Daniel Nierhauve
„Im Ruhrgebiet wird schnell Tacheles geredet – diese Ehrlichkeit und der Pragmatismus sind unsere größte Stärke.“
„Im Ruhrgebiet wird schnell Tacheles geredet – diese Ehrlichkeit und der Pragmatismus sind unsere größte Stärke.“

Daniel Nierhauve

Chief Business Officer, 9elements Treiber digitaler Innovation und Venture-Building im Ruhrgebiet
Pottografie

Daniel Nierhauve ist Chief Business Officer bei 9elements in Bochum und verantwortet dort die Geschäftsentwicklung sowie den Venture-Arm 9elements Ventures. Die Software-Boutique entwickelt weltweit digitale Produkte und individuelle Softwarelösungen, von der Konzeption über Design bis zur technischen Umsetzung. Nierhauve investiert in technologiegetriebene Startups, ist Co-Founder der Open Source Firmware Foundation und engagiert sich als Advisor und Investor im Tech-Ökosystem. Als Dozent für Digitale Transformation an der FOM Hochschule gibt er seine Erfahrungen aus Unternehmertum, Produktentwicklung und Venture-Building weiter. Geboren im Ruhrgebiet und tief mit der Region verbunden, setzt er sich dafür ein, Talente, Start-ups und etablierte Unternehmen im Pott stärker zu vernetzen und den digitalen Wandel aus der Region heraus voranzutreiben.
Interview mit Business Punk Chefredakteur Oliver Stock: [Oliver Stock]: So Daniel, schön, dass du da bist. Stell dich mal kurz vor. [Daniel Nierhauve]: Ja, mein Name ist Daniel Nierhauve. Ich arbeite bei 9elements und darf da die Geschäftsentwicklung mitverantworten und auch unseren kleinen, aber feinen Venture-Arm. Genau, das mache ich da. [Oliver Stock]: Und was macht 9elements? [Daniel Nierhauve]: Wir entwickeln weltweit digitale Produkte. Das ist vor allem individuelle Softwareentwicklung. Wir können jedoch End-to-End alles abbilden. Wir übernehmen die Konzeption und das Design und setzen unsere Konzepte anschließend selbst um. Das unterscheidet uns natürlich von vielen Digitalberatern. Das heißt, wir müssen das, was wir empfehlen, am Ende auch ausbaden. Das macht uns mit den neuesten Technologien recht stark. [Oliver Stock]: Und ihr sitzt ja in Bochum. Warum ausgerechnet Bochum? [Daniel Nierhauve]: Also vorwiegend erst einmal, weil unsere Gründer Sebastian und Ira aus Bochum kommen. Es gab zwei, drei Mal die Überlegung, Bochum zu verlassen, aber die Verbundenheit mit dem Ruhrgebiet ist sehr groß. Wir schätzen das wirklich, nicht nur Bochum, sondern das gesamte Ruhrgebiet. Die Städte tun sich untereinander oftmals schwer, aber wir glauben daran, so den Strukturwandel und die Community voranzubringen. Das bindet uns hier, und es ist schöner, hier in der Heimat das voranzutreiben, als in Berlin oder München. [Oliver Stock]: Was genau macht, deiner Meinung nach, den Ruhrpott aus? [Daniel Nierhauve]: Der Ruhrpott, also viele Dinge, aber vor allem merkt man, wenn man viel unterwegs ist, dass wir sehr schnell zu dem Punkt kommen, an dem Tacheles geredet wird. Zuletzt war das in Berlin oft der Fall, ohne dass ich Berlin jetzt schlecht machen will. Oft kommt erst nach hinten raus, dass das gar nicht geht, dass man das nicht machen kann. Im Ruhrgebiet kommt man sehr schnell zu dem Punkt und sagt: „Wie kriegen wir das hin?” oder „Es geht nicht.” Dadurch ergeben sich in Gesprächen sehr schnell sehr gute Mehrwerte, eine gewisse Ehrlichkeit und Pragmatismus. Diese Mischung macht es besonders. [Oliver Stock]: Welche konkreten Potenziale siehst du zum Beispiel hier im Hotspot für Start-ups? [Daniel Nierhauve]: Konkretes Potenzial sehe ich nicht, sondern mehrere. Wir haben eine gute Mischung aus Talenten, eine gute Industrie, die uns groß gemacht hat, und moderne Technologien. Ich glaube, dass wir durch Talente und das, was wir als Bestand schon haben, eine gute Mischung hinbekommen. Mit einer gewissen Machermentalität. Das klingt jetzt vielleicht so abgegriffen, aber wir brauchen Leute, die Bock haben, was zu machen. Und ich glaube, diese Mischung wird es am Ende machen. Dazu kommen noch die bezahlbaren Mieten. Wenn man also einen Standort eröffnen möchte, dann ist es nicht wie in manch anderen Teilen Deutschlands, dass man gleich