Prof. Dr. Jochen A.
Werner
Essen
Interview: Oliver: Guten Morgen, Jochen.„Wir werden den Wandel nur schaffen, wenn wir Digitalisierung nicht als Technik, sondern als Haltung verstehen.“Prof. Dr. Jochen A. Werner Jochen Werner: Guten Morgen, Oliver. Oliver: Sag mal, wer bist du eigentlich?…
Interview:
Oliver: Guten Morgen, Jochen.
„Wir werden den Wandel nur schaffen, wenn wir Digitalisierung nicht als Technik, sondern als Haltung verstehen.“Prof. Dr. Jochen A. Werner
Jochen Werner: Guten Morgen, Oliver.
Oliver: Sag mal, wer bist du eigentlich?
Jochen Werner: Ja, Jochen Werner, 66 Jahre alt, echtes Nordlicht, komme aus Flensburg, Mutter Dänen, Vater Hamburger. Dann ging es weiter nach Kiel, dann nach Mittelhessen, Marburg, dann nach Essen. Ich war Arzt, habe die Marburger Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik geleitet, dann bin ich ins Krankenhausmanagement gegangen, habe zehn Jahre die Essener Uniklinik geleitet, viel erlebt – und jetzt sitze ich hier.
Oliver: Jetzt sitzt du hier und leitest die nicht mehr. Du hast gerade einen Switch gemacht. Ich kann nur sagen: Ich sitze einem strahlenden, braun gebrannten Typen gegenüber – der sieht nicht aus, als würde er gerade die Hände in den Schoß legen.
Jochen Werner: Nee, gar nicht. Ich habe ja mit Aleksandar Jorzic und David Matusiewicz CENIXD gegründet – eine Firma, mit der wir Digitalisierung vorantreiben wollen. Jetzt bin ich seit ein paar Wochen im Ruhestand – und es ist die beste Phase meines Lebens. Der Druck ist weg. Wenn du für 11.000 Leute verantwortlich bist, ist das eine Riesenlast. Jetzt mache ich, worauf ich Lust habe – und ich genieße das sehr.
Oliver: Was macht ihr genau?
Jochen Werner: Wir treiben Digitalisierung voran – auch gesellschaftlich. Wir wollen Bürokratie abbauen, Prozesse verbessern, Menschen zusammenbringen. Wir machen Fortbildungen und Veranstaltungen – nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch darüber hinaus. Gesundheit geht heute nicht mehr ohne Bildung, Mobilität, Digitalisierung. Es braucht Kompetenzen in allen Bereichen – nicht nur Vernetzung.
Oliver: Jetzt kommt aber ja die KI. Digitalisierung war das Ding der letzten 20 Jahre. Jetzt sind wir schon eine Welle weiter. Kommst du da noch mit?
Jochen Werner: Wunderbar – absolut! Aber: Wir kommen auf die neue Welle (KI) nicht drauf, wenn wir die alte (digitale Infrastruktur) noch nicht geschafft haben. Trotzdem: Ich habe erlebt, wie KI im Gesundheitswesen Diagnostik und Therapie verbessert – z. B. in der Radiologie. KI macht keine Fehler aus Müdigkeit oder Stress. Sie lernt ständig weiter. Oder im Labor – das ist heute komplett KI-gesteuert. Der Mensch allein kann das gar nicht mehr leisten.
Oliver: Das heißt, du umarmst KI?
Jochen Werner: Absolut. Diagnostik wird besser und schneller, Therapie wird präziser. Ärzt:innen werden sich verändern – sie werden mehr Begleiter:innen, Erklärer:innen, Präventionsberater:innen. Prävention ist vernachlässigt. KI kann da helfen – zum Beispiel mit Monitoring. Mein iPhone hat mir kürzlich eine Veränderung der Herzfrequenz über drei Wochen gemeldet – nach einer Medikamentenumstellung. Die Maschine erinnerte mich: Geh mal zum Kardiologen. Das ist gut!
Oliver: Du bist ja ein Nordlicht. Was für ein Ort ist das hier für dich?
Jochen Werner: Sensationell! Ich war vorher in Marburg, Bad Homburg. Dann kam das Angebot aus Essen. Unsere Freunde sagten: Oh Gott, Ruhrgebiet. Aber wir sagten: Wir gucken mal. Und wir fanden es super: Die Leute sind offen, freundlich, herzlich – kein Gehabe. Ich wüsste nicht, ob es eine bessere Region gibt.
Oliver: Was für ein wirtschaftlicher Standort ist das hier?
