TSV 1860 München selbst schuld? Die 13 Mythen einer Münchner Lebenslüge
MYTHOS ZEHN — SECHZIG IST SPORTLICH UND WIRTSCHAFTLICH TOT
Der finale Vorwurf, der ständig kommt: Der Klub ist sowieso am Ende. Regionalliga ist die finale Stufe. Der Aufstieg ist unrealistisch. Die Schulden sind zu groß. Die HAM Insolvenz wird den Klub fressen. Macht euch nichts vor.
Schauen wir uns die Zahlen an.
Der TSV 1860 München e.V. hat zum 1. Juli 2025 genau 27.254 Mitglieder. Das ist die höchste Mitgliederzahl in der über 164-jährigen Vereinsgeschichte. Acht Jahre Mitgliederwachstum während der schlimmsten sportlichen und wirtschaftlichen Phase. Geschäftsjahr 2016/17 — 18.892 Mitglieder. Geschäftsjahr 2024/25 — 27.254. Das ist nicht der Verlauf eines Klubs, der seine Identität verliert. Das ist der Verlauf eines Klubs, der seine Identität gegen alle wirtschaftlichen Widerstände bewahrt.
Der e.V.-Hauptverein hat eine solide Bilanz. ECOVIS Wirtschaftstreuhand geprüft. Bilanzsumme zum 30. Juni 2023: 4,91 Millionen Euro. Eigenkapital 4,27 Millionen. Liquide Mittel auf den Konten: 1,92 Millionen. Die Beteiligung an der KGaA ist mit einem symbolischen Euro bewertet — eine ehrliche Bilanzpolitik. Der e.V. hat in den fünf Jahren 2017/18 bis 2021/22 kumuliert rund 1,6 Millionen Euro Jahresgewinn erwirtschaftet. Auch wenn 2023/24 ein Verlustjahr war (ungefähr 900.000 Euro), ist die strukturelle Bilanzqualität des Muttervereins solide.
Das Grünwalder Stadion ist sportlich machbar. 15.000 Zuschauer pro Heimspiel sind in der Drittliga Vergleichsanalyse Spitzenwert. In den besten Saisons waren die Heimspiele ausverkauft. Die Auslastungsquote des Grünwalder lag in mehreren Saisons über 95 Prozent. Das ist mehr als viele Zweitliga Klubs vorweisen können.
Die Marke 1860 ist im Großraum München fest verankert. Die SechzigerIdentität — Giesing, Grünwalder, Schwabinger Wirtschaft, blaue Schals, Heimat Verbundenheit — ist ein Marken Asset, das in der professionellen Marketing Analyse selten unter zwei- bis dreistelligen Millionen Werten beziffert wird. Die HAM Konstruktion hat dieses Asset jahrelang unter monetarisiert, weil sie sich auf die Profifußball KGaA konzentrierte und die e.V.-Marken Stärke nicht eingebunden hat.
Eine post HAM Phase wird genau diese Stärken wieder freilegen. Die Genossenschafts Idee hat in den ersten Diskussionen positive Resonanz gefunden. Eine moderate Schätzung: Wenn ein Drittel der heutigen Mitgliedschaft — etwa 9.000 Menschen — eine Genossenschaftsanteilseinlage von durchschnittlich 1.500 Euro zeichnet, sind das 13,5 Millionen Euro Eigenkapital. Wenn die Hälfte 2.500 Euro zeichnet, sind es über 30 Millionen Euro. Genossenschaftskapital ist geduldig, langfristig, sozial verankert und nicht exit getrieben. Es ist genau das, was eine KGaA in einer post HAM Phase braucht.
Ein Lead Investor aus der Münchner Mittelstands Szene wird sich finden. Mehrere Familien Holdings haben in den letzten Monaten Interesse signalisiert. Eine Beteiligungs GmbH Konstruktion — e.V. plus Lead Investor — hält 49 Prozent der KGaA Anteile. Die anderen 51 Prozent bleiben beim e.V., über 50+1 abgesichert. Eine ausgewogene Eigentümer Struktur, in der weder ein einzelner Investor die operative Mehrheit hat noch ein einzelner Vereinsfunktionär die Letztverantwortung allein trägt.
