Aylin Bönneken
„Besonders faszinierend finde ich, wie Orte sich hier immer wieder neu erfinden – wenn aus ehemaligen Industrieanlagen lebendige Stätten für Kunst und Kultur werden."
„Besonders faszinierend finde ich, wie Orte sich hier immer wieder neu erfinden – wenn aus ehemaligen Industrieanlagen lebendige Stätten für Kunst und Kultur werden."

Aylin Bönneken

Künstlerin & Gründerin | Erfinderin des nichtbrennbaren Keilrahmens und Brückenbauerin zwischen Kunst und öffentlichem Raum
Pottografie

Aylin Bönneken ist 24 und lebt als Künstlerin und Unternehmerin in Witten. Ihre Werke waren unter anderem im Louvre, in New York und in Zürich zu sehen. Als eine Ausstellung im Uniklinikum am fehlenden Brandschutznachweis scheiterte, machte sie aus dem Problem ein Produkt: einen nichtbrennbaren und verzugsfreien Keilrahmen, für den sie inzwischen ein Patent angemeldet hat und mit dem sie gerade ihr eigenes Start-up gründet, gefördert durch mehrere Stipendien. Ehrenamtlich gibt sie Kunstworkshops für Kinder, unter anderem in Zusammenarbeit mit einem Kinderhospiz und einem Kinderheim. Das Ruhrgebiet ist ihr Zuhause und ihre Familiengeschichte.
Interview mit Business Punk Chefredakteur Oliver Stock: [Oliver Stock]: Hallo Aylin, stell dich doch bitte einmal vor. [Aylin Bönneken]: Ich bin 24 Jahre alt und lebe als Künstlerin und Unternehmerin in Witten. Meine Kunst habe ich bereits an Orten wie dem Louvre in Paris, in New York und in Zürich ausgestellt. Beruflich stehe ich gerade vor einem aufregenden Meilenstein: Ich habe ein Patent auf einen nichtbrennbaren und verzugsfreien Keilrahmen angemeldet. Der Kern meiner Gründungsidee entstand, als ich eine Ausstellung in einem Uniklinikum machen wollte. Der Brandschutzbeauftragte hat dies jedoch leider verhindert, mit der Begründung, dass bei herkömmlichen Kunstwerken der nötige Brandschutz schlichtweg fehlt. Durch die DIN-Norm 4102-1, die durch die EN 13501-1 auf die EU ausgeweitet wurde, ist ein Ausstellen in öffentlichen Gebäuden europaweit nicht mehr möglich, wie es früher war.Für die Entwicklung und Produktion des Keilrahmens durfte ich in der Vergangenheit bereits mehrere Stipendien entgegennehmen. Aktuell gründe ich mein eigenes Start-up, um diese Innovation zu produzieren und auf den Markt zu bringen. Neben meiner beruflichen Laufbahn liegt mir mein ehrenamtliches Engagement sehr am Herzen. Ich biete Kunstworkshops für Kinder an, unter anderem in enger Zusammenarbeit mit einem Kinderhospiz und einem Kinderheim. Im Ruhrgebiet bin ich aufgewachsen, stark verwurzelt und eng vernetzt. Meine Familiengeschichte spiegelt die Region wider: Mein Vater war Bergmann und mein Großvater mütterlicherseits kam einst als Gastarbeiter aus der Türkei hierher und hat bei der Deutschen Bahn gearbeitet. [Oliver Stock]: Was gibst du den Menschen aus dem Pott mit? [Aylin Bönneken]: Mein wichtigster Rat: Geht immer dem nach, was euch wirklich interessiert und beeindruckt. Denn wer das tut, was er liebt, hat am Ende des Tages nicht das Gefühl, zu arbeiten. Dennoch ist mir wichtig zu betonen, dass Talent allein nicht alles ist. Es braucht zusätzlich Erfahrung, Neugier, klare Prioritäten und Disziplin. Versucht dabei stets, die Dinge aus vielen unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Wenn man seinen echten Interessen folgt, stößt man unweigerlich auch auf Dinge, die zunächst überhaupt nicht ins Bild zu passen scheinen. Doch genau dann ist es die eigene Neugier, die dafür sorgt, dass man dranbleibt und anfängt, kreative Lösungen zu finden. [Oliver Stock]: Was macht den Pott für dich besonders? [Aylin Bönneken]: Für mich sind es vor allem die Multikulturalität und die einzigartige Mischung unterschiedlichster Herkunftsgeschichten. Ich spüre eine tiefe