Leadership & Karriere Bewerbungsgespräche in Zoom-Zeiten: Wie überzeugt man im Call?

Bewerbungsgespräche in Zoom-Zeiten: Wie überzeugt man im Call?

Ich bin ein schlimmer Anblick: Was bitte machen meine Hände da? Verdecken mein halbes Gesicht, fuchteln wild hin und her. Dann immer wieder diese seltsame Geste mit beiden Handinnenflächen zur Kameralinse. Was soll das heißen? „Schön, dass ihr da seid!“ vielleicht? Wäre ich Selbsthilfeguru, dann ginge das in Ordnung. Als ernsthafter Bewerber bei Jess Penkhues und Jolijn Adriaansen, die bei Google in München als Personaler:innen arbeiten, hätte ich hingegen bereits den ersten groben Fehler begangen. Da bin ich sicher. Zum Glück ist das hier aber kein echtes Vorstellungsgespräch, sondern ein journalistisches Videointerview.

Seit Beginn der Pandemie führen wir immer mehr Gespräche vor dem Monitor, auch Bewerbungsgespräche. Und während es ungezählte Ratgeber für klassische Gesprächssituationen gibt, finden sich seltsamerweise noch immer kaum Tipps für diese Konstellation. Am Ende läuft es beim Vorstellungsgespräch für einen Job auf ein einziges Ziel hinaus: in einer sehr künstlichen Situation echt wirken.

Virtuell oder nicht, es bleibt eine spezielle Mischung aus Bühne und Folterkammer. Aber wer einen Job will, kann sich nicht davor drücken. Genau darüber will ich mit Penkhues und Adriaansen sprechen: Also, wie lande ich in einem Videocall den Job? Erste Lektion: Selbstbeobachtung hilft. Und: Hände weg vom Gesicht.

Teil I: Die Google-Recruiter:innen

Wenn jemand wissen muss, wie man trotz der widrigen Umstände überzeugt, dann sind es Jess Penkhues und Jolijn Adriaansen. Beide arbeiten im Personalbereich für Google in München. Interviews mit Bewerberinnen und Bewerbern für Techjobs sind ihr täglich Brot.

1. Die Generalprobe muss schiefgehen

Der erste Tipp ist nicht überraschend, wird aber oft unterschätzt: Die Technik muss fehlerfrei laufen. Also: das Videotool einmal testen, bevor man den entscheidenden Menschen virtuell begegnet. Wer sich bei Google bewirbt, hat dafür die Möglichkeit, einen Testcall durchzuführen, nur um die Übertragungsqualität zu prüfen. Auch bei anderen Unternehmen ist das einen Versuch wert. Denn es hilft, den Worst Case zu vermeiden: Störungen am Mikro, ein Rauschen oder Pfeifen etwa. Einen schlechteren ersten Eindruck kann man virtuell gar nicht hinterlassen. Und es ist besser, wenn man den Mikrofehler nicht erst an den schmerzerfüllten Gesichtern der Recruiter:innen bemerkt.

2. Zeig mir, wie du wohnst (ein bisschen)

Lektion zwei: Was man anzieht, ist gar nicht so wichtig. „Manchen ist Business Casual lieber, andere kommen in ihrem gemütlichsten Outfit. Das macht gar keinen Unterschied“, sagt Adriaansen. Trotzdem bitte an eine Hose denken. Denn wer weiß, ob man nicht einmal aufstehen muss. Und Achtung: Im Videocall ist das eigene Zimmer so etwas wie das zweite Outfit. „Viele denken, eine weiße Wand sei das Beste. Das stimmt nicht. Wir freuen uns darüber, etwas Persönliches im Hintergrund zu sehen. Aber man muss sich überlegen, was man lieber nicht zeigen möchte.“ Also weg mit dem Microsoft-Poster, den verkrusteten Getränkeresten auf dem Schreibtisch und der halb toten Grünlilie.

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3. Stay hydrated

Die nächste große Herausforderung: herumliegende Stifte. Nervöses Spielen mit Büroartikeln sei keine gute Idee, es wirke desinteressiert, sagt Penkhues. „Der Schreibtisch sollte so sauber wie möglich sein, möglichst wenig Ablenkung.“ Aber eins sollte draufstehen: ein Glas Wasser. „Für den Fall, dass man auf eine Frage erst mal keine Antwort weiß – und so eine Pause zum Trinken und Nachdenken einlegen kann. Und auch ganz einfach, um den Durst zu stillen.“ Selbst wenn es nur ein kleines Detail ist, kann das Wasserglas im häuslichen Umfeld Professionalität vermitteln. Es zeigt: Der Bewerber hat mitgedacht und sich so eingerichtet, dass das Gespräch ohne Unterbrechungen ablaufen wird. Mittendrin aufzuspringen, weil die Kehle austrocknet, wäre weniger gut.