Sportlich wird es Jahre brauchen. Regionalliga Bayern 2026/27 als Sanierungs Saison. Ziel Wiederaufstieg 3. Liga 2027/28. Mittelfristiges Ziel 2. Bundesliga in fünf bis sieben Jahren. Mit einer Personalstruktur, die der jeweiligen Liga angemessen ist. Mit Nachwuchsleistungszentrum-Spielern statt gehaltsstarken Aufstiegswetten. Mit Trainerkontinuität statt Karussell. Das wird nicht schnell. Das wird auch nicht spektakulär. Aber es wird stabil sein.
Wer Sechzig für tot erklärt, hat den Verein nie verstanden. Sechzig war schon einmal in der Bayernliga, 1982 bis 1991. Sechzig war schon einmal in der Regionalliga, 2017/18 für ein Jahr. Sechzig ist nicht tot, weil er nicht in der 3. Liga spielt. Sechzig ist erst tot, wenn die 27.254 Mitglieder nicht mehr da sind. Und nichts deutet darauf hin, dass das in absehbarer Zeit passieren wird.
Tatsächlich zeigen die letzten Wochen das Gegenteil. Die Mitgliederzahl steigt, nicht sinkt. Nach dem Lizenzentzug haben mehrere hundert neue Mitglieder den Eintritts Antrag eingereicht — als bewusste Solidaritäts Geste. Die Sechzig-Geschäftsstelle musste personell aufstocken, um die Eintritts Anträge zu bearbeiten. Das ist nicht die demographische Bewegung eines sterbenden Vereins. Das ist die demographische Bewegung eines Klubs, der seinen Identifikations Kern findet. Wer hier vom Untergang spricht, hat die Solidaritäts Mechanik deutscher Traditionsvereine nicht verstanden.
Auch der sportliche Kalender 2026/27 wird zeigen, was Sechzig kann. Die Regionalliga Bayern ist sportlich beherrschbar. Mehrere langjährige Bayernliga Vereine sind erfahrene Gegner, aber nicht stärker als das, was Sechzig in den 2010er Jahren auch dort produziert hat. Mit disziplinierter Personal Planung, mit Nachwuchsleistungszentrum-Talenten, mit einer schlanken Trainer Struktur ist der Aufstieg in die 3. Liga realistisch. Das ist nicht garantiert. Aber es ist machbar. Und machbar ist mehr, als nach dem 03. Juni 2026 erwartet wurde.
MYTHOS ELF — DER DFB HAT EUCH FAIR BEHANDELT
Variante: Der DFB hat euch 2017 wie 2026 die Lizenz entzogen — und beide Male war die Sache eindeutig. Beide Male habt ihr die Liquiditätsfrist nicht erfüllt. Beide Male war das euer eigenes Problem. Was wollt ihr dem Verband vorwerfen?
Auf den ersten Blick stimmt das. Der DFB hat in beiden Fällen Liquiditätsfristen gesetzt, die eindeutig waren. 2017 wurden rund 11 Millionen Euro verlangt. 2026 wurden 2,7 Millionen Euro verlangt. In beiden Fällen war die KGaA nicht in der Lage, diese Beträge fristgerecht zu erbringen. Sehr formal betrachtet, ist die Lizenzentzugs Mechanik juristisch sauber.
Auf den zweiten Blick zeigt sich aber eine interessante Asymmetrie. Die 2,7 Millionen Euro im Mai 2026 waren bereits zugesagt. Im Februar 2026 hatte Biel Ballester Relat, der HAM Vertreter im KGaA Aufsichtsrat, schriftlich bestätigt, dass die entsprechenden Darlehen rechtzeitig ausgezahlt würden. Die KGaA Geschäftsführung hatte ihre gesamte Liquiditätsplanung darauf aufgebaut.
Drei Monate später kündigte HAM diese beiden Darlehensverträge. Am 21. Mai 2026. Dreizehn Tage vor der DFB Frist. Die KGaA hatte keine realistische Möglichkeit, in dreizehn Tagen eine alternative Liquiditätsquelle für 2,7 Millionen Euro zu finden. Eine Bank Linie braucht Wochen. Ein neuer Investor braucht Monate. Eine kurzfristige Brücken Finanzierung war unter dem Marktpreis nicht machbar. Was Ismaik am 21. Mai gemacht hat, war eine kalkulierte Lizenz Sabotage. Nicht eine spontane Kreditkündigung. Eine kalkulierte Sabotage mit klarem Effekt.
