Schön gefailt: Wieso Bernhard Schweizer in NYC todunglücklich war

Fails am Arbeitsplatz passieren wirklich allen: egal, ob es sich um ein fragwürdiges Design, eine schlechte Performance im Büro oder ein schiefgegangenes Experiment handelt, das die Chefin auf die Palme gebracht hat. In unserer neuen Reihe „Schön gefailt“ erzählen Gründer*innen und Unternehmer*innen jeden Freitag, was ihr größter Fail war, wie sie damit umgegangen sind – und was sie daraus gelernt haben und ihrem jüngeren Ich heute raten würden.

Heute erzählt Bernhard Schweizer. Er hat es als gelernter Koch, Kellner und Bartender bis zum Küchenchef und Maître d’Hôtel in Restaurants, Gourmetstuben und Luxus-Ressorts gebracht und arbeitet heute im systemischen Coaching und ist Autor des Buches „Rock your Business“.

Bernhard Schweizer, Autor und Organisationsentwickler:

Viele von uns kennen das, was gemeinhin als Schlüsselerlebnis bezeichnet wird: Es ist diese eine Situation, in der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt und die eine klare Entscheidung verlangt. Sobald diese zugegebenermaßen mit schweren Kämpfen verbundene Entscheidung einmal getroffen ist, sortiert sich das Leben plötzlich und scheinbar von allein. Dabei sind wir es selbst, die etwas verändert haben – unsere Einstellung, unsere Prioritäten, unseren Fokus. Diese oftmals sehr schwierigen Umstände können sich also als best failure herausstellen, nämlich als Gelegenheit, sein bisheriges Agieren zu hinterfragen und die Richtung entscheidend zu ändern.

Big Apple, der American Dream, Harley Davidson – ich weiß nicht mehr, was genau die Vereinigten Staaten von Amerika für mich so attraktiv gemacht hatte. Vielleicht eine Summe aus allem, ein ganzer Blumenstrauß an Idealvorstellungen, Träumen, Hirngespinsten und Erwartungen. Ich sah mich auf einer Harley sitzen und durch die unendliche Weite der Wüste fahren, die mich so begeisternde Kultur mit Haut und Haaren erleben und mit interessanten Menschen spannende Gespräche führen. Schließlich hatte ich meine Ausbildungen bis hin zur Managementschule absolviert und war nun angesichts des zugesagten Jobs perfekt gerüstet für einen Neustart auf der anderen Seite des großen Teiches.

Was jetzt so simpel klingt, war in der Realität alles andere als einfach: Ich musste ja nicht nur meine Wohnung auflösen, um meinem Traum zu folgen. Ich habe all meine Lieben brüskiert und zurückgelassen, dabei sogar eine mir wertvolle, über einige Jahre sehr glückliche Beziehung mit einer wundervollen Frau geopfert, so besessen war ich davon, in die USA zu gehen. Mit einem Wort: Ich habe alle Brücken hinter mir abgebrochen – und das nicht gerade zimperlich, als ich gemeinsam mit Gleichgesinnten endlich im Flugzeug nach New York saß. An einem kühlen, klaren Morgen sollte ich erstmals US-amerikanischen Boden betreten und endlich den Moment erleben, dem ich jahrelang entgegengefiebert und auf den ich mich vorbereitet hatte. Nun war es so weit. Und? Nichts. „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Luft raus.

Weiter hatte ich nicht gedacht, weiter hatte ich nicht geplant. Wie ein liebestoller, unreifer Jüngling hatte ich nur dieses eine Ziel vor Augen: ICH WILL NACH AMERIKA! Koste es, was es wolle! Und dann? Es kam, wie es kommen musste, das weiß ich heute: Weder erwies sich der Job als dauerhaft und befriedigend, noch hatte ich irgendeine Vorstellung davon, was ich überhaupt in den USA mit mir anfangen sollte – ich war lost in space. Völlig planlos, ohne Ziele, ohne Vision. Schlimmer noch, ich suhlte mich in Selbstmitleid und sah mich als Opfer, schließlich erwies sich die Organisation, für die ich gearbeitet hatte, nicht nur mir gegenüber als mieser Arbeitgeber. Ich stand mit nichts da. Das war meine Stunde der Wahrheit, der ich mich wohl oder übel stellen musste: Bleiben und irgendwie durchschlagen oder den schweren Weg zurückgehen und mein Leben auf die Reihe kriegen?

Im Nachhinein erwies sich meine Amerika-Abenteuer als best failure: Ich war knallhart zu Boden gegangen, ja, das war zwar schmerzhaft, aber auch absolut notwendig. Es war auch nicht immer angenehm, sich den eigenen Fehlern zu stellen und mich selbst, meine Ideale und meine Werte zu erforschen. Aber nur auf diesem Wege konnte in mir die Überzeugung reifen, dass wir alle hier auf Erden eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen haben, etwas, das wir besonders gut können, wofür wir brennen und das wir mit Leidenschaft besser als andere leisten können. Dazu brauchen wir eine Vision, ein Ziel, auf das wir hinarbeiten und uns dabei weiterentwickeln.

Wenn ich also heute als Business Rocker mit Menschen, Unternehmen und Organisationen über deren Ziele und Visionen diskutiere, dann hat das einen guten Grund: Kennen wir unser Ziel, unsere Eigenheiten und unsere Identität, lässt sich auch der Weg bestimmen. Kennen wir den vor uns liegenden Weg, wissen wir auch, wo wir ankommen wollen und was unsere Bestimmung ist. Die USA werden für mich immer etwas Besonderes bleiben, nicht zuletzt verbunden mit meinem best failure. Fakt ist jedoch: Gerade dort landet man ohne konkrete Ziele ganz schnell irgendwo im Nirwana. Ich bevorzuge die Alternative – und die Musik der gleichnamigen Band.

Was ist also die Essenz? Mensch, Organisation oder Unternehmen – wir alle benötigen Träume, Visionen und Ziele, die unsere Bestimmung und Identität widerspiegeln. Nur so können wir unseren Weg bestimmen und sicherstellen, dass wir dort ankommen, wo wir hinwollen. Verfahren wir uns, können scheinbar ausweglose Situationen zum best failure werden – nutzen wir diese als Chance!

Unser Lerneffekt:

Träume haben ist super. Aber wissen, wo man ankommt und was man da eigentlich will, auch. Das kann auch nach dem Ausschlussprinzip funktionieren.

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