Innovation & Future Das Center for Digital Technology and Management will jungen Menschen Gründertum antrainieren

Das Center for Digital Technology and Management will jungen Menschen Gründertum antrainieren

Wenn Klaus Diepold, Professor an der Technischen Universität München, mit Politikern über Innovation spricht, fordern diese eins: Universitäten sollen in den Transfer von Forschungsergebnissen investieren, damit Startups entstehen, die die Probleme der Zukunft lösen. „Dieser Transfer funktioniert nur sehr selten“, sagt Diepold. „Wir müssen Studierende zu Innovatoren von morgen ausbilden.“ Das ist genau das, was er und 19 weitere Professor:innen am Center for Digital Technology and Management in München machen, kurz CDTM.

Aus dem Center sind Menschen als Gründer:innen hervorgegangen, die etwa hinter Outfittery, Personio und Finn.auto stecken. Dabei ist es nicht das primäre Ziel des CDTM, Startups hervorzubringen. Vielmehr will es unternehmerisches Know-how vermitteln. Dafür hat es das Studium des Technology Management eingeführt. Das qualifiziert Absolvent:innen, auch in die Politik zu gehen oder für NGOs zu arbeiten. Die Zahlen zeigen jedoch, dass sich viele für die Gründung entscheiden. Mehr als 240 Startups sind am CDTM entstanden. Darunter sieben Einhörner, zum Beispiel Tier, Trade Republic und Foodora. Rund 5,4 Mrd. Dollar sind laut eigenen Angaben in die Startups geflossen.

Grassroot lautet die Devise

Das CDTM ist eine gemeinsame Einrichtung der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Universität München. Die Struktur sieht dabei Folgendes vor: Professor:innen der TU und LMU München, unter anderem auch Diepold, bilden den Vorstand, sind an organisatorischen und strategischen Entscheidungen des CDTM beteiligt. Das Managementteam kümmert sich um den Lehrplan des CDTM, baut das Netzwerk aus und betreut die Finanzierung. Zum einen tragen die beiden Münchner Universitäten die Einrichtung finanziell, zum anderen finanziert sie sich durch Forschungsgelder und Kooperationen mit Industriepartner:innen selbst.

Beim Studiengang Technology Management handelt es sich um eine Zusatzausbildung, die Studierende während ihres Hauptstudiums an der TU oder LMU durchlaufen. Gegründet wurde das CDTM vor mehr als 20 Jahren von den Professoren Arnold Picot und Jörg Eberspächer. Nach Vorbild des MIT wollten sie einen universitären Ort der Interaktion und Praxis in Deutschland kreieren. Denn für gewöhnlich besteht die Lehre an der Uni aus der Reproduktion bereits bestehender Inhalte. Selten dient sie dazu, etwas praxisnah und komplett neu zu erschaffen. Wer Lust auf Anpacken hat, ist hier sicherlich nicht ganz verkehrt.

Studierende sollen gemeinsam Projekte für Industriepartner:innen wie zum Beispiel Allianz oder Rolls-Royce umsetzen. Der Standort München ist dafür ideal, hat er doch den Vorteil der Nähe zur Industrie. „Wir können aus dem Vollen schöpfen, wenn es um die Suche nach Partner:innen aus Hightechunternehmen für das CDTM geht“, sagt Diepold. Wie findet man eine Marktgröße heraus? Wie entwickelt man ein Produkt? Diese Prozesse werden beim CDTM immer wieder erprobt, nicht bloß gelehrt. Wichtig. Denn spätestens bei Kund:innen driften Theorie und Praxis schnell auseinander.

Schon bei der Bewerbung für das CDTM durchlaufen Studierende einen harten Auswahlprozess. Erst schriftlich, dann persönlich in einem Assessment-Center.

Von ungefähr 300 Bewerbungen pro Semester werden 20 Studierende angenommen. Noten sind dabei nicht ausschlaggebend, sondern der Drive, etwas verändern zu wollen, die Bereitschaft, Extraarbeit zu leisten. Oder wie es Sebastian Schuon, Gründer von Alasco und selbst Alumni des CDTM, ausdrückt: „Salopp gesagt sind die Leute am CDTM, die zu Schulzeiten in Fachschaften tätig waren oder Partys organisiert haben und damit versucht haben, 10 Euro Eintritt zu kassieren.“

Die Formel für den Erfolg

Das ist mitunter ein Grund, wie Diepold den Erfolg des CDTM als kommerziellen Startup-Hotspot erklärt. Denn das CDTM ist für Studierende aller Fachrichtungen offen. Stichwort Interdisziplinarität. Hoch motivierte Studierende mit verschiedenen Expertisen aus Wirtschaft, Technik, Medizin und Kommunikation kommen in Gruppen zusammen. Ambitionen treffen auf Visionen und Visionen auf Träume. Ein „explosives Gemisch“, wie Diepold sagt. Nicht selten finden sich beim CDTM Gründerteams, da die Studierenden früh merken, ob sie ein Match made in Heaven sind – oder nicht.