Der DFB hat in dieser Situation seine Statuten angewendet. Das ist nicht zu kritisieren. Was zu diskutieren wäre, ist die Frage, ob die DFBLizenz Statuten gegenüber kalkulierten Investoren Sabotage Akten ausreichende Sanktionsmöglichkeiten enthalten. Was passiert mit einem Investor, der vorher vertraglich gesicherte Liquidität in der finalen Stunde verweigert, um den Klub absichtlich in den Lizenzverlust zu treiben? Welche Sanktionen kann der DFB gegen den Investor selbst verhängen — nicht gegen den Klub? Welche Mitwirkungs Pflichten haben Mehrheits Investoren gegenüber dem Lizenz Prozess? Diese Fragen sind in den DFB Statuten 2026 nicht ausreichend abgedeckt.
Auch beim ersten Lizenzentzug 2017 zeigte sich dieselbe Lücke. Auch damals hatte Ismaik eine Liquiditäts Zusage gemacht. Auch damals wurde sie in der finalen Stunde nicht eingelöst. Auch damals hat der DFB formal die Lizenz entzogen und Sechzig den Lizenzentzug zugeschoben. In beiden Fällen wurde nicht der Investor sanktioniert, sondern der Klub.
Wer also sagt: Der DFB hat euch fair behandelt — vergisst, dass der DFB strukturell nicht in der Lage ist, zwischen einer von der KGaA selbst herbeigeführten Liquiditätslücke und einer von einem Investor mit operativer Aufsichtsratsmehrheit kalkulierten Sabotage zu unterscheiden. Auch das ist eine 50+1-Lücke. Sie ist nicht der Sechzig Mitgliedschaft anzulasten. Sie ist eine Reform Aufgabe für die deutsche FußballLizenzpolitik. Eine Reform, die nach der Ismaik Episode 2026 möglich geworden ist — und die die Sechzig-Erfahrung als Lehrstück nutzen wird.
MYTHOS ZWÖLF — DIE STADT MÜNCHEN IST NEUTRAL
Variante eher leise: Die Stadt München ist Großstadt Hauptverein FCB. Die Stadtpolitik ist neutral. Wenn Sechzig nicht mehr klar kommt, ist das sein Problem. Die Stadt hat sich nicht in Vereinskonflikte einzumischen.
Auch das ist eine Erzählung, die einer Überprüfung nicht standhält.
Erste Tatsache: Das Grünwalder Stadion gehört der Stadt München. Es ist Grundstücks Eigentum der Landeshauptstadt. Es wird durch städtische Subventionen unterhalten. Die Stadt hat über die Nutzung jährliche Vertragsverhandlungen mit ihren Vereins Mietern. Sechzig spielt auf städtischem Grund. Das macht die Stadt zu einer aktiven Akteurin in der Sechzig-Strategie — ob sie will oder nicht.
Zweite Tatsache: Der Grünwalder Stadion Ausbau auf 25.000 Zuschauer ist eines der zentralen sportpolitischen Themen in München seit Jahren. Es gibt Mehrheits Beschlüsse im Stadtrat, die ein solches Vorhaben unterstützen. Es gibt Finanzierungs Diskussionen, in denen städtische Anteile vorgesehen sind. Es gibt aber auch Verzögerungen, Planungs Konflikte mit Anwohnern, Denkmalschutz Auflagen, die das Projekt seit Jahren behindern. Wer hier von Neutralität spricht, verniedlicht eine politisch geführte Auseinandersetzung.
Dritte Tatsache: Die Stadt München hat in der Allianz Arena Geschichte 2001 bis 2006 eine durchaus aktive Rolle gespielt. Die Stadt hat zur Planungs Genehmigung und Infrastruktur Investition substantiell beigetragen. Sie hat damit die Position des FC Bayern im Münchner Stadt Marketing institutionell mit gefestigt. 1860 wurde als Mit Gesellschafter eingebunden. Aber die Mit Eigentümerschaft erwies sich für Sechzig in den Folgejahren als ökonomisches Verlustgeschäft. Wer das in der Stadtpolitik mit zuverantworten hat, wurde nie in einer Bilanz abgerechnet.
Vierte Tatsache: Die Bayern haben im Münchner Stadt Marketing eine quasi staatliche Funktion. Sie sind die international sichtbarste Stadt Marke. Sie werden bei jeder Großstadt Repräsentation mit eingeladen. Sie genießen einen institutionellen Status, der Sechzig in der Größenordnung nicht zugeschrieben wird. Das ist nicht unfair — die Bayern haben sportlich und wirtschaftlich diesen Status verdient. Aber es ist auch nicht neutral. Es bedeutet, dass die StadtPolitik in Konfliktsituationen zwischen FC Bayern und 1860 strukturell zum FC Bayern Vorteil verzerrt ist.
