Sebastian Galla
„Ich finde, im Ruhrgebiet ticken die Leute anders, weil sie nicht im Sprint-, sondern im Marathontempo denken und Themen über einen längeren Zeitraum verfolgen.“
„Ich finde, im Ruhrgebiet ticken die Leute anders, weil sie nicht im Sprint-, sondern im Marathontempo denken und Themen über einen längeren Zeitraum verfolgen.“

Sebastian Galla

Geschäftsführer, brandneo I Vordenker für Social Media, Memekultur und moderne Markeninszenierung
Pottografie

Sebastian Galla ist Gründer und Geschäftsführer der Dortmunder Social-Media-Agentur brandneo. Mit seinem Team entwickelt er digitale Kampagnen für internationale Marken, Künstler und Entertainment-Formate. Seine Arbeit verbindet strategisches Markenverständnis mit einem tiefen Gespür für Plattformlogiken, Popkultur und Memekultur. Geprägt von der Mentalität des Ruhrgebiets setzt er auf langfristigen Markenaufbau statt kurzfristiger Aufmerksamkeit, auch im schnelllebigen Social Media. Mit Projekten für große Streaming- und Musikunternehmen zeigt er, dass kreative Exzellenz und internationale Relevanz auch abseits klassischer Metropolen entstehen können.
Interview mit Business Punk Chefredakteur Oliver Stock: [Oliver Stock]: Hallo Sebastian, stell dich doch bitte kurz vor. [Sebastian Galla]: Ja, ich bin Sebastian Galla, 42 Jahre alt, lebe in Recklinghausen, dort auch born and raised und bin Gründer und Geschäftsführer der Agentur brandneo in Dortmund. [Oliver Stock]: Recklinghausen ist natürlich eine Weltstadt. Aber wie erklärst du Leuten, die Recklinghausen nicht kennen, was das ist? [Sebastian Galla]: Recklinghausen ist tatsächlich die größte Kreisstadt der Welt. Recklinghausen selbst hat zwar nicht besonders viele Einwohnerinnen und Einwohner, ist aber ein wichtiger Ort zwischen den großen Städten wie Dortmund und Bochum. Von Recklinghausen aus ist man überall in nur einer halben Stunde, weshalb es ein ziemlich toller Ort zum Leben ist. [Oliver Stock]: Was zeichnet für dich das Ruhrgebiet aus? [Sebastian Galla]: Ich glaube, das Ruhrgebiet zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschen hier eine Machermentalität haben. Das hört man, glaube ich, ständig, wahrscheinlich auch hier in jedem Interview. Ich glaube aber, das Ruhrgebiet zeichnet sich deshalb aus, dass die Menschen hier besonders beständig sind und auf eine gewisse Art und Weise auch loyal. Sie arbeiten ziemlich lange an Themen und sind nicht auf das schnelle Thema aus, um schnell etwas umzusetzen. Das erlebt man als Marketier in den Hochburgen Düsseldorf, Hamburg und Berlin immer wieder, wo man versucht, mit einer Kampagne schnell ein Momentum zu erschaffen. Ich finde, im Ruhrgebiet ticken die Leute anders, weil sie nicht im Sprint-, sondern im Marathontempo denken und Themen über einen längeren Zeitraum verfolgen und sehr hart daran arbeiten. Das ist auch die Schule und Mentalität, die mir beigebracht wurde. Tatsächlich war ich in all meinen Jobs immer mehrere Jahre an einem Ort: sechs Jahre, dann neun Jahre und jetzt bin ich bei brandneo auch schon wieder seit sieben Jahren. Es ist also eine eher langfristige Dynamik, in der trotzdem viel passiert. Das zeichnet eben die Menschen und die Art und Weise, wie hier gearbeitet und gelebt wird, aus. [Oliver Stock]: Welche Projekte habt ihr bei brandneo im Ruhrgebiet und darüber hinaus? [Sebastian Galla]: Witzigerweise haben wir bei brandneo weniger Projekte im Ruhrgebiet, sondern sind tatsächlich eher nach außen hin gerichtet. Das finde ich aber trotzdem schön, weil wir so im Ruhrgebiet ein Hidden Champion sind. Wir sind vor allem im Bereich Social Media tätig, das heißt, wir bespielen Kanäle wie Instagram, TikTok, Facebook und Co. Das machen sehr viele Agenturen. Ich hoffe und denke, dass wir das gar nicht so schlecht machen, denn wir arbeiten mittlerweile für viele große Unternehmen. Ich darf die Namen teilweise nicht nennen, wegen NDA und so weiter. Dazu gehören aber große Streaming-Anbieter und Musikunternehmen. Wir arbeiten also ganz oft für Künstlerinnen und Künstler wie Bruno Mars, Helene Fischer, aber auch für Game of Thrones und Co. Wenn man diese Serien kennt, dann hat man eine Vorstellung davon, in welchen Sphären wir unterwegs sind. All das