Insolvenz anmelden muss, bevor man das Unternehmen gegründet hat. [Oliver Stock]: Welche Events hier im Ruhrpott würdest du empfehlen? Welche Events würden dich inspirieren? [Daniel Nierhauve]: Events, die mich im Ruhrpott inspirieren? Ja, genau. Wir versuchen, den sogenannten „neuen Ruhr Summit” voranzubringen und lassen dabei auch unser Netzwerk mit einfließen, um Leute zu gewinnen, die interessante Erfahrungen teilen und denen man gerne zuhört. Ich glaube, dass wir enormes Potenzial haben und dass wir hier im Westen auch einfach ein Leuchtturm-Event brauchen. Konkret inspiriert mich da relativ wenig, weil ich mir viel ansehe und mir dann immer etwas herausziehe. Jedes hat so seine Vorzüge, aber ein konkretes Event, das mich im Westen inspiriert, könnte ich gerade gar nicht nennen. Was mich immer sehr inspiriert hat, war die Bits Pretzels. Das lag aber auch daran, dass ich damals Obama auf einer solchen Konferenz in Deutschland getroffen habe. Das ist ein Spirit, den zieht man bis heute mit. [Oliver Stock]: Super. Glaubst du jetzt, dass die Leute im Ruhrgebiet aufgrund dieser ganzen Entwicklungen und des Strukturwandels resilienter sind als woanders? [Daniel Nierhauve]: Das ist eine gute Frage, ob die Menschen im Pott resilienter sind. Ich glaube zumindest, dass wir das Potenzial dazu haben. Und viele haben das, glaube ich, auch schon. Ich glaube, wir können es nur noch ein bisschen mehr und müssen ein bisschen mehr verstehen, wie die freie Wirtschaft so funktioniert. Ich habe das mal Frustrationsmanagement genannt. Gerade wenn man schon einige Jahre Erfahrung in der Geschäftsentwicklung hat, merkt man, dass nicht alles sofort funktioniert und manche Zyklen länger sind als andere. Da wirklich durchzuhalten, immer weiter auf das Ziel hinzuarbeiten und daran zu glauben, dass es passiert, ist wichtig. Ich glaube, da können wir noch etwas dazulernen, aber grundsätzlich denke ich, dass wir das gut können. [Oliver Stock]: Was wünschst du dir für die Zukunft des Ruhrgebiets? [Daniel Nierhauve]: Für die Zukunft des Ruhrgebiets? Ui, das ist lang. Also erstens, dass wir endlich mal an uns glauben und nicht immer nur in den Norden oder in den Süden gucken. Wir im Westen können das nämlich auch sehr gut. Darauf können wir einfach mal stolz sein. Ich würde mir außerdem wünschen, dass sich die etablierten Unternehmen ein bisschen mehr öffnen. Es reicht nicht, nur eine Initiative zu starten und zu sagen: „Ja, wir haben mal was mit jungen Unternehmen gemacht.” Dabei geht es mir weniger um die jungen Unternehmen, sondern vielmehr darum, dass etablierte und junge Unternehmer zusammenarbeiten. Ich kann verstehen, dass ein Konzern an der Stelle sagt: „Das ist jetzt ein Start-up, das ist nicht komplett validiert und die haben gerade mal einen Wireframe.” Aus einer Konzernperspektive ist das Risiko zu groß. Es würde mich mehr freuen, wenn etablierte Unternehmer zusammenkommen, um Ideen voranzutreiben. Ob es sich dabei um ein Young Talent mit einer guten Idee und Biss handelt oder um einen Mittelständler, der es bisher noch nicht gemacht hat, ist mir egal. Ich würde mir einfach eine Mischung aus Unternehmern wünschen, die sich öffnen, um die Idee nach vorne zu tragen. [Oliver Stock]: Was möchtest du abschließend jungen Menschen mitgeben, die aus dem Ruhrgebiet kommen oder dorthin ziehen wollen? [Daniel Nierhauve]: Also, ich sage den Leuten aus dem Ruhrgebiet auf jeden Fall: Ihr könnt auch hierbleiben und ziemlich coole Sachen machen. Von denen, die von außen draufgucken, ja, dieses coole Image, jo, kommen wir her, alles gut. Wir haben aber noch ein bisschen mehr zu zeigen. Die Überraschung, dass hier nicht alles nur Industrie ist, sondern auch Grün, darf nicht die einzige sein. Wir müssen auch mal Raum geben und sagen: Wow, was für Potenziale an Firmen und jungen Unternehmen hier sitzen! Das würde ich mir wünschen: dass das mehr wahrgenommen wird und dass wir das auch alle nach außen tragen. [Oliver Stock]: Super, perfekt. In diesem Sinne Glück auf! [Daniel Nierhauve]: Glück auf!
„Wir im Westen können das auch – darauf sollten wir einfach mal stolz sein.“