Armut kostet Lebensjahre und drückt die Rente
Zwar stieg die Lebenserwartung in allen Einkommensschichten, in Westdeutschland gewann die unterste Gruppe von 1997 bis 2016 aber nur 1,8 Jahre hinzu, während die oberste Gruppe im gleichen Zeitraum fast doppelt so viel Lebenszeit dazugewann. Besonders in Ostdeutschland hat sich die Zahl der Männer im untersten Einkommensfünftel zwischen 2005 und 2016 von rund 20 Prozent auf fast 36 Prozent nahezu verdoppelt, was Forscher laut T Online auch mit Langzeitarbeitslosigkeit und geringfügiger Beschäftigung in den letzten Erwerbsjahren in Verbindung bringen. Forscher sprechen laut T Online vom Schock der Wiedervereinigung, weil ostdeutsche Männer im Schnitt ein potenzielles Lebensjahr verlieren, das ihnen bei stabiler sozioökonomischer Struktur zugestanden hätte.
Die Untersuchung bezieht sich dabei ausschließlich auf Männer, weil westdeutsche Frauen laut T Online im untersuchten Zeitraum eine vergleichsweise geringe Arbeitsmarktbeteiligung aufwiesen und ihre teils geringen Renten oft durch Haushaltseinkommen kompensiert wurden. Selbstständige und Beamte fehlen in der Datenbasis komplett, was die tatsächliche Spreizung nach Einschätzung der Forscher eher unterschätzt als überzeichnet. Für den Mittelstand ist das mehr als eine soziale Randnotiz. Wer in strukturschwachen Regionen Fachkräfte hält oder gewinnen will, konkurriert mit einem Arbeitsmarkt, in dem Einkommen und Lebenserwartung direkt zusammenhängen. Betriebliche Altersvorsorge und Gesundheitsangebote werden damit zum handfesten Standortfaktor, nicht zur freiwilligen Zusatzleistung. Die Zahlen der DRV zeigen letztlich vor allem einen statistischen Durchschnitt und keine Garantie für den individuellen Ruhestand, wie lange jemand tatsächlich Rente bezieht, hängt vom persönlichen Renteneintritt, Geschlecht, Einkommen und der individuellen Lebenserwartung ab.
Business Punk Check
Die 20,5 Jahre Rentenbezugsdauer sind eine schöne Schlagzeile und eine schlechte Grundlage für individuelle Planung. Der Durchschnitt verdeckt, dass Geringverdiener kürzer leben, kürzer Rente beziehen und trotzdem oft länger arbeiten müssen, weil ihre Rentenpunkte niedrig ausfallen. Politisch wird die steigende Bezugsdauer gern als Erfolgsgeschichte der Rentenversicherung verkauft. Wirtschaftlich ist sie vor allem ein Verteilungsproblem, das sich seit der Wiedervereinigung in Ostdeutschland verschärft hat. Wer als Arbeitgeber im Osten oder in strukturschwachen Regionen rekrutiert, sollte diese Lücke kennen, statt sie als demografisches Rauschen abzutun. Entscheider, die früh auf betriebliche Gesundheitsvorsorge und faire Vergütung in unteren Lohngruppen setzen, verschaffen sich einen Vorteil gegenüber jenen, die auf den nationalen Durchschnittswert vertrauen.
Auf einen Blick
- Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer bei Versichertenrenten stieg laut Focus von 16,9 Jahren (2004) auf 20,5 Jahre (2024), Frauen liegen mit 22,1 Jahren über Männern mit 18,9 Jahren.
- Das durchschnittliche Renteneintrittsalter erhöhte sich im selben Zeitraum deutlich, wodurch ein Teil der gewonnenen Lebenserwartung durch späteren Ruhestandsbeginn wieder aufgezehrt wird.
- Das Robert Koch-Institut dokumentiert eine gewachsene Lebenserwartungslücke von 7,2 Jahren bei Männern und 4,3 Jahren bei Frauen zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Regionen.
- Laut T Online verdoppelte sich in Ostdeutschland der Anteil der Männer im untersten Einkommensfünftel zwischen 2005 und 2016 von rund 20 auf fast 36 Prozent, mit direkten Folgen für deren Lebenserwartung und Rentendauer.