TSV 1860 München selbst schuld? Die 13 Mythen einer Münchner Lebenslüge
MYTHOS NEUN — MANG IST DER NÄCHSTE REISINGER
Variante: Ihr habt mit Mang einfach den nächsten Träumer gewählt. Wird das Gleiche werden wie mit Reisinger. Acht Jahre lang Schaufenster, dann nichts.
Auch dieser Mythos lässt sich an konkreten Daten überprüfen.
Gernot Mang ist am 20. August 1968 in Dornbirn in Vorarlberg geboren — direkt an der bayerisch-österreichischen Grenze. Bankkaufmann gelernt. Betriebswirtschaftslehre studiert. Über 25 Jahre Berufspraxis als CEO internationaler Unternehmen in Wachstum, Restrukturierung, M&A und nachhaltiger Strategieentwicklung, unter anderem bei Rodenstock, Poggenpohl, Klafs und Vivonio. Berufliche Heimat ist nicht das Sportbusiness und auch nicht die Klassische Fan Politik. Mang arbeitet seit Jahren im Restrukturierungs- und Konsolidierungsgeschäft. Das heißt konkret: Er macht hauptberuflich genau das, was der TSV 1860 jetzt braucht. Er verhandelt mit Gläubigern. Er strukturiert Insolvenzpläne. Er schließt Sanierungsvereinbarungen. Er kennt die Mechanik des Schuldenschnitts, der Beteiligungs GmbH Konstruktion und der Genossenschafts Sanierung aus der Praxis.
Reisinger war Sechzig Fan und hat aus Liebe zum Verein acht Jahre lang (2017-2025) gegen HAM gekämpft. Er hat dabei viel publizistische Aufmerksamkeit geschaffen. Er hat das Drei zu drei plus StichentscheidVerhältnis im Aufsichtsrat publizistisch sichtbar gemacht. Er hat in den letzten Mitgliederversammlungen Bundesanzeiger Zahlen vorgetragen, die in der Sport Berichterstattung weitgehend ignoriert worden waren. Aber er war Politiker, nicht Sanierer. Er konnte keine Aufsichtsratsmehrheit produzieren, weil ihm die Stimmen Logik nicht geholfen hat.
Mang ist anders. Er ist nicht in erster Linie Politiker. Er ist Sachverständiger. Bei seiner Wahl am 6. Juli 2025 in der Zenith Halle in München fiel ein Satz, den nur ein Restrukturierer formuliert: Ich übernehme Verantwortung, wo andere sich zurückziehen. Das ist kein Wahlspruch. Das ist die professionelle Selbstbeschreibung eines Menschen, der Sanierungen als Beruf macht. Wer mit Mang in den letzten Monaten gesprochen hat, beschreibt einen knappen, fokussierten, sachlichen Verhandlungspartner ohne Eitelkeit. Wer ihn auf Sechzig-Vergleich anspricht, hört: Es geht nicht ums Ego, nicht um die Macht. Es geht nur um den Verein. Aus dem Mund eines Sanierers heißt das: Ich bin nicht hier, um Schaufenster zu spielen. Ich bin hier, um Bilanz zu räumen.
Seit September 2025 sitzt Mang im KGaA Aufsichtsrat. Gemeinsam mit Thomas Probst — Finanzexperte, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender — und Sebastian Seeböck. Drei eV Stimmen im Aufsichtsrat. Die HAM Mehrheit bleibt strukturell bestehen, aber die personelle Qualität der e.V.- Vertretung hat sich verändert. Probst ist Finanzfachmann. Mang ist Sanierer. Seeböck ist Verwaltungsrats Profi. Wer mit drei sachkundigen Vertretern in einem sechsköpfigen Aufsichtsrat sitzt, kann zwar nicht die Mehrheit übersteuern, aber er kann die Verhandlungen anders führen. Er kann Fragen stellen, die juristisch nicht ignorierbar sind. Er kann den Berichtspflichten der Geschäftsführung professionell auf den Zahn fühlen. Er kann den Rechtsweg präzise gestalten.
Mit dem Lizenzentzug am 3. Juni 2026 hat sich die Situation noch einmal gewandelt. Die HAM Aufsichtsratsmehrheit ist in einer Phase, in der ihre eigene Buchexposure schmilzt. Die Insolvenz Beratung der KGaA läuft. Ein Schuldenschnitt wird die HAM Position substanziell reduzieren. In Verhandlungen, in denen die HAM ums eigene Geld kämpft, ist die Verhandlungsmacht eines disziplinierten eV Vertreterteams ungleich größer als in Phasen relativer Stabilität. Mang ist genau dafür da.
Wie die Sanierung konkret aussehen wird, lässt sich aus den vorliegenden Bilanz- und Mitgliederzahlen vorsichtig rekonstruieren. Erstens: Schuldenschnitt im Insolvenzverfahren. Die HAM Position von ungefähr 50 bis 55 Millionen Euro Buchexposure wird auf einen Bruchteil reduziert werden. Insolvenzanwälte schätzen die realistische Verwertungs Quote für Genussrechtskapital in solchen Konstellationen auf zwischen fünf und fünfzehn Prozent der Nominalsumme. Übersetzt: Aus den 34,2 Millionen Genussrechtskapital werden für HAM zwei bis fünf Millionen. Aus den rund 15 Millionen Darlehen werden ein bis drei Millionen. In Summe vielleicht drei bis acht Millionen Euro Rückfluss. Der Rest wird abgeschrieben.
Ein kurzer Blick in die Insolvenzordnung erklärt, warum diese Quoten so niedrig liegen. Nach § 39 InsO gehören Genussrechte zu den nachrangigen Insolvenzforderungen. Sie werden erst befriedigt, wenn alle Forderungen aus § 38 InsO (normale Insolvenzgläubiger) vollständig erfüllt sind. Bei einer überschuldeten KGaA ist diese Bedingung praktisch nie erfüllt. Die Folge: Nachrangige Forderungen bleiben in der Regel ohne wesentliche Auszahlung. Sie sind faktisch ein Ausfall.