Zweiter Grund für den Erfolg: das Erarbeiten von Soft Skills wie Selbstorganisation, Flexibilität und Scheitern. „Viele haben eine Idee und sind in diese ganz verliebt“, sagt Diepold. „Um Innovation voranzutreiben, braucht man aber einen immerwährenden Quell an Ideen. Dafür muss man Einfälle auch verwerfen.“ Das CDTM ist quasi ein Testfeld für angehende Gründer:innen. Entwickeln, ausprobieren und verwerfen ist der normale Zyklus für eine Gründungsidee. Den gilt es zu akzeptieren. Laut Diepold ist das die Essenz für unternehmerisches Handeln. Und diese Möglichkeit bietet das CDTM. Stellt sich nach monatelanger Arbeit heraus, dass eine Idee technisch zwar umsetzbar ist, sich mit ihr jedoch kein Geld verdienen lässt, hat das für die Studierenden keine Konsequenzen. Dann geht es an die Entwicklung der nächsten Idee.

Das Spielwiesenprinzip gilt auch bei der Realisierung der Projekte für die Partnerunternehmen des CDTM. Im schlimmsten Fall passiert nichts. Idealerweise gehen Best Practices hervor. „Damit ein Startup erfolgreich wird, muss es möglichst früh mit der Realität in Kontakt kommen“, sagt Diepold. „Und mit Realität meine ich zahlende Kund:innen. Die entscheiden letztendlich, ob eine Idee gut ist, und nicht irgendwelche Expert:innen.“ Es ist dieser Trial-and-Error-Mechanismus, der den Alumni des CDTM Vorteile bei einer Gründung verschafft. Den haben die meisten Startups nicht.

Der dritte Grund, weshalb so viele Startups aus dem CDTM hervorgehen, ist der Fokus auf Digitalisierung. Schaut man sich die Produkte der Startups des CDTM an, basieren die meisten auf digitalen Dienstleistungen. Das ist kein Zufall. Schuon gründete während seiner Zeit am CDTM die Onlineshopping-Plattform Stylight. 2018 dann die Controllingsoftware Alasco für die Bau- und Immobilienbranche. Hat man Digitalisierung und Gründung also einmal verstanden, lässt es sich branchenübergreifend anwenden.

Rein theoretisch vermittelt das CDTM genug Wissen, um in Seriengründung gehen zu können. „Es reicht heutzutage nicht aus, coole Tools zu kennen“, sagt Schuon. „Wir brauchen Menschen, die im Zuge der Digitalisierung gute Führungskräfte im Change-Management sind.“ Daten zu verstehen hat am CDTM eine hohe Priorität. Da es eine universitäre Einrichtung ist, wird neben der Hands-on-Praxis auch geforscht. Doch auch hier behält sich das Center vor, wirtschaftlich zu denken. Der Schwerpunkt liegt auf neuen Technologien, die in naher Zukunft ready für den Markt sein werden – und Studierende von neuesten Erkenntnissen profitieren lassen.

Erfolg im dritten Anlauf

Letzter Erfolgsgrund: Das CDTM bietet ein großes Netzwerk. Mehr als 1 000 Studierende haben bereits nach dem Technology-Management-Studium den Honours Degree erlangt, der im Rang mit einem einjährigen Masterstudium zu vergleichen ist. „Das Netzwerk ist nicht zu unterschätzen“, sagt Schuon. „Man kann davon ausgehen, dass alle Leute, die beim CDTM waren, die gleichen Werte haben und sich gegenseitig helfen. Gerade Vorbilder sind beim Gründen wichtig.“ Im Gespräch mit Diepold und Schuon fällt oft der Name Hanno Renner, Gründer von Personio. Das war Renners dritter oder vierter Anlauf, sagt Diepold. Eigentlich arbeitete Renner an einer Software, die verhindern soll, dass Autos zu schnell und zu dicht an Schulbussen vorbeifahren. Dieses Beispiel verdeutlicht, was Diepold meint, wenn er sagt, Ideen müssen verworfen werden, damit neue entstehen können.

Es zeigt aber auch: Während Diepold im Gespräch mit Politiker:innen Ratschläge gibt, wie man Innovation fördern kann, nämlich durch Bildung, gibt er seinen Studierenden als Mentor keine. Lieber stellt er die richtigen Fragen, damit sie ihre Pain-Points selbst analysieren. Schon einmal lag er bei einer Gründungsidee falsch. Das war, als Schuon mit der Idee für Stylight zu ihm kam. „Mode aus dem Internet. Was ein Schmarrn, dachte ich da. Das war 2008“, sagt Diepold. „Sieben Jahre später haben sie Stylight für mehrere Millionen an Pro Sieben verkauft. Gut, dass er nicht auf mich gehört hat.“


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