Leadership & Karriere All the way up: Was ich als „Arbeiterkind“ für das Berufsleben gelernt habe 

All the way up: Was ich als „Arbeiterkind“ für das Berufsleben gelernt habe 

Geht es um soziale Ungleichheit, kommen schnell Themen wie Herausforderungen auf den Tisch. In ihrer Artikel-Serie schildert unsere Redakteurin Nicole ihre Erfahrungen und will sozialen Aufstieg von einer mutmachenden Perspektive beleuchten.

„Ich bin Sailor Moon und im Namen des Mondes, werde ich dich bestrafen“: Ja, es ist mein ernst, einen Text so anzufangen. Ja, ich mag Popkultur. Und Ja, sie macht den Großteil meiner Bildung aus. Warum? Als „Arbeiterkind“ bin ich vor dem Fernseher groß geworden. Das ist eines von vielen Alleinstellungsmerkmalen, das ich gegenüber meinen Freund:innen aus akademischen Familien habe.

Statt etwas über Marx, Brecht, Bach oder die römische Antike, weiß ich zuverlässig, dass sich Schiggy zu Schillok und dann zu Turtok weiterentwickelt. Den Titelsong zu „Sailor Moon“ habe ich ebenfalls noch im Kopf. Dank ihr konnte ich mir easy alle Planeten unseres Sonnensystems merken. Detektiv Conan sorgte bis ich 19 war, dafür, dass ich eigentlich Kriminalpolizistin werden wollte.

Meine Beziehung zu Goethe hingegen, ist insofern gefestigt, als dass ich ihn während meines Praktikums hier bei Business Punk im Newsletter direkt mit „ö“ geschrieben habe. Das sagt alles. Sorry not sorry. Geschadet hat es mir übrigens nicht. Im Gegenteil, in der Uni habe ich in sämtliche Themen Popkultur untergemischt. War immer wieder was Neues. „Löwenzahn“ und „Die Sendung mit der Maus“ habe ich nie gesehen. Das war mir zu langweilig. 

Der AHA-Moment

Ich war Anfang 20 als ich den Begriff „Arbeiterkind“ überhaupt zum ersten Mal gehört habe. Ich war Anfang 20 als ich merkte: „Ich bin ein ‚Arbeiterkind’“.

Der Aha-Moment fuhr in mich bei einem Interview für das Campusmagazin während meines Bachelorstudiums. Ich sprach mit jemanden von Arbeiterkind.de. Natürlich hatte ich das Interview vorbereitet. Aber ich dachte naiverweise, es seien mit dem Begriff nur Menschen gemeint, deren Eltern Handwerker:innen sind. Ich kannte mich nunmal nicht aus – bis zu diesem Moment.

Meine Eltern haben nicht studiert? Check. Entfremdung der sozialen Herkunft? Check. Fremdfühlen im neuen Milieu? Check. Das Mindset, das Studium möglichst schnell zu Ende zu bringen, um Geld zu verdienen? Check. Auslandssemester? Was für ein Auslandssemester? Unbezahltes Praktikum? Wildcampen ist in Deutschland verboten.

„Arbeiterkind“. Interesting. Ich konnte mit diesem Wort partout nichts anfangen – und kann es bis heute nicht. Erstens: Ich bin kein Kind mehr. Zweitens: Auch Akademiker:innen arbeiten. Deswegen setze ich den Begriff in Anführungszeichen.

Nachdenklich machte mich das Ganze trotzdem. Denn von 100 „Arbeiterkindern“ gehen gerade mal 27 an die Universität. Bei Kindern aus Akademikerfamilien sind es 79 von 100. Ich konnte nicht glauben, dass die Zahlen so niedrig sind. Meine Eltern zeigten mir den Weg auf, auch wenn sie nie verstanden haben, was ich da eigentlich wirklich gemacht habe. Und ich manchmal ehrlicherweise auch nicht. Für meine Großeltern ging ich einfach eine Ewigkeit „in die Schule“. 

Ein weiterer Vorteil meines Daseins als „Arbeiterkind“: Das Vorbild einer arbeitenden Mutter. Was jetzt hoch im Diskurs ist, habe ich seit ich denken kann. Dementsprechend war für mich auch immer klar, dass ich irgendwie eine Art von Karriere machen will – und dafür hart arbeiten muss. Anders hart als meine Eltern, weil anderes Milieu.

Fun Fact: In der Schule hatte ich sogar eine ganz lange Zeit Mitleid mit den nicht-arbeitenden Müttern meiner Freund:innen. Ich dachte, sie würden einfach keinen Job finden. Dass es mehr Privileg als Not war, das habe ich als Teenagerin dann auch irgendwann begriffen. 

Wertvolle Soft-Skills

Ich bin mir sehr sicher, dass viele „Arbeiterkinder“ einige Soft-Skills gemeinsam haben, weil ihr Weg sie geprägt hat und man früh anfangen musste, sich zu beweisen. Das soll übrigens auch nicht bedeuten, dass Menschen anderer sozialer Herkunft diese nicht auch intus haben. Ich finde nur wichtig, nicht immer nur die Herausforderungen von „Arbeiterkindern“ zu thematisieren, sondern aufzuzeigen, dass sie dadurch Fähigkeiten haben, die für das Berufsleben essentiell sind. There we go:

  • hohes Maß an Selbstständigkeit 

Wenn niemand da ist, muss man selbst auf die Lösung oder den Weg kommen. Gleiches gilt, sich selbst zu strukturieren und die Zeit einzuteilen. Mir konnte niemand einen Lernplan erstellen oder mir sagen, dass das, was ich bisher gemacht habe, ausreichend ist. Dazu waren meine Eltern zu wenig im System involviert.

  • Verantwortungsbewusstsein

Klingt vielleicht nach einem Soft-Skill aus Zeiten vor New Work, ist aber meiner Meinung nach Goldwert. „Arbeiterkinder“ lernen früh, dass sie für sich selbst verantwortlich sind, wenn sie einen anderen Weg gehen möchten als ihre Eltern. Man ist sich über die Verantwortung einem selbst gegenüber bewusst und das überträgt sich auf die Arbeitswelt. Entscheidungen und Projekte werden gut durchdacht, weil man selbst für sie grade steht. Man will es nicht verkacken, hat man einmal das Vertrauen der Vorgesetzten.

  • Resilienz 

„Arbeiterkinder“ müssen sich immer wieder in ihrem Umfeld rechtfertigen, warum sie den akademischen Weg gehen und nicht einen anderen. Klar, die Eltern machen sich Sorgen. Der Kosmos ist ihnen fremd. Das Studienfach ist in ihren Augen nicht immer etwas Handfestes. Wenn man jahrelang dagegen anhalten muss, entwächst dem Resilienz.

Der Stolz der Eltern kommt meist erst, wenn die Sorge sich verabschiedet hat. Und das ist bei „Arbeiterkindern“ später der Fall als bei Eltern, die selbst einen akademischen Hintergrund haben und wissen, dass dieser Weg nun mal länger dauert. Außerdem muss man echt viele Klinken putzen, bis sich mal eine Tür öffnet, weil man durch das fehlende Netzwerk nicht direkt an die richtigen Leute kommt. Immer weiter zu machen, trotz Zurückweisung: Resilienz.

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