sondern besetzten mehr als nur eine Kategorie, in der sie sich verwirklichten. In den Jahren davor war man als Kreative:r erfolgreich, weil man einen Skill derart gut beherrschte, dass man ihn einem großen Publikum zeigen und verkaufen konnte – auch und vor allem dank großer Publishing- und Booking-Industrien. Und dann? Dann kam Puff Daddy.

Der nämlich brachte damals, vor etwas mehr als 20 Jahren, seine Modemarke Sean John auf den Markt. Für einen Label-Betreiber und Rapper war das ungewöhnlich. Aber das Signal war riesig: Hier dachte jemand nicht nur in Bars und Rhymes, sondern branchenübergreifend und in ganz neuen Dimensionen. Puffy hat verstanden, dass es ebenfalls eine Kunst war, die Wirtschaft mit ihren riesigen Chancen zu bespielen. Das hat mich beeindruckt.

Noch mehr auf die Spitze hat es Pharrell Williams getrieben. Nicht nur spielte der alle Instrumente selber ein und sang, er war Producer der Neptunes, hatte in der Musikbranche überall den Daumen drauf. Dann aber wuchs er weiter: gründete ein Skate-Team, designte Schmuck und Uhren, ging eine Kollabo mit Adidas ein und ist mittlerweile Hotelbetreiber in Partnerschaft mit Party-Titan Dave Grutman in Miami.

Williams ist der Leuchtturm für das Selbstverständnis einer neuen Gattung von Kreativen: Er betrachtet sich selber als Pluralisten, als Neugierigen, als Einreißer und Neumacher. „Stop putting us into one box“, sagt er stellvertretend für die nachwachsende Generation von Künstler:innen, die vieles beherrschen. Und die mit ihren Projekten und Ideen und Einfluss mittlerweile weit über die Creative-Branche hinausgewachsen sind – sie sind eine wichtige Triebfeder der Wirtschaft geworden.

Ich frage mich: Liegt es daran, dass man als Creative und als Creator:in schlicht mehr Möglichkeiten hat, Kanäle zu besetzen und zu kommunizieren? Oder liegt es auch daran, dass die Wirtschaft ihrerseits interessiert am Experiment ist und frische Stimmen und Gesichter sucht? (In meiner ersten Kolumne habe ich mich intensiver damit auseinandergesetzt.) Jedenfalls sehe ich es auch an mir: Ich bin Designer, beherrsche das Handwerk. Doch ich suche bewusst die Kollaboration als Hebel, arbeite mit NBA-Star Dennis Schröder und der brasilianischen Fußballlegende Roberto Carlos zusammen. Ich streame auf Twitch und lade Vlogs auf Youtube hoch – ich fühle sehr diese Identität als Pluralist.

Ein anderes Fallbeispiel, um deutlich zu machen, wie sehr Gen Z diese Identität der Pluralist:innen verinnerlicht hat. Nehmen wir dazu Designer Justin Fuchs. In Deutschland wie auch international ist er zum Synonym für Erfolg für eine junge Generation geworden. Rapper wie Young Thug und Swae Lee tragen die Items von Peso, seiner Klamottenmarke. Dabei hat dieser junge Typ vor noch gar nicht langer Zeit als Bankkaufmann gearbeitet. Mittlerweile ist Justin Werbegesicht von YSL – Wahnsinn. Für die Old Economy ist er ein Partner, um den Nachwuchs einer jungen Generation zu erreichen. Content produziert er selber und ist so auf allen Kanälen sein eigenes wichtigstes Sprachrohr – der Bro hat sich frei gemacht von Medienmarken, die früher noch Kreative mit Beiträgen geadelt haben. Das alles kann die Zukunft von Kreativen sein – und sie baut auf dem Schritt eines Rappers auf, sich auch mal in Klamotten zu versuchen.

Aus dem Erfolg von Justin und meinen eigenen Erfahrungen lässt sich ableiten, dass man diese Zukunft nicht verpennen darf: Du bist Versicherungsvertreter:in bei der Allianz? Dann geh auf Twitch. Sei präsent. Richte feste Slots ein, in denen du erklärst und entertainst. Die Kreativbranche ist für alle da. Und sie belohnt die Mutigen.

Ich kann mich noch erinnern, wie ich aus meinem Brauerei-Job rausgegangen bin. Ich hatte mir parallel die Gaming-Branche angeschaut, doch vom Chef kam nur: „Was willst du? Computerspiele? Verkauf bitte Bier!“ Was soll ich sagen? Gaming ist ein wachsender Riesenmarkt. Der Kunde verkauft weiter Bier, ich schreibe jetzt diese Kolumne. Und auch Diddy hat zwischendurch noch einen Oscar als Producer geholt. Hat sich wohl für alle Seiten gelohnt.

Massoud MahgoliUnser Kolumnist sorgt mit seinen Cross-over-Werken international für Aufsehen und zählt einen erlesenen Kreis an Rappern, Sportlern und Schauspielern zu seinen Fans – unter anderem Dennis Schröder von den Los Angeles Lakers.

Im Dossier der vierten Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Thema Sales & Retail. Mit Blick auf unsere Titelgeschichte sei gesagt: Wir brauchen eine OnlyFans-Strategie! Außerdem ist es eine sehr musik- und kunstlastige Ausgabe geworden: Drangsal, Kool Savas, Ju Schnee, Simon Lohmeyer, Rapperin Little Simz – alle dabei. Dies und noch viel, viel mehr gibt es am Kiosk eures Vertrauens – oder wie immer hier im Aboshop.

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