Was die Stadt München in der jetzigen Sechzig-Sanierung tun könnte: Sie könnte aktiv eine Beteiligung an einer neuen Stadion Betriebsgesellschaft prüfen. Sie könnte die Sanierungs Verhandlungen zwischen e.V. und Lead Investor moderieren. Sie könnte städtische Bauland Ressourcen für einen Stadion Umbau zur Verfügung stellen. Sie könnte Sicherheits Auflagen so dimensionieren, dass sie die Vereinsstrukturen nicht überlasten. Sie könnte überhaupt anerkennen, dass eine zweite, nicht FC Bayern bestimmte Fußball Identität für eine Großstadt wie München eine kulturelle Ressource ist, die in der städtischen Identitäts Politik geschützt gehört.
Das alles ist nicht im Detail in Pressemitteilungen abgesichert. Aber die Sechzig-Sanierung wird ohne die Stadt München nicht funktionieren. Wer also sagt, die Stadt sei neutral, hat die strukturelle Verflechtung von städtischer Infrastruktur und Vereinsstrukturen nicht verstanden. Es gibt kein neutrales Stadion. Es gibt kein neutrales Stadt Marketing. Es gibt nur politische Entscheidungen mit jeweils benannten Begünstigten.
MYTHOS DREIZEHN — DER e.V. IST GENAUSO PLEITE WIE DIE KGaA
Beliebte Variante in Sport Talkshows: Sechzig ist insgesamt am Ende. Nicht nur die KGaA. Auch der Hauptverein. Wenn 60 Millionen Schulden in der Profigesellschaft stehen, kann der Mutterverein das nicht aushalten. Der e.V. wird mit fallen. Spätestens dann ist Sechzig endgültig Geschichte.
Dieser Mythos ist in der öffentlichen Berichterstattung tief verankert. Er ist auch faktisch falsch.
Schauen wir uns die nackten Zahlen an. Die TSV München von 1860 e.V. Bilanz wird seit Jahren von ECOVIS Wirtschaftstreuhand geprüft. Die Berichte werden den Mitgliedern auf den Versammlungen vorgelegt; vollständige Jahresabschlüsse des e.V. sind nicht öffentlich. Schauen wir auf die letzten neun Geschäftsjahre.
Geschäftsjahr 2016/17. Jahresergebnis minus 54.412 Euro. Eigenkapital zum 30. Juni 2016 war 2.713.406 Euro. Mitglieder: 18.892.
Geschäftsjahr 2017/18. Jahresergebnis plus 204.599 Euro. Mitglieder gestiegen auf 20.960.
Geschäftsjahr 2018/19. Jahresergebnis plus 398.868 Euro. Mitglieder 21.976.
Geschäftsjahr 2019/20. Jahresergebnis plus 434.335 Euro. Mitglieder 22.541. Corona Jahr. Trotzdem solider Überschuss.
Geschäftsjahr 2020/21. Jahresergebnis plus 388.660 Euro. Bilanzsumme 4.684.913 Euro. Bilanzgewinn 4.085.456 Euro. Mitglieder 23.473. Erstmals Trennung von 17 Einzelabschlüssen der Abteilungen.
Geschäftsjahr 2021/22. Jahresergebnis plus 192.042 Euro. Eigenkapital 30. Juni 2022 bei 4.277.498 Euro. Mitglieder 24.437.
Geschäftsjahr 2022/23. Jahresergebnis minus 6.164 Euro. Bilanzsumme 4.912.883 Euro. Bilanzgewinn 4.271 TEUR. Gesamterträge 4.493.370 Euro. Gesamtaufwendungen 4.499.873 Euro. Knapper Verlust. ECOVIS uneingeschränkter Bestätigungsvermerk. 151 Mitarbeiter im Schnitt. Geldkonten 1.918.374 Euro. Mitglieder 26.031.
Geschäftsjahr 2023/24. Jahresergebnis circa minus 900.000 Euro. Grund: 537.000 Euro weniger DFB Nachwuchsfördertopf, 561.000 Euro höhere Personalkosten. Mitglieder 26.900.