Die Insolvenzgründe selbst sind in § 17 InsO (Zahlungsunfähigkeit) und § 19 InsO (Überschuldung) geregelt. Beide Tatbestände waren bei der KGaA mit dem Lizenzentzug am 3. Juni 2026 unmittelbar erfüllt. Die KGaA arbeitete ab diesem Tag eng mit Insolvenzrechtsexperten zusammen. Die übliche Folge: ein Eröffnungsantrag binnen drei Wochen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit (§ 15a InsO). Im Verfahren selbst kann es entweder zur Liquidation oder zu einem Insolvenzplan kommen. Letzterer ist im Sechziger Fall die wahrscheinlichere Variante, weil ein laufender Spielbetrieb erhalten bleiben soll und ein Lead Investor mit Sanierungs interesse bereitsteht.
Praktisch heißt das: Die HAM verliert im Insolvenzplan den größten Teil ihrer Buchexposure. Der Verein behält die KGaA als operative Hülle. Der Lead Investor kauft sich über die Beteiligungs GmbH ein. Die neue Eigentümer Struktur entsteht. Genau diese Mechanik ist seit dem 4. Juni 2026 angelaufen.
Zweitens: Aufbau einer Beteiligungs GmbH. Diese neue Gesellschaft hält 49 Prozent der KGaA Anteile. Die anderen 51 Prozent bleiben beim e.V., über 50+1 abgesichert. Die Beteiligungs GmbH wird gemeinsam von e.V. und einem Lead Investor aus der Münchner Region gehalten. Vorbild: mittelständische Beteiligungs Architekturen aus der bayerischen Wirtschaft. Ein Lead Investor, der nicht 60 Prozent allein hält, sondern in einer strukturell ausgewogenen Konstellation Verantwortung übernimmt. Erste Gespräche mit Münchner Familien Holdings laufen seit Monaten.
Drittens: Genossenschaft. Die 27.254 Mitglieder des e.V. sind eine demographische Ressource, die jeder PE Investor mit dreistelligem Millionen Volumen beneiden würde. Wenn ein Drittel davon — etwa 9.000 Menschen — eine Genossenschaftsanteilseinlage von durchschnittlich 1.500 Euro zeichnet, sind das 13,5 Millionen Euro Eigenkapital. Wenn die Hälfte 2.500 Euro zeichnet, sind es über 30 Millionen Euro. Genossenschaftskapital ist geduldig, langfristig, sozial verankert und nicht exit getrieben. Es ist genau das, was eine KGaA in einer post HAM Phase braucht.
Viertens: Stadion Strategie. Das Grünwalder Stadion ist kein Stadion für Bundesliga-Spiele. Es fasst heute 15.000 Zuschauer, der geplante Ausbau zielt auf 25.000 und mehr. Es liegt genau dort, wo der e.V. seit 1860 ist. Eine separate Stadion Betriebsgesellschaft, an der lokale Investoren und die Stadt München beteiligt sind, kann die Infrastruktur in einem zehn- bis fünfzehn Jahres Plan modernisieren. Vorbild: die in den letzten Jahren durchgeführten Stadion Restrukturierungen in Karlsruhe, Augsburg und Nürnberg. Es ist machbar. Es ist nur nicht einfach.
Fünftens: Sportliche Reform. Regionalliga 2026/27 als Sanierungsjahr. Ziel Wiederaufstieg 3. Liga 2027/28. Mittelfristiges Ziel 2. Bundesliga in fünf bis sieben Jahren. Mit einer Personalstruktur, die der jeweiligen Liga angemessen ist. Mit Nachwuchsleistungszentrum Spielern statt gehaltsstarken Aufstiegswetten. Mit Trainerkontinuität statt Karussell. Genau die Disziplin, die Manfred Paula im letzten halben Jahr vorgeführt hat. Sie ist nicht spektakulär. Sie ist nachhaltig.
Wer Mang als nächsten Reisinger bezeichnet, übersieht den professionellen Hintergrund. Wer ihn als nächsten Träumer abtut, verwechselt eine klare Verwaltungsrats-Mehrheit mit kollektiver Unkenntnis. Die Sechzig Mitgliedschaft hat im Juli 2025 nicht aus Verzweiflung Mang gewählt. Sie hat ihn gewählt, weil er als einzige verfügbare Person das Sanierungs Handwerk konnte — und weil sie es zu diesem Zeitpunkt brauchten.
Reisinger bleibt im Vereins Apparat. Er ist nicht ausgetreten. Er ist nicht abgekündigt. Er wird in der Sanierungs Phase weiter eine Rolle spielen — als Identifikationsfigur, als historischer Berater, als sechzig spezifische Gewissensinstanz. Was sich verändert hat, ist nicht die Person Reisinger, sondern die Rolle des Mutterverein Präsidenten. Es geht jetzt nicht mehr darum, eine politische Botschaft gegen HAM zu formulieren. Es geht darum, eine Sanierung operativ durchzuführen. Dafür wurde Mang gewählt. Dafür ist er da.
Wer einen Klub sanieren will, braucht zwei Dinge gleichzeitig: Disziplin und Vorstellungskraft. Disziplin ohne Vorstellungskraft erzeugt einen geordneten Niedergang. Vorstellungskraft ohne Disziplin erzeugt die nächste Aufstiegswette. Mang hat Disziplin als Beruf. Reisinger hatte Vorstellungskraft als Berufung. Wenn die beiden Kompetenzen zusammenwirken können, ist die Sanierung machbar.