Jochen Werner: Gigantisch! Aber: Das Ruhrgebiet schöpft sein Potenzial noch nicht voll aus. Hier gibt es so viele Städte, so viele Kräfte – aber es ist oft nicht gebündelt. Das Ruhrgebiet muss sich mehr als Einheit verstehen. Essen z. B. ist ein starker Standort für Gesundheitswirtschaft – aber da hängt alles zusammen: Mobilität, Bildung, Digitalisierung.
Oliver: Stell dir vor, vor fünf Jahren hätte dich ein Angebot aus Hamburg oder Berlin erreicht. Hättest du gezuckt?
Jochen Werner: Nein. Ich war designierter Nachfolger an der Charité in Berlin – das ist damals an einer Gender-Thematik gescheitert. Dann kam Essen. Und wenn man mir fünf Jahre später ein Angebot gemacht hätte: Ich hätte es nicht gemacht. Ich war hier nicht fertig. Und heute? Keine Chance. Ich hatte eine großartige Zeit – und würde nichts daran ändern wollen.
Oliver: Strukturwandel ist ein Riesenthema im Ruhrgebiet. Hast du den erlebt?
Jochen Werner: Absolut. Essen, RAG-Stiftung, das Ende der Steinkohle – das prägt die Menschen. Aber ich spüre auch Aufbruch. Start-ups, Technologie, junge Leute – besonders im Gesundheitsbereich. Das ist für mich Strukturwandel. Die Masse an motivierten Menschen hier – das ist Power.
Oliver: Kann das Ruhrgebiet ein Vorbild für andere Regionen im Wandel sein – z. B. Automobilregionen?
Jochen Werner: Vielleicht. Aber: Es hängt immer an Menschen. Treiber müssen aus der Region kommen – mit DNA, mit Glaubwürdigkeit. Zugereiste, die meinen, sie erklären jetzt, wie es geht – das funktioniert nicht. Du brauchst Treiber mit Akzeptanz.
Oliver: Gibt es jemanden, den du mit dem Ruhrgebiet verbindest?
Jochen Werner: Herrhausen. Was der geleistet hat – Wahnsinn. Ich habe das im Initiativkreis Ruhr erlebt. Große Unternehmen, die gemeinsam investieren. Herrhausen war verbindlich: Samstag 11 Uhr hieß – alle sitzen da. Das imponiert mir. So bewegt man Dinge.
Oliver: Du schätzt Verbindlichkeit.
Jochen Werner: Ja. Heute ist vieles locker. Aber Verbindlichkeit ist wichtig. Wenn ich eine Verabredung habe, dann habe ich sie – und wenn was dazwischenkommt, dann melde ich mich. Das ist heute genauso wichtig wie früher.
Oliver: Wie siehst du die kommende Generation?
Jochen Werner: Ganz anders als wir. Früher haben wir gewartet, bis der Chef zur Visite kam – auch um 21 Uhr. Heute sagen sie um 17 Uhr: Ich gehe jetzt. Das habe ich früher verurteilt, heute verstehe ich es. Aber: Mir fehlt manchmal die Tiefe, die Leidenschaft fürs Handwerk, fürs Wissen. Vielleicht braucht es das bald nicht mehr – aber ich wünsche mir trotzdem, dass man noch richtig reingeht in die Arbeit. Trotzdem: Ich habe großen Respekt. Diese Generation hat große Aufgaben vor sich – die wir mit verursacht haben. Da sollten wir nicht mit dem Finger zeigen.
Oliver: Wenn du die Augen zumachst – wo im Ruhrgebiet bist du am liebsten?
Jochen Werner: In Essen – am Baldeneysee oder an der Ruhr. Ich komme vom Wasser – ich brauche Wasser. Wir gehen dort viel spazieren, fahren Boot. Das gibt mir Kraft.
Oliver: Wir leiden ja ein bisschen unter Schalke. Hast du das verfolgt?
Jochen Werner: Klar! Ich bin Fußballfan – sympathisiere mit Bayern, aber Schalke war mal fast Meister. Ich war im Stadion, als Raúl spielte – das war besonders. Schalke hat sich selbst im Weg gestanden. Die Gazprom-Geschichte war schwierig. Aber Schalke gehört in die Erste Liga. Dortmund, Bochum, Essen – das ist Fußballregion. Als ich kam, war Essen in der Vierten Liga. Mit der Initiative „Essen hoch 3“ wollten wir in die Dritte Liga – hat geklappt. Jetzt: zweite Liga, bitte!
Oliver: In diesem Sinne – Glück auf!
Jochen Werner: Glück auf! Vielen Dank – das war sehr, sehr nett.