Geschäftsjahr 2024/25. Plan ausgeglichen durch Beitragserhöhung. Mitglieder 27.254 zum 1. Juli 2025.
Kumulierter Saldo über acht Geschäftsjahre 2016/17 bis 2023/24: plus 657.928 Euro. Eigenkapital zum 30. Juni 2023 bei 4.271.000 Euro. Liquide Mittel auf Konten 1.918.374 Euro. Plus 759 TEUR Fonds bei Sparkasse München. Plus 25 TEUR Beteiligung an der TSV München von 1860 Geschäftsführungs GmbH. Plus 1 Euro symbolische Beteiligung an der KGaA, hundert Prozent abgewertet.
Wer in diese Zahlen schaut, sieht keine Insolvenz Bedrohung. Wer sich fragt, ob ein Verein mit 4,9 Millionen Bilanzsumme, 4,3 Millionen Eigenkapital, 2 Millionen liquiden Mitteln und 27.254 zahlenden Mitgliedern am Ende ist, hat den Begriff Ende neu definiert.
Wichtiger Zusatz. Die KGaA ist eine rechtlich selbstständige Person. Ihre Verbindlichkeiten gehen nicht automatisch auf den e.V. über. Die Haftungstrennung zwischen Mutterverein und KGaA ist die zentrale juristische Konstruktion, die seit 2002 funktioniert. Wenn die KGaA insolvent geht, geht sie als selbstständige Einheit insolvent. Der e.V. verliert seinen KGaA Anteil mit Buchwert 1 Euro. Mehr nicht. Er verliert nicht seine Bilanzsumme. Er verliert nicht seine Mitgliedschaft. Er verliert nicht seine Liquidität. Er verliert nicht seine Beitragsbasis.
Im Gegenteil. Der e.V. subventioniert seit Jahren die KGaA. Die Forderung aus dem Servicevertrag des e.V. an die KGaA beläuft sich auf 790.728 Euro jährlich. Sie ist zu hundert Prozent wertberichtigt. Das heißt: Der e.V. erbringt Leistung an die KGaA für eine Vergütung, von der er aus eigener Bilanzierungsklugheit nicht erwartet, dass sie tatsächlich fließt. Über mehrere Jahre kumuliert sind das mehrere Millionen Euro de facto Subvention vom Mutterverein an die Profigesellschaft. Diese Konzern Mechanik ist in der Sport Berichterstattung kaum thematisiert worden, weil sie der HAM Narrative widerspricht. Die HAM Narrative sagt: HAM finanziert den Verein. Die Bilanzen sagen: Der Verein finanziert die HAM Konstruktion mit.
Wie weit diese stille Subvention reicht, zeigt eine sechzger.de-Recherche zur Fußballabteilung des e.V. aus 2025. Die Fußballabteilung schließt mit einer kumulierten Unterdeckung von rund 1,4 bis 1,5 Millionen Euro über zwei Geschäftsjahre. 2023/24: rund 900.000 Euro Unterdeckung. 2024/25: weitere rund 500.000 Euro. Plus 50.000 Euro Verlust im Frauenfußball- Bereich. Bei jährlichen Mitgliedsbeiträgen der Fußballabteilung von rund 1,5 Millionen Euro ist das eine substantielle Belastung. Hauptgrund ist eine struktur-spezifische Zuständigkeits-Lücke. Bis zur U17 ist der e.V. für das Nachwuchsleistungszentrum zuständig, ab U19 die KGaA. Seit 2017 fehlt aber ein Servicevertrag-Ersatz, der diese Lasten- Verteilung regelt. Die Folge: Der e.V. trägt faktisch den kompletten NLZ-Betrieb. Hinzu kommt, dass die Fußballabteilung des e.V. an die KGaA Miete für die Trainingsplatznutzung zahlt — denn das Trainingsgelände gehört der KGaA und damit, wirtschaftlich gesprochen, der HAM-Sphäre. Auch die Geschäftsstelle Grünwalder Straße 114, die formal die Adresse mehrerer Sechziger Gesellschaften ist, fällt in den KGaA-Kreis. Ein Klub, der sich selbst seine eigene Akademie über Beiträge der Mitglieder finanzieren muss, weil sein Profi-Eigentümer den Servicevertrag seit acht Jahren nicht aktualisiert hat, und der zusätzlich Miete an den eigenen Mehrheits-Eigentümer für Trainingsplatznutzung überweist — das ist die Realität, gegen die der Mythos vom „Sechzig hat von Ismaik gut gelebt“ lautlos verstummt. Plus eine ungetilgte KGaA-Schuld an den e.V. in mittlerer sechsstelliger Höhe (Stand e.V.-Bilanz 30.6.2024, gegen KGaA noch nicht ausgeglichen). Plus der DFB-Nachwuchsfördertopf 2024/25 in deutlich gesunkener Höhe (Rekordwert 22/23 lag bei 647.700 Euro), der zwar an die KGaA fließt, aber maßgeblich durch die Jugendarbeit des e.V. erwirtschaftet wird.
