Peter Breuer
„Hier hat man eine Hands-on-Mentalität, man macht einfach erst mal."
„Hier hat man eine Hands-on-Mentalität, man macht einfach erst mal."

Peter Breuer

Geschäftsführer & Mitgründer ENDOLIFE | Gestalter moderner MVZ-Strukturen und Verfechter gelebter Prävention
Pottografie

Peter Breuer ist Geschäftsführer und Mitgründer der ENDOLIFE GmbH, einer endokrinologischen MVZ-Gruppe mit Schwerpunkt auf Hormone, Wechseljahre und Longevity Medicine. Seit über 20 Jahren arbeitet der gebürtige Bochumer im Gesundheitsmanagement, nach dem dualen BWL-Studium ging es direkt ins Gesundheitswesen, zuletzt als CEO der EndoKonsil-Gruppe. Ihn treibt die Frage um, wie ambulante Versorgung besser funktionieren kann: MVZ als attraktive Arbeitgeber, weniger Bürokratie für Ärztinnen und Ärzte, klar gesteuerte Patientenströme. Prävention ist für ihn dabei nicht nur Fachgebiet, sondern Haltung, beruflich wie privat. Geprägt hat ihn das Ruhrgebiet: Bodenständigkeit, Fleiß und eine Hands-on-Mentalität, die er auch jungen Menschen mit auf den Weg gibt.
Interview mit Business Punk Chefredakteur Oliver Stock: [Oliver Stock]: Hallo Peter, stell dich doch bitte einmal vor. [Peter Breuer]: Ja, gerne. Ich bin Peter Breuer und beruflich bin ich nach meinem dualen BWL-Studium hier in Bochum direkt ins Gesundheitswesen gerutscht, sozusagen. Ich arbeite seit über 20 Jahren im Gesundheitsmanagement. Momentan bin ich Geschäftsführer und Mitgründer der Endolife GmbH. Das ist im Grunde eine endokrinologische MVZ-Gruppe. Unsere Schwerpunkte sind Hormone und Wechseljahre. Der Longevity-Bereich ist derzeit in vielen Ausprägungen präsent. Das ist natürlich auch ein großes Hormonthema bei uns. Dazu gibt es viel Nachfrage. Also alles, was den Stoffwechsel angeht, ist sozusagen unser ärztlicher Bereich. Privat bin ich 46 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Söhne. Ich habe früher, wie es sich für ein Ruhrgebietskind gehört, viel Fußball gespielt, und zwar sehr intensiv. Jetzt bin ich nur noch intensiver Zuschauer und versuche, meine Tipps und Tricks nicht an die Jungs weiterzugeben. Sportlich versuche ich mich im Tennis. Paddle habe ich jetzt mal gespielt und fand es sehr interessant. Ich mache ein bisschen Kraftsport und Ausdauer, also versuche ich, sehr ausgewogen zu sein. Im Winter ist mit der Familie Skifahren immer ein Highlight, das passt auch beruflich sehr gut, weil wir viel über Prävention reden, und Prävention und Sport liegen da sehr eng beieinander. Das versuchen wir sowohl im Beruf als auch privat ganz gut umzusetzen. [Oliver Stock]: Was macht den Pott für dich aus? [Peter Breuer]: Ja, ich habe im Vorfeld tatsächlich einmal darüber nachgedacht, was für einen selbstverständlich geworden ist. Wenn man jetzt über 40 Jahre hier zu Hause ist, gibt es schon ein paar Dinge, die einem im Nachhinein aus der Kindheit und dem Erwachsenwerden klar geworden sind. Das fängt damit an, dass man hier eine Hands-on-Mentalität hat, also sehr ehrlich und direkt ist. Das ist für Außenstehende, die nicht aus dem Ruhrgebiet kommen, vielleicht am Anfang ein bisschen erschreckend. Es macht aber auch in vielen Dingen vieles einfacher. Man macht einfach erst mal. Das kommt sehr häufig vor. Man achtet also nicht so sehr darauf, ob es politisch korrekt ist oder nicht. Kann ich das machen? Darf ich das? Das geht sehr zügig. Ich bin auch sehr bunt aufgewachsen, also mit vielen Kulturen. Da waren alle immer sehr neugierig. Wie sieht es bei denen zu Hause aus? Machen die so? Wir haben viel zusammen gelacht. Bei einigen wurde man ja auch tatsächlich sehr schnell Teil der Familie. Und dieses Thema, das heute so im Vordergrund