machen wir aus Dortmund heraus und haben auch den Kernstamm unserer Mitarbeitenden hier im Ruhrgebiet. Das finde ich toll, denn so wird gezeigt, dass das Ruhrgebiet eine Kommunikationshochburg sein kann und man nicht in andere Städte gehen muss, um gute Werbung und Kommunikation zu machen. [Oliver Stock]: Und wenn du dir jetzt noch einmal die Gesamtlage mit den vielen Menschen und kulturellen Einflüssen hier vor Augen führst, wie verändert sich aus deiner Sicht das Marketing durch das, was du hier erlebst? [Sebastian Galla]: Ja, wir sind hier generell eine sehr industriell geprägte Region. Das heißt, es gibt hier weniger Fast Moving Consumer Goods, sondern eher die gute alte Industrie und die Corporates, die mit ihren Dienstleistungen und Unternehmen über lange Zeit hinweg groß geworden sind. Ich finde, wir haben hier ein beständiges Marketing, genauso wie die Menschen beständig sind. Es geht also weniger darum, mit einem großen Plakat schnell Aufmerksamkeit zu erregen, sondern Vertrauen aufzubauen und das über Zeit. Und ich glaube, dass das grundsätzlich die richtige Art und Weise ist, Kommunikation und Marketing zu betreiben, nämlich langfristig eine Beziehung zu Konsumentinnen und Konsumenten aufzubauen. Und das versuchen wir eben auch in das schnelllebige Social Media zu übertragen. Das verstehen viele von außen gar nicht, weil man auf Instagram und Co. schnelle Videos sieht und alles schnell gehen muss. Aber tatsächlich ist es auch dort ein Marathon und kein Sprint. Man muss Vertrauen über Zeit aufbauen und braucht viele Kontakte, damit eine Marke überhaupt in Erinnerung bleibt. Das ist eben ein Kernaspekt davon. [Oliver Stock]: Wir sind ja jetzt bei Business Punk frech und irgendwie doch klassisch, also Wirtschaft trifft auf Provokation. Wie siehst du dieses Geschrei-Marketing auf der einen Seite und die fachliche Tiefe auf der anderen Seite? Wie kriegt ihr es hin, diese Geschwindigkeit und diese Tiefe miteinander zu verbinden? [Sebastian Galla]: Ja, das Internet hat per se eine eigene Sprache. Im Maximum des Ausdrucks sind das beispielsweise Memes, also eine Form der Kommunikation, bei der man sehr laut ist, indem man einen wilden Text mit einer lustigen Bildsprache kombiniert. Dadurch schafft man beispielsweise einen satirischen Kontext und kommuniziert Botschaften und Sachverhalte auf eine neue Art. Ich glaube, das macht es aus. Man muss eben verstehen, wie das Internet funktioniert, tickt und diese Schnelllebigkeit in Sprache übersetzen, beispielsweise in Form von Memes. Und da haben wir auch einen riesigen Case aufgebaut. Das ist eine Seite, die heißt Agenturboomer, ein riesiger Meme-Kanal mit Leuten aus der Marketing-Bubble. Wir haben das Meme-Game so ein bisschen durchgespielt. Das Coole ist: Vor ein paar Jahren war das noch verpönt. Der Corporate-Kanal ist heilig, bloß keine Memes, und alles muss irgendwie sauber und akkurat sein. Heute sind wir da viel offener. Wir können genau diese Sprache aus dem Internet übertragen und damit auch genau die Zielgruppe erreichen. Denn die Leute wollen lustigen und aufmerksamkeitsstarken Content und keine langweilige Botschaft. [Oliver Stock]: Kannst du ein konkretes Beispiel für eines eurer Projekte nennen, das für dich besonders ist? Vielleicht, weil es besonders wichtig war oder einen großen Einfluss hatte? [Sebastian Galla]: Ja, wir haben tatsächlich ein tolles Projekt für ein Unternehmen aus Dortmund. Es geht um das Unternehmen Dr. Ausbüttel und die Marke Draco. Das Unternehmen ist im Medizinbereich tätig und stellt Wundversorgungsprodukte her. Für sie haben wir eine Kampagne konzipiert, die im Grunde wie eine Serie funktioniert, wie eine lustige, satirische Comedy-Serie. Sie heißt Der Pausenraum. Was hat so gut funktioniert? Wir wollen damit eine ganz besondere Zielgruppe erreichen. Das sind die MFAs in Arztpraxen, also die medizinischen Fachangestellten, die auch im Internet und in sozialen Medien unterwegs sind. Sie leisten jeden Tag viel und haben natürlich einen besonderen Schmerz mit Patientinnen und Patienten, die mit lustigen Anforderungen kommen, oder mit einem anstrengenden Arzt oder einer anstrengenden Ärztin. In dieser Comedy-Serie zeigen wir, wie eine MFA arbeitet