Inspiring People · Ausgabe #06

Daniel
Nierhauve

Bochum
Daniel Nierhauve
„Im Ruhrgebiet wird schnell Tacheles geredet – diese Ehrlichkeit und der Pragmatismus sind unsere größte Stärke.“
Erschienen
Lesezeit5 Min · 1.075 Wörter
Feld Technologie

InterviewInterview mit Business Punk Chefredakteur Oliver Stock:

So Daniel, schön, dass du da bist. Stell dich mal kurz vor.

Klar, mein Name ist Daniel Nierhauve. Ich arbeite bei 9elements und darf dort die Geschäftsentwicklung mitverantworten und auch unseren kleinen, aber feinen Venture-Arm.

„Wir im Westen können das auch – darauf sollten wir einfach mal stolz sein.“
Daniel Nierhauve

Und was macht 9elements?

Wir entwickeln weltweit digitale Produkte. Das ist vor allem individuelle Softwareentwicklung. Wir können jedoch End-to-End alles abbilden. Wir übernehmen die Konzeption, das Design und setzen unsere Konzepte anschließend selbst um. Das unterscheidet uns natürlich von vielen Digitalberatern. Das heißt, wir müssen das, was wir empfehlen, am Ende auch selbst umsetzen. Das macht uns mit den neuesten Technologien recht stark.

Und ihr sitzt ja in Bochum. Warum ausgerechnet Bochum?

Vor allem, weil unsere Gründer Sebastian und Eray aus Bochum kommen. Es gab zwei, drei Mal die Überlegung, Bochum zu verlassen, aber die Verbundenheit mit dem Ruhrgebiet ist sehr groß. Wir schätzen es, nicht nur Bochum, sondern das gesamte Ruhrgebiet. Die Städte tun sich untereinander oftmals schwer, aber wir glauben daran, den Strukturwandel und die Community voranzubringen. Das hält uns hier, und es ist schöner, diesen Wandel, hier in der Heimat das voranzutreiben, als in Berlin oder München.

Was genau macht, deiner Meinung nach, den Ruhrpott aus?

Der Ruhrpott…vielen Dinge! Vor allem merkt man, wenn man viel unterwegs ist, dass wir hier sehr schnell zu dem Punkt kommen, an dem Tacheles geredet wird. Zuletzt war das bspw in Berlin nicht der Fall, ohne dass ich Berlin jetzt schlecht machen will. Oft kommt erst nach hinten raus, dass das gar nicht geht, dass man das nicht machen kann. Im Ruhrgebiet kommt man sehr schnell zu dem Punkt und sagt: „Wie kriegen wir das hin?” oder „Es geht nicht.” Dadurch ergeben sich in Gesprächen sehr schnell sehr gute Mehrwerte, eine gewisse Ehrlichkeit und Pragmatismus. Diese Mischung macht es besonders.

Welche konkreten Potenziale siehst du zum Beispiel hier im Hotspot für Start-ups?

EIN konkretes Potenzial sehe ich nicht, sondern mehrere. Wir haben eine gute Mischung aus Talenten, Industrie, die uns groß gemacht hat, und modernen Technologien. Durch Talente und diesen Bestand haben wir eine gute Mischung. Mit einer gewissen Machermentalität. Das klingt jetzt vielleicht so abgegriffen, aber wir brauchen Leute, die Bock haben, was zu machen. Und ich glaube, diese Mischung wird es am Ende machen. Dazu kommen noch die bezahlbaren Mieten. Wenn man einen Standort eröffnen möchte, dann ist es nicht wie in manch anderen Teilen Deutschlands, dass man gleich Insolvenz anmelden muss, bevor man das Unternehmen gegründet hat.

Welche Events hier im Ruhrpott würdest du empfehlen? Welche Events würden dich inspirieren?