steht, Integration, das gab es früher gar nicht. Das hat man einfach gemacht. Man war einfach Teil der ganzen Sache. Das hat auch super funktioniert. Es wäre schön, wenn wir wieder dorthin zurückkommen könnten. Ich glaube, das leidet im Moment ein bisschen, aber früher war es sehr einfach umzusetzen. Was das Ruhrgebiet natürlich noch auszeichnet, ist, dass, obwohl es ja irgendwie eine Einheit ist, jede Stadt einen eigenen Fußballverein hat, auf den alle in der Regel sehr stolz sind. Das fängt in Dortmund an, geht über Bochum, Gelsenkirchen, Duisburg, Essen und so weiter. Egal, wo man hinkommt, es gibt immer einen Fußballverein und der ist immer ein bisschen mehr als nur ein Fußballverein. Gerade die letzte Saison war sportlich nicht so erfolgreich, Bochum und Schalke zum Beispiel, aber trotzdem sind die Stadien voll. Man trifft sich dort, es ist ein Event, ein Highlight. Das zeichnet das Ruhrgebiet sicherlich auch sehr gut aus und zeigt auch immer einen guten Zusammenhalt. Und da hat das Ruhrgebiet gegenüber vielen anderen Regionen einfach einen immensen Vorteil, würde ich sagen. [Oliver Stock]: Wenn jemand noch nie im Pott war, was würdest du sagen, warum es sich lohnt, hierherzukommen? [Peter Breuer]: Einfach den Schlag an Menschen kennenzulernen. Das finde ich hochinteressant. Und dann diese fließenden Übergänge von Stadt zu Stadt, und trotzdem hat jede Stadt irgendwie ein eigenes Bild. Durch das Ende der Kohle hat sich hier ja ein ziemlicher Wandel hin zu tatsächlich landschaftlich tollen Dingen ergeben. Es gibt sehr viele Kanäle und Bildungsstätten sind mittlerweile ziemlich stark vertreten. Und so etwas mal zu sehen, wie so ein Wandel gelingen kann, und dass man nicht mehr dieses Kohlebild vor Augen hat, hier alles grau, sondern erstaunt ist, wie grün es hier überall sein kann, das würde ich jedem empfehlen, sich das auch anzusehen, und das geht mittlerweile auch gerne per Fahrrad im ganzen Ruhrgebiet. Das würde ich nicht gerade im Winter oder im Herbst empfehlen, aber bei gutem Wetter schon. [Oliver Stock]: Mit welcher Figur oder Persönlichkeit verbindest du das Ruhrgebiet? [Peter Breuer]: Es gibt hier ja einige Persönlichkeiten, wenn man ein bisschen darüber nachdenkt. Beim Fußball zum Beispiel war Helmut Rahn damals der Chef. Dann gibt es neue Fußballfiguren wie Manuel Neuer und Leon Goretzka, die ich zum Beispiel sehr beeindruckend finde. Er hat acht Jahre bei Bayern gespielt und war vor ein paar Wochen noch im Trikot hier im Bochumer Stadion. Das zeigt auch gut dieses Bodenständige. Das hat er super verkörpert. Ihm ist es völlig egal, ob er mit Uli Hoeneß ein Weißbier trinkt oder mit den Fans des VfL im Stadion einen Fiege. Da macht er keinen Unterschied, und das zeichnet ihn auch aus. Aber eine Person, die ich als richtiges Vorbild bezeichnen würde, gibt es nicht. Als Kind waren es natürlich immer die Fußballer, das bleibt nicht aus. Ansonsten würde ich sagen, dass das hier einfach der ganze Menschenschlag ist. Es ist tatsächlich der ganze Schlag hier. [Oliver Stock]: Kann man das auch sinnbildlich sehen? In einem Stadion, zum Beispiel Schalke, 60.000 Leute, vom Arbeiter bis zum Akademiker, von jung bis alt, von Großfamilie bis kinderlos. Also ist das so ein Melting Pot, in dem alle in einem Stadion zum Beispiel beim Fußball zusammenkommen. Es ist egal, welchen kulturellen Hintergrund oder welchen Beruf du hast. Wenn du zusammen im Stadion bist, spürst du das. Oder ist das ein Punkt, wo du sagst, das Ruhrgebiet ist in dieser Hinsicht vielleicht weniger wählerisch als andere Bundesländer, wo die Herkunft bei sportlichen Aktivitäten völlig egal ist? [Peter Breuer]: Total. Gerade wenn man mal auf Schalke fährt, ich bin kein Schalker aber man merkt einfach, was du meinst: Wie die da alle zusammenstehen, ist völlig egal. Man merkt gar nicht, wo sie herkommen. Aber das kennen alle im Stadion ja auch von klein auf, wahrscheinlich auch in Gelsenkirchen, dass man einfach zusammensteht. Das drückt es super aus. [Oliver Stock]: Schauen wir uns jetzt noch einmal das Thema Resilienz im Ruhrgebiet an. Glaubst du, dass die Menschen hier durch den Strukturwandel zur Transformation resilienter sind, weil sie bereits einen starken Strukturwandel vollzogen haben, während dieser Prozess in anderen Regionen vielleicht noch nicht stattgefunden hat? [Peter Breuer]: Ich kann nur aus persönlichen Erfahrungen sprechen. Ich habe den Kohleausstieg nicht aktiv miterlebt, aber trotzdem die Auswirkungen mitbekommen, zum Beispiel die vielen Industriebrachen. Das sah nicht schön aus, aber inzwischen sind sie alle wieder mit Leben gefüllt worden, und zwar nachhaltig. Wirtschaftlich ist das sicher eine Erfahrung, die man machen muss und die einen auf jeden Fall stärkt, wenn einem die wirtschaftliche Existenz weggenommen wird und man etwas Neues daraus machen muss. Und ich glaube, wenn man das einmal durchgemacht hat und gesehen hat, wie es geht, dann macht einen das resilienter, als wenn man es noch nicht erlebt hat. Es muss aber, glaube ich, auch einmal richtig wehtun. Erst dann ist man bereit, etwas zu ändern. [Oliver Stock]: Kommen wir noch einmal auf deinen Beruf zu sprechen. Gibt es im Bereich der MVZ aktuell einen Strukturwandel oder wie siehst du die Zukunft der Branche und der MVZ? [Peter Breuer]: Ja, das ist eigentlich etwas, das man aus den neuen Bundesländern adaptiert hat. Diese Formen gab es hier vorher noch nicht so richtig. MVZ sind einfach größere fachübergreifende Praxisverbünde oder Konstruktionen. Das spiegelt sich aber in der Abrechnung und in den Weiterbildungen überhaupt nicht wider. In einigen Fällen ist das gar nicht aufeinander abgestimmt. Das hinkt immer ein bisschen hinterher. Dann gibt es die Diskussion über privates Kapital, das in solche MVZ-Strukturen fließen kann. Das hat alles seine Vor- und Nachteile. Im Grunde ist die Stimmung im Moment, was MVZ angeht, ein bisschen besser geworden, würde ich sagen. Sie war so einen kleinen Tacken negativ, aber das hat sich ein bisschen geändert, weil MVZ attraktive Arbeitgeber sein können, sowohl für Ärzte als auch für nichtärztliches Personal und hochqualifizierte Menschen, die mit sehr viel Verantwortung dort arbeiten. Im Moment ist es ein bisschen im Umbruch und kostengetrieben, und das wird sehr spannend, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt. Es gibt da eine gewisse Resilienz, aber es gibt zu wenig Erfahrungswerte. Wenn man einmal so eine große Reform durchzieht, gab es die letzte, glaube ich, in den 90ern, und das wird man jetzt wahrscheinlich auch wieder merken, wenn das so weitergeht. Man muss also an den Strukturen arbeiten, denn das ist jetzt einfach so. Ein MVZ kann eine Hilfe sein, muss aber nicht die Allheil-Lösung sein. Wichtiger wäre es in meinen Augen, Patientenströme zu steuern. Das klingt vielleicht negativ, aber man muss den Patienten auch zeigen, wo es Sinn macht hinzugehen, was wir uns überhaupt noch leisten können und was noch möglich ist. Wir haben so viele gut ausgebildete Menschen im Gesundheitssystem, das muss man einfach besser nutzen. [Oliver Stock]: Könntest du bitte kurz die Vorteile für Ärzte und Patienten skizzieren, wenn sie in einem MVZ arbeiten? [Peter Breuer]: Ja, für Ärzte hat es Vorteile, im Infozentrum im ambulanten Bereich zu arbeiten, da man einfach