Verbundenheit mit der positiven Zuwanderungsgeschichte meines Opas und der gesamten Gastarbeiterkultur, die diese Region mit aufgebaut hat. Besonders faszinierend finde ich zudem, wie Orte sich hier immer wieder neu erfinden. Wenn etwa aus ehemaligen Industrieanlagen lebendige Stätten für Kunst und Kultur werden. Selbst unsere Sprache spiegelt das wider: Viele unserer typischen Redewendungen erzählen direkt aus der Geschichte der Region und machen sie im Alltag lebendig. [Oliver Stock]: Welche Qualität hat die Region zum Leben und Arbeiten hier? [Aylin Bönneken]: Die Lebens- und Arbeitsqualität zeichnet sich durch unglaubliche Nähe und Vielfalt aus. Die Städte liegen hier so dicht beieinander, dass sich unzählige Möglichkeiten auf engstem Raum ergeben. Wir profitieren von hervorragenden Bildungs- und Ausbildungsangeboten. Vor allem aber bietet das Ruhrgebiet großartige Netzwerkmöglichkeiten, egal ob man den Austausch mit etablierten Unternehmen, anderen Start-ups oder inspirierenden Menschen sucht. [Oliver Stock]: Wer ist für dich eine herausragende aktuelle oder historische Figur im Pott? [Aylin Bönneken]: Für mich sind herausragende Persönlichkeiten, die im Rampenlicht stehen, solche die Besonnenheit, Ehrlichkeit, Herzlichkeit und Inspiration ausstrahlen. Außerdem schätze ich die hart arbeitenden Menschen von damals: die Bergleute, die Stahlarbeiter, die Gastarbeiter und ihre Familien. Sie sind es, die durch ihren immensen Einsatz ihren Kindern neue Chancen ermöglicht haben. Heute bewundere ich all jene Menschen, die jüngere Generationen tatkräftig unterstützen und ihnen neue Perspektiven aufzeigen. Denn schließlich ist die Jugend unsere Zukunft. Mit ihren frischen Ideen und Innovationen sind sie jeden Einsatz wert. [Oliver Stock]: Glaubst du, dass der Strukturwandel, wie er den Pott betroffen hat, jetzt andere erwischt? Sind wir im Pott resilienter? [Aylin Bönneken]: Definitiv. Viele Regionen erleben heute ähnliche Veränderungen wie das Ruhrgebiet seit vielen Jahren: Alteingesessene Branchen verändern sich radikal oder verschwinden sogar komplett. Weil wir im Ruhrgebiet jedoch seit Jahrzehnten an diesen stetigen Wandel gewöhnt sind, können wir solchen Umbrüchen vielleicht etwas offener entgegentreten, auch wenn sie natürlich große Herausforderungen bergen. Jede Veränderung bedeutet auch eine Transformation von Identität und Zugehörigkeitsgefühl. Wenn wir uns jedoch unsere Offenheit bewahren, können wir auf dem starken Fundament unserer Vielfalt und unserer Geschichte die Zukunft mit neuen, innovativen Ideen und Lösungen gestalten. Wir müssen dieses Potenzial nur konsequent nutzen. [Oliver Stock]: Was gibst du anderen, gerade jungen Menschen hier im Ruhrgebiet, mit auf den Weg? [Aylin Bönneken]: Legt den Fokus auf euch selbst, ohne dabei egoistisch zu sein. Nehmt euch Zeit für regelmäßige Selbstreflexion und fragt euch: Wer bin ich und wo will ich eigentlich hin? Wahre Inspiration geht oft mit Frieden und Stille einher. Die Eindrücke entstehen zwar draußen im Trubel, aber verarbeitet werden sie im Stillen. Manche Menschen erzählen viel, doch am Ende des Tages zählen im Leben immer Resultate. Wer viel erreichen möchte, muss bereit sein, alles zu investieren. Es geht darum, jeden Tag für sich etwas zu lernen und sich zu verbessern. Wahre Perfektion ist erreichbar durch viele Jahre Kontinuität, Durchhaltevermögen und Erfahrung. Ich weiß, dass es schwer und mit viel Mut verbunden ist, etwas neues zu Beginnen. Ganz genauso wie der erste Pinselstrich auf einer völlig weißen Leinwand. Von daher: Traut euch! [Oliver Stock]: Super, vielen Dank, Aylin! In diesem Sinne: Glück auf! [Aylin Bönneken]: Glück auf!
„Wer das tut, was er liebt, hat am Ende des Tages nicht das Gefühl, zu arbeiten."