Der DFB Nachwuchsfördertopf ist ein weiterer Posten, der die e.V. Bilanz interessant macht. Die Zuschüsse schwankten in den letzten Jahren stark. Geschäftsjahr 2018/19 brachte 105.557 Euro. Geschäftsjahr 2019/20: 303.364 Euro. Geschäftsjahr 2020/21: 246.638 Euro. Geschäftsjahr 2022/23 brachte 647.700 Euro, ein Rekord. Geschäftsjahr 2023/24 dann der Einbruch um 537.000 Euro, weil sich die DFB Regularien änderten. Dieser Topf hängt davon ab, wie viele Einsatzminuten Spieler unter 21 Jahren in der Profimannschaft bekommen. Das ist nicht steuerbar durch den Mutterverein. Es ist eine Bilanz Volatilität, die der e.V. trotz solider Grundlage absorbieren muss.
Mitgliederwachstum 2016/17 bis 2024/25: plus 8.362 Personen. Das ist mehr als der gesamte Klubbestand mancher Drittliga Vereine. Der TSV 1860 e.V. hat in der angeblich schlimmsten Vereinsphase der Geschichte 8.362 Menschen neu für sich gewonnen. Das ist nicht das demographische Verhalten eines sterbenden Klubs. Das ist das demographische Verhalten eines Klubs, der seine Identifikationsbasis ausbaut.
Auch die Abteilungs Struktur ist stabil. 17 finanziell unabhängige Abteilungen. Eigene Einzelabschlüsse. Eigene Abteilungsversammlungen. Eigene Buchhaltung. Die Range der Abteilungsergebnisse 2020/21 lag zwischen minus 14.641 Euro und plus 283.201 Euro. Ein gesundes Verteilungsbild für einen Großverein mit Breitensport Auftrag. Die Begegnungsstätte Bamboleo wurde 2024 nach vier Jahrzehnten Pause neu eröffnet. Aktive Sportler aus Sechzig Abteilungen haben in den letzten Jahren an Welt und Europameisterschaften, in einigen Disziplinen sogar an Olympischen Spielen teilgenommen.
Wer behauptet, der e.V. sei genauso pleite wie die KGaA, lügt. Wer es nicht weiß, hat die Bilanzen nie gelesen. Beide Antworten sind problematisch, und beide werden in der nächsten Sechzig Diskussion am Tresen vorkommen. Sie sind beide leicht zu widerlegen. Eine Bilanzsumme von 4,9 Millionen Euro ist nicht null. Ein Eigenkapital von 4,3 Millionen Euro ist nicht negativ. 1,9 Millionen Euro liquide Mittel sind nicht aufgebraucht. 27.254 Mitglieder sind nicht weg. Das ist die Substanz, mit der Mang in die Sanierung geht. Das ist die Substanz, die ein Lead Investor neben der Genossenschaft sieht, wenn er die Beteiligungs GmbH zeichnet. Das ist die Substanz, mit der die Regionalliga Saison 2026/27 finanziert werden kann, ohne dass der Klub Bankrott geht.
Übersetzt für den Mann am Tresen: Die KGaA wird Insolvenz machen. Der e.V. bleibt. Und der e.V. hat solide Bilanzen, geprüft von ECOVIS, dokumentiert auf 4,9 Millionen Bilanzsumme zum 30. Juni 2023. Wer noch immer behauptet, Sechzig sei am Ende, behauptet etwas, das den Mitgliederversammlungs Protokollen 2022, 2024 und 2025 widerspricht. Wer die Protokolle nicht gelesen hat, muss diesen Mythos nicht weiter verbreiten. Es gibt im Sport Journalismus genug, was berichtet werden müsste, ohne diese Falschbehauptung als Hintergrundwissen mitzuschleppen.