Events, die mich im Ruhrpott inspirieren? Wir versuchen den „neuen Ruhr Summit” voranzubringen und bringen dabei unser Netzwerk ein, um Leute zu gewinnen, die etwas zu sagen haben. Ich glaube, dass wir enormes Potenzial haben und dass wir hier im Westen einfach ein Leuchtturm-Event brauchen. Ein einzelnes Event, das mich konkret inspiriert, gibt es eigentlich nicht – ich schaue mir vieles an und nehme mir jeweils das heraus, was passt. Jedes hat so seine Vorzüge, aber ein konkretes Event, das mich im Westen inspiriert, könnte ich gerade gar nicht nennen. Was mich immer sehr inspiriert hat, war die Bits Pretzels. Das liegt aber auch daran, dass ich damals Obama auf der Konferenz sehen durfte. Das ist ein Spirit, den trage ich bis heute in mir.

Super. Glaubst du jetzt, dass die Leute im Ruhrgebiet aufgrund dieser ganzen Entwicklungen und des Strukturwandels resilienter sind als woanders?

Gute Frage, ob die Menschen im Pott resilienter sind. Ich glaube zumindest, dass wir das Potenzial dazu haben. Und viele haben das, glaube ich, auch schon. Ich glaube, wir können es nur noch ein bisschen mehr und müssen ein bisschen mehr verstehen, wie die freie Wirtschaft so funktioniert. Ich habe das mal Frustrationsmanagement genannt. Gerade wenn man schon einige Jahre Erfahrung in der Geschäftsentwicklung hat, merkt man, dass nicht alles sofort funktioniert und manche Zyklen länger sind als andere. Da wirklich durchzuhalten, immer weiter auf das Ziel hinzuarbeiten und daran zu glauben, dass es passiert, ist wichtig. Ich glaube, da können wir noch etwas dazulernen, aber grundsätzlich denke ich, dass wir das gut können.

Was wünschst du dir für die Zukunft des Ruhrgebiets?

Für die Zukunft des Ruhrgebiets? Ui, das ist lang. Also erstens, dass wir endlich an uns glauben und nicht immer nur in den Norden oder in den Süden gucken. Wir im Westen können das auch sehr gut. Darauf dürfen wir stolz sein. Ich würde mir außerdem wünschen, dass sich die etablierten Unternehmen ein bisschen mehr öffnen. Es reicht nicht, nur eine Initiative zu starten und zu sagen: „Ja, wir haben mal was mit jungen Unternehmen gemacht.” Dabei geht es mir weniger um die jungen Unternehmen, sondern vielmehr darum, dass etablierte und neue Unternehmer zusammenarbeiten. Ich kann verstehen, dass ein Konzern an der Stelle sagt: „Das ist jetzt ein Start-up, das ist nicht komplett validiert und die haben gerade mal einen Wireframe.” Aus einer Konzernperspektive ist das Risiko zu groß. Es würde mich freuen, wenn etablierte Unternehmer zusammenkommen, um Ideen voranzutreiben. Ob junges Talent mit Biss oder Mittelständler mit ungenutztem Potenzial – das ist mir gleich. Ich würde mir einfach eine Mischung aus Unternehmern wünschen, die sich öffnen, um die Ideen nach vorne zu bringen.

Was möchtest du abschließend jungen Menschen mitgeben, die aus dem Ruhrgebiet kommen oder dorthin ziehen wollen?

Ich sage den Leuten aus dem Ruhrgebiet auf jeden Fall: Ihr könnt auch hierbleiben und ziemlich coole Sachen machen. Wer von außen hereinkommt, findet das Image schon cool – aber wir haben noch einiges mehr zu zeigen. Dass es hier nicht nur Industrie, sondern auch Grün gibt, das darf nicht die größte Überraschung bleiben. Wir müssen auch mal Raum geben und sagen: Wow, was für Unternehmen und junges Unternehmertum hier sitzen! Das würde ich mir wünschen: dass das mehr wahrgenommen wird und dass wir das auch alle nach außen tragen.

Super, perfekt. In diesem Sinne Glück auf!

Glück auf!