4. Lieber eine Katze haben als eine Katze sein

Der Inbegriff des virtuellen Heimeinblicks sind freilich ins Bild rennende Kinder oder Haustiere. „Das ist völlig in Ordnung und normal“, sagt Penkhues. „Das ist ja auch immer ein guter Anlass für Smalltalk.“ Das Problem bei Bewerbungsgesprächen am Monitor ist, dass man über etwas Belangloses redet, das trotzdem interessant wirken soll. „Scheint bei Ihnen in München die Sonne? Hier in Berlin stürmt es wieder.“ Besser als das Wetter aber sind Details, die etwas über die Bewerber:in verraten – eben die Haustiere.

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Die sind überall – und wer sie nicht liebt, hat zumindest eine klare Meinung zu ihnen. Das besondere Plus im Videocall: Selbst Menschen mit Katzenhaarallergie können den Anblick ungefährdet genießen. Während Katzen gut sind, sind Katzenfilter über dem Gesicht weniger professionell. Der US-Anwalt Rod Ponton brachte es damit zu Internet-Fame, als er in Gestalt einer flauschigen Katze in einer Zoom-Anhörung vor Gericht auftrat. „Ich bin hier, live. Ich bin keine Katze“, erklärte er. „I can see that“, erwiderte der Richter. Lektion vier muss deshalb lauten: keine Filter.

5. Schau mir in die Augen, äh … Kamera

Nächstes Learning: Blickkontakt halten. „Wichtiger, als man denkt“, sagt Adriaansen. Wenn die Körpersprache schon auf einen zweidimensionalen Bildschirm reduziert ist, wird die Mimik umso wichtiger. Das mit dem Augenkontakt ist im Videoanruf natürlich schwierig. Streng genommen erfordert er, direkt in die Kamera zu schauen. Dann sieht man aber nicht, wie die Gegenüber reagieren. Adriaansen empfiehlt deshalb unbedingt, die Übertragung auf dem gleichen Monitor laufen zu lassen, an dem sich auch die Kamera befindet. Ansonsten entsteht der Eindruck, man schaue ständig abgelenkt an den Gesprächspartnern vorbei oder über sie hinweg. Das kommt nicht gut an. „Blickkontakt schafft ein Gefühl der Verbindung.“

6. Ungefragt fragen

Videoanrufe haben einen gleichmachenden Aspekt. Plötzlich sind da nicht mehr Eingeladene und Heimspieler:innen. Während sich sonst die Recruiter:innen in ihrem eigenen Büro viel wohler fühlen als die Bewerber:innen, sind im Videoanruf beide Seiten in ihrem vertrauten Umfeld. Viele Menschen gehen trotzdem in ein Vorstellungsgespräch, als seien sie zur Inquisition geladen. Beantworten nervös die Fragen der HR und hoffen dabei zuallererst, nichts falsch zu machen, sich nicht bei Fehlern ertappen zu lassen.

Besser ist es, einen echten Dialog zu führen. „Fragen zur Kultur bei Google und im betreffenden Team zeigen echtes Interesse“, sagt Penkhues. Grundsätzlich ist der Videocall ja eine informationstechnisch abgespeckte Version des echten Gesprächs. Man sieht das Büro nicht, bekommt keine Interaktion vor und nach dem Gespräch mit, kann sich nicht vergewissern, dass der Kaffee schmeckt. Deshalb gilt hier erst recht, dass man die Recruiter:innen löchern darf.

7. Zu viel des Guten ist nicht gut

Mehr Kontrolle über die Selbstinszenierung vor der Kamera bringt aber auch eine Gefahr mit sich: Im Videogespräch kann es passieren, dass sich Bewerber:innen zu perfekt präsentieren. „Wenn es ein gewöhnliches Gespräch ist, hättest du ja normalerweise kein Blatt mit Notizen neben dir liegen. Virtuell ist das aber verlockend“, sagt Jolijn Adriaansen. Grundsätzlich sei das auch keine schlechte Idee. Trotzdem gilt es, die ewige Lektion zu beherzigen: Stay real. „Man sollte das Gespräch trotzdem natürlich fließen lassen“, sagt Adriaansen. Die beste Vorbereitung ist eine, die unsichtbar bleibt.

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