und mit welchem Daily Hustle und Struggle sie zu tun hat. Ich glaube, wir sind jetzt in der fünften oder sechsten Staffel. Die Serie ist wahnsinnig erfolgreich und wir haben mittlerweile eine richtige Fanbase auf TikTok. Ich finde, das ist für ein Medizinunternehmen ziemlich cool. [Oliver Stock]: Am lustigsten sind wahrscheinlich die Kommentare unter den Social-Media-Beiträgen. [Sebastian Galla]: Die Kommentare sind super cool. Die Leute identifizieren sich damit, fühlen sich angesprochen. Wenn in der Kommentarspalte steht: „Ey, das ist super lustig! Die Situation hatten wir bei uns schon 1:1 genauso!”, dann zeigt das, dass das Skript und das, was wir uns vorher überlegt haben, realitätsnah ist und dass wir eben die Sprache der MFA sprechen. Darüber freue ich mich besonders. [Oliver Stock]: Wenn du die Zukunft des Marketeers vor dem Hintergrund von KI und Co. betrachtest, was glaubst du, wird sich in deinem Job verändern? [Sebastian Galla]: Ja, KI ist natürlich ein riesiges Thema in unserer Branche. Wir haben tatsächlich eine eigene KI-Strategie entwickelt. Natürlich gibt es schon eine Menge Tools, die KI-Funktionen bieten. So gibt es beispielsweise bei Adobe oder Figma überall schon einen KI-Button, mit dem man alles mit KI schreiben oder erstellen lassen kann. Ich glaube, dass sich unser Aufgabenspektrum gerade bei kreativen Arbeiten verändern wird. Man wird sich viel mehr auf die kreativen Highlights und besonders denkwürdigen Aufgaben konzentrieren und alles andere wird automatisiert. Dadurch hat man theoretisch mehr Zeit. Die Frage ist jedoch, ob man beispielsweise drei große kreative Konzepte an einem Tag schreiben kann, weil der Kopf dann ja auch voll ist. Das heißt, die gesamte Arbeitswelt wird sich verändern. Wir haben das heute schon teilweise umgesetzt. Wir haben auf eine Vier-Tage-Woche umgestellt und das Arbeitsmodell ein wenig verändert, weil ich glaube, dass man eine große Aufgabe am Tag erledigen kann und dann noch ein paar kleinere und dann ist der Tag auch voll. KI wird unsere Arbeit nicht so stark verändern, dass man am Fließband nur noch große Ideen konzipieren kann, weil das weder KI noch der Mensch in Massenarbeit leisten kann. Es braucht die schöpferische Kraft, und die braucht Inspiration. Und ich glaube, das wird sich stark darauf auswirken, wie viel wir arbeiten und wie hoch der kreative Output am Ende sein wird. [Oliver Stock]: Welchen Lifehack gibst du den Leuten noch in Sachen Kommunikation aus deinen ganzen Jahren Erfahrung? [Sebastian Galla]: Der Lifehack, den ich den Menschen mitgeben möchte, betrifft den Bereich Kommunikation: Seid authentisch und ehrlich! Schreibt nicht irgendwelchen Unsinn, nur um etwas sagen zu müssen, sondern kommuniziert so offen und ehrlich, wie ihr seid. Lasst Texte lieber nicht von der KI schreiben, sondern denkt euch selbst etwas aus. Die Menschen durchschauen das. Sie wissen, was ehrlich gemeint ist und was authentisch ist, und sie haben ein Gespür dafür entwickelt, was künstlich ist. Und ich glaube, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Geht mehr raus, geht auf Messen, geht auf Veranstaltungen. Ich glaube, wir erleben eine Offline-Renaissance. Es geht wieder mehr darum, persönliche Kommunikation zu betreiben und weniger online zu posten und zu schreiben. Auch wenn das jetzt ein bisschen gegen unsere Ausrichtung spricht: Wenn man auf den Events ist, kann man es ja im Anschluss immer noch posten. Ich glaube, das sind die wichtigsten Merkmale bzw. Tipps, die ich gerade geben kann. [Oliver Stock]: Und wo würdest du das im Pott tun? Wo würdest du dich am liebsten treffen? [Sebastian Galla]: Im Pott gibt es viele wunderschöne Orte. In Bochum ist das natürlich das Bermuda-Dreieck mit den ganzen Bars, das ich total gerne mag. In Recklinghausen, meiner Heimatstadt, gibt es eine wunderschöne Altstadt. Ich kann jedem nur empfehlen, dort einmal zu schlendern. Und natürlich ist auch der Phoenixsee in Dortmund sehr schön. [Oliver Stock]: Super, vielen Dank. In diesem Sinne Glück auf! [Sebastian Galla]: Glück auf!
„Seid authentisch und ehrlich! Schreibt nicht irgendwelchen Unsinn, nur um etwas sagen zu müssen, sondern kommuniziert so offen und ehrlich, wie ihr seid.“