auch Patienten sieht, die man vorher im Krankenhaus nicht gesehen hat. Dienste sind immer ein Thema. Im Krankenhaus ist es natürlich wichtig, dass Ärzte rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Das passt aber nicht zu jedem Lebensmodell. Das ist natürlich ein Vorteil. Ähnlich wie im Krankenhaus kann man natürlich auch ein bisschen kaufmännische Expertise mit einbringen. Man kann viel Unterstützung geben, auch fachübergreifend. Das heißt, man ist nicht so ganz alleine, sondern hat auch einen kollegialen Austausch. Man darf auch mal krank sein oder in Urlaub fahren. Das gibt es alles ohne Probleme. Es ist einfach eine ganz normale Form der Anstellung für Mediziner. Allerdings müssen wir in allen Bereichen noch stark daran arbeiten, die Dokumentationspflicht, also den gesamten administrativen Bereich, noch stärker von der eigentlichen ärztlichen Tätigkeit abzukoppeln. In dieser Hinsicht ist man zwar auf einem guten Weg, aber es wird noch etwas dauern. [Oliver Stock]: Und aus Patientensicht: Was ist das Coolste und Wertvollste? [Peter Breuer]: Ja, weil die Ärzte in der Regel tatsächlich auch wohnortnah greifbar sind. Die Meinung der Ärzte ist also sehr gefragt. In der Regel sind verschiedene Fachrichtungen in einem MVZ vertreten. Das heißt, man kann sich bei bestimmten Erkrankungen direkt intern abstimmen. Und das kommt den Patienten zugute. Damit sind wir bei der Frage, ob privates Kapital überhaupt in diesen Markt sollte. Ich glaube schon, dass es sinnvoll ist, privates Kapital in diesen Markt zu lassen, weil so viele Praxen technisch vernünftig ausgerüstet werden können und Patienten von den neuesten Entwicklungen profitieren können. [Oliver Stock]: Was gibst du jungen Menschen im Ruhrgebiet von deinen vielfältigen Erfahrungen mit auf den Weg, beruflich wie privat? Was ist die Kernessenz, die du jungen Menschen, die hier aufgewachsen sind oder gerade aufwachsen, mitgibst? [Peter Breuer]: Die Bodenständigkeit auf jeden Fall. Das ist mir extrem wichtig. Fleiß wäre tatsächlich auch ein Punkt, den ich gerne anbringen möchte. Unsere Großeltern und Urgroßeltern haben für die Arbeit gelebt, haben aber umgekehrt auch nicht so viel auf ihre Gesundheit und ihren Körper geachtet. Das würde ich genauso mitgeben. Das ist ja auch unser beruflicher Kontext. Das ist das Wertvollste, was wir haben, und da ist Prävention sehr wichtig. Das sollte auch unbedingt ein Schulthema werden, aber junge Menschen müssen auch selbst darauf achten, in ihre Gesundheit und ihren Körper zu investieren. Wie gesagt, ist Bodenständigkeit wichtig und Offenheit für Neues, denn früher war es für viele klar: Ich studiere Jura und werde Rechtsanwalt. Das hat sich stark vereinfacht und ich glaube, dass sich das weiter wandeln wird. Aber mit den Erfahrungen, die man hier im Ruhrgebiet mitnimmt, ist man dafür bestens aufgestellt. [Oliver Stock]: Letzte Frage an jemanden, der im Ruhrgebiet wohnt, lebt und arbeitet: Was ist dein Wunsch für die Region? Wo glaubst du, sollte das Ruhrgebiet sich weiterentwickeln, damit du dich hier auch weiterhin wohlfühlst? [Peter Breuer]: Ja, ich denke, wir sollten wieder von unseren Kindheitserfahrungen lernen, wie Integration funktioniert: einfach da sein, miteinander sprechen und etwas unternehmen. Ich glaube, dass es höchste Zeit dafür ist und dass der Zugang zu den vielen Bildungsmöglichkeiten auf jeden Fall für alle möglich sein muss, weil ich glaube, dass das ein großer Schlüssel sein kann. [Oliver Stock]: Super, vielen Dank für das Gespräch. In diesem Sinne: Glück auf! [Peter Breuer]: Glück auf!
„Bodenständigkeit und Offenheit für Neues, damit ist man bestens aufgestellt."